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Ein festes Herz
Panta rhei - alles fließt: dieser Satz wird dem griechischen Philosophen Heraklit zugeschrieben, der 500 Jahre vor Christus gelebt hat.
Panta rhei: alles bewegt und verändert sich. Das einzig Beständige ist der fortwährende Wandel, dem die Dinge und dem wir im unaufhaltsamen Fluß der Zeit unterworfen sind.
Das neue Jahr 2012 ist erst wenige Tage alt. Ich hoffe, Sie sind, wie man so schön sagt, gut reingekommen. Ich heiße Johannes Doering und bin Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Unna. Nach den Feiertagen geht inzwischen alles wieder seinen gewohnten Gang. Die meisten Weihnachtsbäume sind entsorgt, die Sektflaschen im Altglas, die guten Wünsche und Vorsätze verklungen und vielleicht auch schon fast wieder vergessen. Genauso wie vor einem Jahr.
Und auch wiederum nicht genauso. Denn manches, was seither geschehen ist, hat Spuren hinterlassen, hat Dinge und auch uns selbst verändert. Erfolge oder Mißerfolge. Erfüllte oder enttäuschte Hoffnungen. Überwundene Krisen oder ungelöste Probleme. Familienzuwachs, neue Freunde oder Abschiede und Todesfälle. Und selbst da, wo scheinbar alles unverändert weiterläuft oder sich Jahr für Jahr wiederholt, bleibt nur vordergründig betrachtet alles beim Alten. Niemand, so hat Heraklit gesagt, steigt zweimal in denselben Fluß. Selbst wenn ich an genau derselben Stelle wieder hineinsteige, fließt in seinem Bett jetzt anderes Wasser als beim ersten Mal.
Musik
Falk & Sons, CD: Celebrate Bach, Titel: Praeludium Nr. 1, LC 00699
Wo alles fließt, wird auch etwas weggeschwemmt. Da werden Fundamente unterspült. Da geraten Dinge ins Rutschen. Die Finanz- und Staatsschuldenkrise sorgt ständig für neue Schlagzeilen und schürt Ängste vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Politiker und Banken genießen nur noch geringes Vertrauen. Soziale und kulturelle Gegensätze werden größer, Konkurrenzkämpfe härter, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, geringer. Moralvorstellungen wandeln sich, und religiös haben die christlichen Kirchen längst Konkurrenz bekommen: Millionen von Muslimen leben unter uns, asiatische Religionen finden zahlreiche Anhänger, Esoterik aller Art steht hoch im Kurs und verkauft sich gut.
Wo alles fließt und immer unklarer wird, was eigentlich noch gilt, da soll - so wünschen sich manche - wenigstens in der Kirche alles beim Alten bleiben. Da soll sie sich nicht in den Strudel der Zeit hineinreißen lassen, sondern dem Zeitgeist trotzen und unbeirrbar an ihren überlieferten Glaubensaussagen, Ordnungen und Traditionen festhalten.
Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit, so steht im Gewölbe über dem Altarraum der Johanneskirche in Frömern bei Unna geschrieben. Gestern, heute und in Ewigkeit: da fließt und ändert sich nichts. Unverrückbar steht dieser Satz da, unberührt und unangefochten durch den Wandel der Zeiten und seine Erschütterungen. Es ist ein Satz aus dem Hebräerbrief im Neuen Testament. Dort geht er noch weiter: Laßt Euch nicht von mancherlei fremden Lehren umtreiben; denn es ist etwas Köstliches, daß das Herz durch Gnade fest wird.
Ich mag diesen Satz vom Herzen, das durch Gnade fest wird, er hat mir immer etwas bedeutet. Ich verstehe ihn allerdings nicht als Plädoyer für ein starres Festhalten am Althergebrachten. Hier ist nicht von einem starren oder harten, sondern von einem festen Herzen die Rede. Das ist etwas ganz anderes. Vor vielen Jahren hat der Liedermacher Wolf Biermann gesungen: Du laß Dich nicht verhärten in dieser harten Zeit; die allzu hart sind, brechen, die allzu spitz sind, stechen und brechen ab sogleich.
