Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.01.12; Pfarrer Titus Reinmuth

Immer wieder Sonntags

Gestern fing die Woche ja gut an. Wieso gestern? Heute ist doch Montag. Die Ferien sind vorbei, die Schule beginnt, die meisten müssen wieder früh raus. Gestern?

Gestern war Sonntag. Eben. Und sonntags fängt die Woche an. Jedenfalls war das mal so gemeint: Am Wochenanfang ein freier Tag! Mein Kalender-App am PC und auf dem Smartphone fragt mich jedenfalls, ob meine Woche sonntags oder montags beginnen soll. Wie möchte ich den Kalender haben? Meine Woche beginnt sonntags.

Sonntage sind etwas Wunderbares. Viele Menschen zeigen das mit so manchen kleinen Dingen. Sogar in den Ferien. Frühstück nicht in der Küche, sondern am großen Tisch im Wohnzimmer. Brötchen, Sonntagsei, Radio. Die Großeltern erzählen sogar vom Sonntagskleid. Eltern und Kinder zogen natürlich etwas Besonderes an. Manche Familien machen es heute noch so. Und nachmittags verabreden sich die Kinder zum Spielen oder die Familie macht einen Ausflug. Sonntag ist nicht Alltag. Schön, wenn das so ist.
Klar, es gibt nicht immer und überall so schöne Sonntage. Für manche geht das Wochenende in die lange Phase, erst recht wenn die Ferien zu ende sind. Den Kindern wird langweilig, mancher sitzt auf seinem Zimmer und sieht fern. Andere sind selbständig und bereiten am Sonntag schon mal vor, was sie am Montag brauchen. Dann sitzen Vater oder Mutter am Schreibtisch. Der Computerfachmann wird auch sonntags angerufen und soll helfen. Die Tierärztin muss raus zu einem Notfall. Die Krankenschwester und der Altenpfleger haben Dienst. Und auch zuhause ist zu viel liegen geblieben. Die Wäsche muss gemacht werden, mit der Renovierung muss es weitergehen. Dann spüren die meisten: So ist das nicht gemeint. Alltag und Sonntag sollen sich unterscheiden. Jede Woche.

Genauso wie in größeren Abständen Arbeit und Urlaub, Ferien und Schule. Das Leben soll nicht immer im gleichen Takt ablaufen, es braucht einen Rhythmus. Es soll beschwingt sein. So stellt Gott sich das vor. Ein Wechsel von Arbeit und Ruhe. Nicht damit wir am Montag wieder gut arbeiten können, dann würde die Arbeit sogar noch die Ruhe bestimmen. Sondern weil wir alles Leben Gott verdanken, das stressige und das ruhige, deshalb sollen wir in diesem Rhythmus leben.

Alle sieben Tage einen Tag frei, das geht auf die Bibel zurück. In der jüdischen Tradition ist es der Sabbat, in der christlichen der Sonntag. In biblischer Zeit wurde die Idee noch ausgeweitet. Alle sieben Jahre hatte das Land frei. Dann sollte der Acker nicht bestellt werden, sondern zur Ruhe kommen. Und was wuchs, fiel den Armen zu. Ein Sabbatjahr für das Land. Dann erst begannen Saat und Ernte von neuem.

So soll es sogar mit den Schulden sein, sagen die biblischen Texte. Wenn sich jemand verschuldet hat, eine schlechte Ernte hatte, lange krank war, oder sich einfach verspekuliert hatte, dann sollte er nicht ewig auf den Schulden sitzen bleiben. Noch nicht mal so lange, bis alles bezahlt ist. Das ist der Clou. Nein, alle sieben Jahre soll es einen Schuldenerlass geben. Dann wird die Restschuld erlassen, und Freiheit wird wieder hergestellt. Nach sieben Jahren gibt es einen neuen Anfang.

Unsere Gesetze haben sich das abgeguckt: Wer heute private Insolvenz beantragt, der ist nach sie-ben Jahren schuldenfrei. Länger soll die Last nicht drücken. Die Sieben – sie steht nicht nur für „frei haben“, sondern auch für „frei sein“. Immer wieder neu anfangen dürfen. Fast wie beim Tan-zen: Irgendwann geht’s wieder auf die eins. In diesem Rhythmus schwingt das Leben. Wir verdan-ken es Gott. Jeder Sonntag erzählt davon. Immer wieder sonntags sollen alle frei haben und frei sein. Klar, heute ist Montag. