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Zeit der Natur
Jemand erzählte mir: Neulich, auf dem Weg zur Arbeit, fuhr ich mit dem Fahrrad durch eine Unterführung. Ein Stück vor mir sah ich eine Frau, die ihr Rad schob.
Ich kannte sie, sie wohnt bei mir im Haus. Was mag da passiert sein, dachte ich, dass sie ihr Rad schiebt. Kaum hatte ich sie erreicht, fragte ich auch schon: Was ist passiert, dass Sie Ihr Rad schieben? Nichts, antwortete sie ich hab Zeit!
Zeit haben. In einem gemächlichen Rhythmus leben. Ruhe geben. Kann ich das noch? Mein ältester Bruder ist Hobby-Ornithologe. Weit vor dem Sonnenaufgang ist er schon unterwegs, um bei Morgendämmerung Vögel zu beobachten und sommertags ihrem Gesang zu lauschen. Ich beneide ihn immer ein wenig. Es braucht ein Höchstmaß an Ruhe, um mit allen Sinnen wahrzunehmen, was in der Natur vor sich geht. Mehr noch: Pflanzen und Tiere haben ihren eigenen unverwechselbaren Rhythmus, der nicht gestört sein will. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen, Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt, lese ich im Buch des Propheten Jeremia (Jeremia 8,7).
Auch wir Menschen haben einen eigenen Lebensrhythmus, jeder und jede von uns. Im Tageslauf sind wir genau hingeschaut- alle Stunde ein anderer. Und wer durch Nachtschichten oder Jet-Reisen aus seinem gewohnten Tagesrhythmus fällt, spürt krass, wie störanfällig sein innerer Takt ist.
Doch viel mehr noch unterwerfen wir die Rhythmen der Natur unserem Lebensstil. Wie hieß es beim Propheten Jeremia? Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Unsere Erde nutzen wir im Übermaß, zum einen als Bergwerk, zum anderen als Müllhalde. In einem einzigen Jahr verbrennen wir so viel Kohle, Öl und Gas wie die Erde in einer Million Jahren gebildet hat. Noch nie war der Ausstoß an Klimagasen weltweit so hoch wie gegenwärtig. Unsere Erde hat Fieber. Die Folgen treffen schon heute die ärmsten Länder mit Dürren und Überschwemmungen. Morgen treffen sie auch unsere Kinder. Doch alle haben das gleiche Gastrecht auf Erden, weltweit und heute wie morgen.
Hierzulande wollen wir nun Energie aus den Naturkräften schöpfen Gott sei Dank. Aus Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme und nachwachsendem Grün. Wir müssen aufhören, die Schöpfungsgaben zu besudeln und zu verbrauchen. Neu lernen, den Rhythmus der Schöpfung zu achten. Damit alle leben können. Die Menschheit verbraucht Jahr für Jahr mehr Güter, als die Natur erneuern kann, zurzeit den Gegenwert von 1,2 Erdplaneten. Es ist an der Zeit, dauerhafte Güter herzustellen statt Wegwerfware. Wenn alle leben sollen, müssen wir die Welt der Dinge leichter gestalten, viel weniger Material verbrauchen. Naturverträglich leben. Und uns selbst begrenzen. Die Überdehnung unseres Lebensstils zurücknehmen und unser Leben entschleunigen auf ein verträgliches Maß. Gottes Schöpfung bewahren.
Wenn ich mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre, entgehe ich dem Stau vor Ampeln, radle zwischen Baum und Strauch mit frischer Luft und höre manchmal die Vögel singen. Das ist doch alles andere als Verzicht. Ich finde beim Strampeln den eigenen Lebensrhythmus wieder. Und sollte ich ganz viel Zeit haben, kann ich mein Fahrrad sogar schieben.
Meint Ihr Alfred Buß, Präses aus Bielefeld.
Zeit der Natur
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