Ein hartes Herz ist ein Herz, das weder Liebe noch Mitleid empfinden kann. Ein verbittertes Herz, das mit Enttäuschungen oder Schicksalsschlägen nicht fertig wird oder erlittenes Unrecht nicht verzeihen kann. Oder auch ein ängstliches Herz, das seine innere Hilflosigkeit durch äußere Härte zu überspielen versucht. Das Angst vor seinen Gefühlen hat, die es mühsam zu verdrängen gelernt hat; Angst davor, sie in sich zuzulassen, von ihnen überwältigt zu werden und die Kontrolle über sich zu verlieren.
Oder ich fürchte, meine Sicht der Dinge, die ich mir zurechtgelegt oder von anderen übernommen habe, fiele wie ein Kartenhaus in sich zusammen, wenn ich nur den geringsten Einwand dagegen zuließe. Darum blocke ich alle Zweifel ab und versuche, sie wie bedrohliche Dämonen zu vertreiben. Je starrer und kompromißloser ich meine Auffassungen vertrete, desto weniger bin ich vielleicht wirklich von ihnen überzeugt. Je schneller ich mich angegriffen fühle, desto schwächer bin ich in meinem tiefsten Inneren. Je härter ich andere verurteile, desto mehr will ich damit vielleicht von dunklen Punkten in meinem eigenen Leben ablenken. Ein hartes Herz erstarrt. Ein starres Herz schlägt nicht mehr. Ein Herz, das nicht mehr schlägt, ist tot.
Ein festes Herz aber ist ein lebendiges Herz. Ein Herz, das pulsiert und sich bewegt. Das seinen eigenen Rhythmus gefunden hat und im Einklang mit sich selbst lebt. Nicht weil es sich für fehlerlos oder vollkommen hielte, sondern im Gegenteil: weil es weiß, daß es das gar nicht sein muß. Weil es die Erfahrung gemacht hat und darauf vertraut, daß es mit all seinen Stärken und Schwächen geliebt und bejaht wird und darum auch sich selbst bejahen kann. Ein Herz, das trotzdem oder vielmehr gerade deshalb nicht ungerührt nur dem eigenen Takt folgt, sondern das sich anrühren und manchmal auch erweichen läßt. Ein festes Herz ist ein weites Herz, das auch anderen gegenüber Großmut und Nachsicht walten und gegebenenfalls auch Gnade vor Recht ergehen lassen kann. Das nicht um jeden Preis Recht behalten will, sondern für das im Zweifelsfall die Liebe das letzte Wort behält.
Musik Falk & Sons, CD: Celebrate Bach, Titel: Wer nur den lieben Gott läßt walten, LC 00699
Panta rhei. Alles fließt. Alles, was lebt, wandelt und verändert sich. Auch wir selbst. Wenn Sie mir Kinderbilder von sich zeigen, könnte ich, wenn ich es nicht wüßte, vermutlich nicht erkennen, daß Sie es sind, die da abgebildet sind. Und doch sind Sie ohne jede Frage derselbe Mensch, damals wie heute.
Erst recht ist und bleibt Gott, der überhaupt nicht dem Wandel der Zeiten unterworfen ist, ewig derselbe. Aber dennoch ist er in der Bibel nicht der Garant des Ewig-Gleichen. Nicht nur der Fels in der Brandung in einer Welt, in der alles ins Wanken gerät, sondern zugleich auch derjenige, der alles neu macht. Ein Gott, der mit den Menschen mitgeht. Ein Gott des Aufbruchs und der Veränderung. Ein Gott, der sich den Bildern und Vorstellungen, die sich die Menschen von ihm gemacht haben, entzieht und ihnen auf ganz andere, völlig überraschende und unerwartete Weise neu begegnen kann.
Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit - aber so wie ein und derselbe Mensch ganz verschiedene Seiten und Gesichter haben kann, so ist auch der eine Christus den Menschen im Laufe der Geschichte bis zum heutigen Tag auf sehr unterschiedliche Weise wichtig geworden. So haben ihn Künstler in der Dritten Welt mit schwarzen, asiatischen oder indianischen Gesichtszügen dargestellt, um anschaulich zu machen, daß er auch für sie und zu ihren Völkern gekommen ist und einer von ihnen ist. Nichts anderes hat ja auch die deutsche Volkskunst in ihren Krippendarstellungen gemacht, indem sie die Geburt Jesu aus dem judäischen Bethlehem in bayerische Bauernstuben oder verschneite Alpenlandschaften verlegt hat.
Vielen versklavten Völkern ist Jesus der Anwalt und Befreier der Armen und Schwachen. Den Pazifisten ist er die große Symbolfigur der Gewaltlosigkeit. Den Schuldbeladenen ist er vor allem als Vermittler der göttlichen Gnade und Vergebung wichtig und den Sterbenden als derjenige, der ihnen in das ewige Leben vorausgegangen ist und versprochen hat, sie zu sich zu nehmen. Wiederum andere - etwa in den orthodoxen Kirchen des Ostens - sehen in ihm einen Widerschein göttlichen Glanzes und himmlischer Herrlichkeit. Den Muslimen ist er ein großer Prophet und den Juden ein großer jüdischer Gläubiger, der als Jude unter Juden gelebt und gewirkt und in seinem Tod das Schicksal der verfolgten Juden aller Zeiten geteilt hat.
Vielleicht ist Jesus, seine Person und sein Wirken und das, wofür er steht, für Sie auch noch unter ganz anderen Gesichtspunkten bedeutsam. Vielleicht hätten Sie auf die Frage, wer oder was er für Sie sei, zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Situationen Ihres Lebens auch ganz unterschiedliche Antworten gegeben.
Musik
Falk & Sons, CD: Celebrate Bach, Titel: Menuette walten, LC 00699
All die verschiedenen Christus-Bilder haben einen gemeinsamen Nenner: hinter ihnen wird ein Gott erkennbar, der Ihnen und mir sowie allen Menschen freundlich und gnädig zugewandt ist. So rätselhaft, fern oder düster er mir manchmal auch erscheinen mag: ich soll wissen und mich daran festhalten, daß er mich nicht fallenläßt. Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, so hat im Alten Testament der Prophet Jesaja gesagt, aber die Gnade des Herrn soll nicht von Dir weichen. Von Gnade ist auch im Hebräerbrief die Rede. Sie ist das, was im Fluß und im Wandel der Zeiten, unseres Lebens und auch unserer Christus-Bilder bleibt - gestern, heute und dieselbe auch in Ewigkeit.
Dieser Glaube, daß Gott mir zur Seite steht, beantwortet mir nicht alle Fragen und nimmt mir nicht alle Lasten und Sorgen, die mich im Blick auf das vor uns liegende Jahr 2012 bewegen. Aber ich kann anders damit umgehen. Gelassener, zuversichtlicher - und mit einem festeren Herzen. Was das bedeutet, finde ich in einem aus Indien stammenden Gleichnis in unübertrefflicher Weise ausgedrückt: Ein gläubiger Mensch ist wie ein Ball, der, je härter er auf dem Boden aufschlägt, um so höher wieder emporsteigt, währenddessen eine harte Kugel beim Aufprall zerspringt.
Sie werden zum Jahreswechsel manche guten Wünsche mit auf den Weg bekommen haben. Ich wünsche Ihnen wie mir vor allem dieses eine: ein festes Herz. Daß Sie wie der Ball in dem indischen Gleichnis sein mögen und nicht wie die harte Kugel.
Einen guten Sonntag und ein gesegnetes Jahr 2012 wünscht Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.
Falk & Sons, CD: Celebrate Bach, Titel: Badinerie, LC 00699
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