Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.01.12; Präses Alfred Buß

Zeit Un-Geduld

Es zog einen Mann in den Badeort. Kaum war er in dem Badeort, so beschloss er einen Ausflug nach Marienruh, wo man die berühmte Aussicht hat.

Saß er dann auf Marienruh, so nahm er den Fahrplan her, um nachzusehen, wie man am schnellsten wieder zurückfahren könne. Wenn er im Gasthaus einen Hammelbraten verzehrte, studierte er während des Essens die Karte, was man nachher nehmen könne. Und während er den langsamen Wein des Gottes Dionysios hastig hinuntergoss, dachte er, dass bei dieser Hitze ein Glas Bier wohl besser gewesen wäre.

Der Hastige überspringt seine Gelegenheiten. Ungeduldig sucht er zu beschleunigen, was seine Zeit braucht. Entschleunigung des Lebens wäre angesagt. Doch woher dafür Zeit und Geduld nehmen? Herr, gib mir Geduld - aber bitte sofort! Zeitdruck, Ungeduld und Eile sind atemlose Kennzeichen unserer Zeit. Hastige jagen dem nächsten Augenblick nach, ohne sich die Zeit zu gönnen, den gegenwärtigen auszukosten. Hungrigen gleich, die immerfort kochen, sich aber nie zu Tisch setzen.

Das Reifen der Dinge braucht Geduld. Noch mehr braucht es das Leben im Werden, Wachsen oder Heilen – und auch im Vergehen. Geduld, wenn Liebe wachsen will und Trauer ihre Zeit braucht. Geduld für die Langsamkeit, wenn Leben sich entwickeln, sich entfalten und aufblühen will. Geduld hat langen Atem. Zeit füreinander haben. Miteinander reden. Luft geben. Reifen lassen. Ein Augenblick Geduld kann viel Unheil verhüten.

Geduld ist nicht passives Abwarten. Nicht: die Hände in den Schoß legen. Nicht: Hängematte. Nicht: komm ich heut’ nicht, komm ich morgen. Geduld ist aktives Entgegenharren. Wie der Wächter dem Morgen. Wie der Kranke der Heilung. Wie der Keim dem Licht.

Eine – zumindest gut ausgedachte - Geschichte malt aus, wie gespannt der Geduldsfaden sein kann. Ein Komponist ist auf Reisen. Ob es Bach war oder Händel - wer immer, man weiß es nicht. Der hochbetagte Meister begibt sich in seiner Herberge gerade ins Bett, als er unten im Hause Klaviertöne hört. Beglückt ist er eine Weile ganz Ohr. Dann bricht das Klavierspiel mit einem Dominantakkord ab. Das geht nicht. Es muss noch ein Akkord auf dem Grundton folgen. Das peinigt den Alten. Voller Unruhe findet er keinen Schlaf. Da stapft er schließlich die Treppe hinunter und bringt das Stück zum Abschluss.

Glauben heißt: in gespannter Erwartung leben. Sich nicht abfinden mit dem, was ist. Gott will sein Reich aufrichten und seine Gerechtigkeit. Alle sollen satt werden an Leib und Seele. Dahin sind wir Christen unterwegs. Dafür setzen wir uns beharrlich ein. Darum beten wir: Dein Reich komme.

Aber –anders als der Meister am Klavier- können wir das Stück nicht selber zu Ende bringen. Menschen können diese Welt nicht vollkommen machen. In einem Kirchenlied heißt es: Wir warten deiner mit Geduld (EG 152,2). Wir warten darauf, dass Gott kommt. Dass der kommt, der diese Welt leidenschaftlich liebt. Wie er uns gezeigt hat in Jesus Christus. Der sich beharrlich eingesetzt hat für Arme, für Schwache, für eine gerechte Welt. Und der gesagt hat: Ich bin bei euch. Diese Zuversicht des Glaubens schenkt der Geduld ein weites Herz und einen langen Atem. Wie Martin Luther es sagte: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Ihr Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen aus Bielefeld.

Audiobeitrag Zeit Un-Geduld


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