Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.01.12; Pfarrerin Kerstin Hanke

Militärseelsorge

Autorin: Thorsten Amling ist evangelischer Militärseelsorger. Seit Mitte November arbeitet er in Afghanistan, im internationalen Feldlager bei Mazar-i-Sharif.

Es ist sein erster Auslandseinsatz, auf den er sich gewissenhaft vorbereitet hat.

O-Ton: Man hat ja die ganz normale Einsatzvorausbildung mit den Soldaten gemeinsam. Das machen wir eigentlich alles gleich. Außer Schießen.  Da sind wir natürlich nicht beteiligt.

Autorin: Gottesdienste, Bibelfrühstück, Filmabende. Besprechungen mit den Psychologen und Ärzten. So sieht seine ganz normale Dienstwoche im Camp Marmal  aus. Das Büro der Militärseelsorge liegt mitten im Lager. Die Tür steht jedem offen.

O-Ton: Dann gibt es Leute, die melden sich zu einem Gespräch an., die gezielt einen Pfarrer sprechen wollen. Dann gibt es Leute, die wollen das auch. Aber die kommen einfach so herein.  Die schneien vorbei und sagen, haben Sie fünf Minuten Zeit. Und man sieht ihnen an, am liebsten würden sie gleich bleiben. Meistens sind Beziehungssachen, oder familiäre Sache.  Oder die Oma ist gestorben.

Autorin: In Deutschland kommen nur wenige Zwanzigjährige auf die Idee, bei Liebeskummer der Pfarrer aufzusuchen. Bei der Bundeswehr ist das selbstverständlich. Hier ist der Pfarrer vor allem als Seelsorger gefragt:

O-Ton: Wer in die Bundeswehr kommt, auch als junger Soldat, bekommt schon in der Einführungsveranstaltung gesagt. Pass auf, wenn du ein Problem hast, kannst du damit zum Pfarrer. Erzähl dem das. Die kommen nicht mit einer religiösen Erwartung. Es ist äußert selten, dass sich da mal ein Gebet anschließt. Für viele ist es einfach schon gut, es einfach einmal erzählt zu haben.

Autorin: Das Feldlager ist groß. Aber man läuft sich dennoch immer wieder über den Weg. Thorsten Amling- trotz oder gerade durch seine Uniform- ist sofort als Pfarrer erkennbar.

O-Ton: Und selbst für die lokalen Hilfskräfte sind wir klar erkennbar. Und manchmal sagen die auch German Mullah. Die wissen, wie sie das einordnen können.

Autorin: Viele verlassen während ihres Einsatzes nie das Lager, kennen Afghanen nur als Reinigungskräfte und Dolmetscher. Thorsten Amling aber fährt auch regelmäßig  in die Außenlager, um dort Gottesdienste zu halten.  Auf diesen Fahrten sieht er viel  von Land und Leuten.

O-Ton: Man kann Villen sehen, von Leuten, die es scheinbar in der letzten Zeit auch zu was gebracht haben. Man kann man auch Leute sehen, die in erdhöhlenartigen Behausungen leben. Und dann die Verschläge und Konstruktionen der verschiedensten Art,  in denen die Leute,   das kann man sagen  schon „hausen“, dieses alte Wort. Selbst wenn man Fotos macht, beschönigen die Fotos die Realität.

Autorin: Das Land verändert dich, sagen viele Soldaten. Besonders den  jungen Vätern und Müttern frisst sich  der Anblick der Kinder ins Herz:  Kinder spielen im Dreck -mitten im Winter barfuß in Plastiklatschen. Ein Großteil eines Volkes kämpft eigentlich um das nackte Überleben.

O-Ton: Wenn sie diese alten Geschichten in der Bibel lesen, wenn sich Leute als Tagelöhner anstellen,um dann was zu bekommen. Das Prinzip ist hier nach wie vor erhalten.

Autorin: Die Probleme sind massiv und so existentiell. Das ist schwer auszuhalten und dagegen ist so wenig zu tun. Probleme daheim sehen dagegen so nichtig und klein aus. Deshalb kommen manche Soldaten nach Hause mit der Haltung:

O-Ton: Ich habe gesehen, wo es wirklich um Überleben geht, wovon reden wir überhaupt?

Autorin: Vor dieser Haltung – wenn auch nachvollziehbar – warnt Pfarrer Amling. Es ist der Meinung:

O-Ton: Man muss sich...so banal das klingt...auch wieder an die deutschen Verhältnisse anpassen. Sonst bleibt man da ein Fremdkörper. 

Autorin: Aber auch damit werden sie nicht allein gelassen. Auch nach dem Einsatz sorgen die Miltitärseelsorger für die Soldatinnen und Soldaten.

Audiobeitrag Militärseelsorge


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