Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.01.12; Präses Alfred Buß

Zeit - kairos

Es gibt Augenblicke im Leben, die wir nicht mehr vergessen. Dichte gegenwärtige Zeit, in der wir nicht woanders sein wollten, sondern das untrügliche Gefühl hatten,

zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Der Augenblick, in dem wir ganz gegenwärtig waren. Es mag eine Zeit der Liebe sein. Die Zeit steht still, alles stimmt zusammen, nichts fehlt. Solch ein verdichteter Augenblick kann uns auch am Bett eines sterbenden Menschen widerfahren. Wenn wir ganz nah beieinander sind. Uns einander mitteilen. Voneinander Abschied nehmen. Solche Minuten oder auch Stunden sind nie Zeiten der Öde oder Langeweile, immer sind es Augenblicke der Leidenschaft und Hingabe.

Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde – so singt ein altes biblisches Lied (Prediger 3). Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit. Schweigen hat seine Zeit, Reden hat seine Zeit. Ein uraltes hebräisches Lied. Seit Jahrtausenden erklingt es.

Ein jegliches hat seine Zeit – dieses alte Lied setzt unseren landläufigen Vorstellungen einen ganz eigenen Begriff von Zeit entgegen. Denn das hebräische Wort für Zeit meint den Augenblick, in dem etwas geschieht. Zeit ist immer Jetzt. Als das alte Lied ins Griechische übersetzt wurde, wählten die Übersetzer nicht das griechische Wort Chronos – von dem unsere Chroniken und Chronometer zeugen. Stattdessen wählten sie das Wort Kairos – das bedeutet: Jetzt, in diesem Moment, ist die besondere, die einmalige Stunde.

Zeit ist hier nicht ein Ablauf, der sich in Ausdehnung und Länge messen ließe. Zeit ist nicht wie ein Meterband von Stunden, Tagen und Jahren. Die Bibel fragt nicht nach dem Quantum der Zeit. Nicht: Wie viel? Oder Wie lange? Nicht wann etwas geschah, ist entscheidend, sondern: Dass und wie es geschah. So kennt das Alte Testament kein Wort, das immer bedeutet. Stattdessen steht da: Alle Tage; Alle Morgen; Täglich; Jetzt und in Ewigkeit.

Das alte Lied über die Zeit verschweigt nicht die finsteren Stunden. Ja, es gibt Tage, Momente, Geschehnisse im Jetzt, die mir dunkel bleiben. Es stimmt ja nicht, dass ich im Nachhinein, mit genügend Abstand, immer alles erkennen kann, wozu sie waren oder sind. Nein, es stimmt nicht. Und Zeit heilt auch nicht alle Wunden.

Darum hofft der Glaube, dass Ewigkeit in die Zeit fällt, dass meine Zeit einst aufgehoben wird im ewigen Leben. Da werdet ihr mich nichts mehr fragen, sagt Jesus (Johannes 16,23).

Die Zeiten meines Lebens sind Zeiten vor Gott.

Das sagt das alte hebräische Lied:
Keiner dieser Augenblicke war vergeblich.
Keiner geht verloren.
Keiner war ohne Gott.

Und wenn ich das nicht glauben kann, wenn ich nach Gott frage, ihn nicht spüre, mich ohnmächtig fühle, dann erinnere ich mich daran:
Der, an den ich glaube, weiß das.
Er war selbst Mensch.
Er hält mich.

Und sagt mir:
Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäus 28, 20) Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

Ihr Präses Alfred Buß aus Bielefeld.

Audiobeitrag Zeit - kairos


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