Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.01.12; Maike Siebold

Einen Oscar für den Umweg

Sie haben noch gut zehn Minuten bevor sie losmüssen. Sie wollen noch eben ihre Armbanduhr holen, da stellen sie fest, dass sie nicht an ihrem gewohnten Ort liegt.

Leider haben sie keine Ahnung, wo sie das gute Stück das letzte Mal gesehen haben. Die Suche geht los. Wie gehen sie beim Suchen vor?  Unterteilen Sie die in Frage kommenden Räume – quasi in Quadrate - und durchkämmen sie systematisch, ein Raum nach dem anderen. Oder  gucken Sie einfach mal hier   und  dort, laufen die Treppe rauf und runter  und schauen an manchen Orten vielleicht sogar zwei- oder dreimal nach? .  Je nachdem sind sie ein direkter oder ein indirekter Sucher. Untersuchungen haben jetzt aber gezeigt, dass die indirekten  Sucher deutlich erfolgreicher sind.

Die indirekten Wege sind auch auf anderen Gebieten erfolgreicher. Selbst in der Wirtschaft gibt es Experten, die die weltweit erprobten Planungsmodelle ihrer Zunft in Frage stellen: Vieles wäre ohne Planungsinstrumente besser und schneller erreicht worden, behaupten sie. Wer schon mal versucht hat, einen Business Plan zu realisieren, weiß, dass die klügsten Zahlenspielereien in der Realität niemals eintreffen. Wer etwas plant, strebt danach, es zu erreichen und verliert dabei  neue,  wichtige Entwicklungen aus den Augen. Wir versuchen, das Leben beherrschbar zu machen, so als sei das Leben ein Teil von uns.

Auch in unserem Privatleben sind wir darauf geeicht, möglichst den direkten Weg zu wählen, dabei ist dies Vorgehen für die wichtigsten Bereiche im Leben zum Scheitern verurteilt. Da wir nicht in die Zukunft sehen können, kennen wir das konkrete Ziel auch nicht. Wie wird sich unser Beruf, die Politik, die eigene Beziehung entwickeln? Den Erfolg von Google und Facebook hätte niemand planen können. Niemand hat voraussehen können, wie der Expressionismus aussehen wird, ehe nicht Künstler wie Pablo Picasso ihn gemalt haben. 

Die großen Erfolge und Entwicklungen sind nur auf Umwegen möglich. Für gerade Wege ist die Welt zu komplex. Dies bezieht sich auch auf unsere Lebensplanung. Das klassische Modell bis zur Rente voll geradeaus durchzuarbeiten und danach abrupt aufzuhören, ist kurzsichtig und widerspricht allen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie. Umwege sind gut, Holzwege gehören dazu, genau wie Pausen. In Liebesbeziehungen akzeptieren wir das. Umwege machen die Liebe mystischer und größer. In der Berufsplanung aber z.B. finden wir Umwege lästig und überflüssig,  erleben sie eher als ein persönliches Scheitern.   Zu Scheitern ist aber  das größte Tabu der Moderne, meint der Soziologe Richard Sennet. Wie soll man mit dem Scheitern umgehen? Thomas  Edison – der Erfinder der Glühbirne - wurde einmal gefragt: Wie haben sie die eintausend  gescheiterten Versuche ausgehalten? Er antwortete: „Gescheitert bin ich nie. Ich habe erfolgreich Wege ausgeschlossen, die nicht funktionierten.“ Für ihn waren Umwege kein Scheitern, sondern notwendig, um sein Ziel zu erreichen.

Eine tolle Sichtweise, die aber nicht einfach durchzuhalten ist. Viele andere Erfinder, große Künstler, Propheten wie auch Jesus hätten sich gut einen anderen Weg vorstellen können, einen direkten, leichten und erfolgreichen. Sie waren alle durchaus auch empfänglich für angenehme Varianten, aber erlebten, dass das Leben einen nur auf Umwegen an den richtigen Platz bringt. Deswegen: Ärgern wir uns nicht über den Holzweg, bleiben wir entspannt auf dem Umweg und haben wir das Gottvertrauen, dass gerade der Umweg es ist, der alles zu einem guten Ende führt.

Audiobeitrag Einen Oscar für den Umweg


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