Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.01.12; Präses Alfred Buß

Keine Zeit

Ein gutes Neues Jahr! Wünsche ich Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer. 358 neue Tage hält 2012 für uns bereit – ab heute, den Schalttag am 29. Februar inbegriffen.

Viel Zeit ist das. Und doch werden die Tage, Wochen und Monate wohl wieder viel zu schnell verrinnen. Bald fragen wir: Wo ist die Zeit geblieben? Was treibt uns an, schnell und schneller zu leben? Obwohl wir viel älter werden als alle Generationen vor uns.

Die Lebenserwartung steigt. Früher wurden nur wenige Menschen uralt, die meisten starben jung. Heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen in Deutschland bei 77, eines Mädchens sogar bei 82 Jahren. Ganz anders als im afrikanischen Swasiland zum Beispiel, wo ein Neugeborenes nur 34 Geburtstage erhoffen darf. Armut frisst dort Lebenszeit: Mangelnde Hygiene, unsauberes Trinkwasser, schlechte Ernährung und fehlende ärztliche Versorgung raffen Menschenleben dahin.

Guter Lebensstandard und gesicherte Arbeitsverhältnisse steigern hingegen die Lebenschancen. Vor hundertfünfzig Jahren mussten Männer, Frauen und selbst Kinder in Deutschland noch bis zu achtzig Stunden in der Woche schuften. In harten, zuerst sogar blutigen Kämpfen wurden geregelte Arbeitszeiten und humane Arbeitsbedingungen bei uns erstritten. Anspruch auf Urlaub und Freizeit ist heute selbstverständlich geworden.

In einem Ozean freier Zeit müssten wir nun schwimmen. Doch wir fühlen das Gegenteil. Die Zeit rennt. Als wären wir im Hamsterrad. Wir haben viel mehr Zeit als früher - und doch viel weniger Zeit. Das Lebenstempo ist hoch. Zum guten Ton gehört es, keine Zeit zu haben. Wer Zeit hat, der ist wohl nicht wichtig. Vielleicht sogar faul. Keine Zeit zu haben ist „in“.

Warum? Zeit ist knapp. Und die Welt voller Angebote. Beschleunigung verspricht Lebensgewinn. Zum Beispiel durch Reisen. Nie zuvor konnten wir so viele Länder und Kulturen erkunden – in einem Menschenleben. Nie waren wir rund um den Globus so eng vernetzt. Informationen und Wissen stehen zur Verfügung, rund um die Uhr. Nachrichten rasen um die Welt - im Sekundentakt. Die Welt ist voller Möglichkeiten. Wir müssen nur zugreifen. Shoppen, chatten, surfen, soviel das Herz begehrt. Aber Zeit ist kostbar. Denn unsere Lebenszeit ist begrenzt. Wie die begrenzte Lebenszeit und die unbegrenzten Lebensmöglichkeiten unter einen Hut bekommen? Beschleunigung heißt die Strategie. Je schneller wir die vielen Angebote wahrnehmen, desto mehr kosten wir das Leben aus. Meinen wir. Wir leben schnell, um Zeit zu sparen.

Doch schon wird vor Zeitdieben gewarnt. Nicht erst von Zeitmanagern unserer Tage. Michael Endes Phantasieroman Momo entlarvt die grauen Herren – schon seit vierzig Jahren. Sie überreden die Menschen, Zeit zu sparen. Man kann aber Zeit nicht sparen wie Geld. Es ist vertrackt: Wer Zeit  spart, um sie zu beschleunigen, betrügt sich um seine Lebenszeit, weil er versäumt, im Jetzt zu leben.

Um die Zeit wird es gehen in den Morgenandachten dieser Woche, liebe Hörerin und lieber Hörer. Du liebe Zeit, mögen Sie sagen. Ja, lieb ist uns die Zeit. Lieb soll sie uns bleiben. Denn jeder Mensch hat seine eigene Lebenszeit – mit einem eigenen Anfang und Ende. Meine Zeit eben. Und Meine Zeit – so sagt die Bibel (Psalm 31,16)– steht in Gottes Händen. Meine Lebenszeit: ein kostbares Geschenk aus Gottes Hand. Schön, wenn Sie Zeit haben in den nächsten Tagen, mit mir darüber nachzudenken.

Ihr Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen aus Bielefeld.

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