Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.01.12; Präses Alfred Buß

Zeit der Ruhe

Am Anfang waren Himmel und Erde. Den ganzen Rest haben wir gemacht... plakatierten Deutschlands Handwerker in einer pfiffigen Imagekampagne.

Ist was dran: Rad erfunden, Pyramiden gebaut, Mars erkundet, Abfluss repariert. Menschliche Erfindungsgabe und Tüchtigkeit haben dieser Welt ihr heutiges Aussehen gegeben.

So klingt die Schöpfungsgeschichte im Original: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer... Und dann schafft Gott Licht und Finsternis, Meer und trockenes Land, Bäume, Gras und Kraut, Sonne, Mond und Sterne, Fische und Vögel, Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, Frau und Mann – und Gott ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte (Genesis 1,1-2,4a).

Nach dem Schöpfungswerk kommen also nicht die Handwerker, sondern da ist Sabbat! Nicht der Mensch ist die Krone der Schöpfung, sondern die Ruhe ist ihre Krönung. Der neu erschaffene Mensch hat an seinem ersten vollen Lebenstag frei.

Sabbat heißt Aufhören, Seinlassen. Aufhören mit Raffen, Schaffen, Geschäfte machen. Heilsame Unterbrechung. Gemeinsam Zeit haben. Füreinander da sein. Uns erinnern lassen, woher wir kommen, wohin wir gehen und wofür wir leben.

Alle sollen Ruhe haben, wirklich alle: Du sollst keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.

Der Sabbat ist eine der größten und humansten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Er erwuchs aus Gottes Gebot: Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes (Exodus 20,8). Das Judentum hat diesen Schatz gepflegt durch die Jahrtausende - zum Segen für alle Menschen.

Seit den Anfängen des Christentums ist der Sonntag an die Stelle des Sabbat getreten als Tag der Auferstehung Christi von den Toten. Der Sonntag prägt nun den Rhythmus der Woche im Gegenüber zu den sechs Werktagen. An den Werktagen sollen wir unsere Arbeit tun – aber der Sonntag hat seine besondere Zeit. Ihn sollen wir heiligen. Heiligen meint, den Sonntag aus dem Alltag herausheben, ihm einen besonderen Charakter geben. Dieser Tag gewährt Zeit für Erholung und schöpferischen Neuanfang, für persönliche Besinnung und Gemeinschaft mit anderen. Denn Menschsein ist mehr als Arbeit und Leistung. Zum Menschsein gehört auch die Ruhe. Dafür ist der Sonntag ein Symbol.

Heute können wir rund um die Uhr einkaufen, montags bis samstags von 0 – 24 Uhr. Aber das scheint nicht zu reichen. Langsam, aber stetig wird der Sonntag ausgehöhlt. Verkaufsoffener Sonntag - heute in diesem Stadtteil, nächsten Sonntag in jenem. Das Ziel ist klar: Städte und Stadtteile wollen Käufer an sich binden. Doch wenn sich alle auf die Zehenspitzen stellen, sieht am Ende keiner mehr. Nur der Sonntag, der geht dabei verloren.

Immer mehr Menschen müssen am Sonntag arbeiten. Freie Zeit wird zersplittert. Wir brauchen aber gemeinsame Zeiten für Freunde und Familie, für Kirche, Freizeitgestaltung und Vereinsleben. Schlimm, wenn solche Zeiten fehlen.

Wie aber den Sonntag schützen? Ganz einfach: nicht mitmachen. Keiner muss sonntags einkaufen, Hotlines anrufen oder für Brötchen Schlange stehen. Wir wollen am Sonntag auch nicht die Handwerker vor unserer Tür haben. Und auch Handwerksfamilien werden aufatmen: Gott sei Dank, es ist Sonntag. Ja, Gott können wir Dank sagen. Wenn die Glocken läuten, sind wir dazu eingeladen. Schon morgen wieder.

Ihr Alfred Buß aus Bielefeld, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Audiobeitrag Zeit der Ruhe


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