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Zeit paradox
Fast zwei Stunden sitze ich schon im Wartezimmer. Zuerst kommen andere dran, darunter auch Notfälle. Alles gut nachvollziehbar.
Inzwischen habe ich die Illustrierten schon zwei Mal durchgeblättert, manches gelesen. Doch die Zeit scheint zu kriechen. Es ist seltsam mit der Zeit. Eine Sekunde auf dieser Erde ist eine Sekunde, ist eine Sekunde. Höchst regelmäßig schreitet die Zeit voran, überall mit genau derselben Geschwindigkeit. So hats der große Naturforscher Isaac Newton gelehrt, vor mehr als dreihundert Jahren. Für ihn war die Zeit absolut. Auch wenn die Uhren in Tokio, Moskau, Kairo oder Buenos Aires jeweils andere Stunden zeigen, so schreitet die Zeit doch gleichmäßig vorwärts rund um die Erde. Nur hier im Wartezimmer scheint sie zu kriechen.
Aber umgekehrt wie schnell kann die Zeit verfliegen, wenn ich ganz bei der Sache bin. Ein Kind - zum Beispiel - kann ins Spielen versinken. Es vergisst die Zeit. Schon ruft die Mutter zum Abendbrot. Wie, jetzt schon? Ich wollt doch noch weiterspielen.
Mal rennt die Zeit, mal schleicht sie. Dabei ist es gar nicht die Zeit, die rennt oder schleicht. Ich mache etwas mit der Zeit durch mein Tun und Lassen.
Manchmal ist es paradox. Erinnern Sie sich auch an ganz lange Sommer der Kindheit? Als wir sie damals erlebten, verflog die Sommerzeit viel zu schnell. Doch manche Schulstunde wollte einfach nicht enden. Die aber sind in der Rückschau ein Nichts. Eine Zeit, die voller Leben war und im Nu zu verfliegen schien, ist in der Erinnerung heute ganz lang. Aber eine Spanne, die sich damals endlos dehnte, schrumpft in der Rückbesinnung gegen Null. Was unser Gefühl in der Tiefe erreicht sei es Glück oder Schmerz hinterlässt in uns bleibende Spuren. Zähe Langeweile aber hinterlässt nichts, was uns bleibt. Darum kann Zeitvertreib schlimm sein. Zeitvertreib. Was macht denn die Zeit Schlimmes, dass man sie vertreiben muss oder gar totschlagen?
Wenn ich manchmal - spät am Abend - noch durch Fernsehkanäle zappe, flutschen viele Bilder und Töne vorbei. Sie halten mich wach rasch vergeht die Zeit. Am Ende sind ein, zwei Stunden weg. Doch ohne Nachhall in meinem Erinnern. Die Zeit schrumpft in sich zusammen, sowohl im Erleben als auch im Erinnern. Sie ist wie verflogen, ist totgeschlagene Zeit.
Jesus sagt: Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an sich selbst (Markus 8,36).
Wenn wir unsere Zeit nicht totschlagen, sondern ihr mehr Leben geben, dann geben wir unserem Leben auch mehr Zeit. Davon erzählt der französische Schriftsteller Saint-Exupéry: "Guten Tag", sagte der kleine Prinz.#"Guten Tag", sagte der Händler. Er handelte mit absolut wirksamen, durststillenden Pillen. Man schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr, zu trinken.##"Warum verkaufst du das?", sagte der kleine Prinz.#"Das ist eine große Zeitersparnis. Man spart dreiundfünfzig Minuten in der Woche."##"Und was macht man mit diesen 53 Minuten?"#"Man macht damit, was man will."##"Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte", sagte der kleine Prinz, "würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen..."
Geben Sie Ihrer Zeit mehr Leben, Ihr Präses Alfred Buß aus Bielefeld.
Zeit paradox
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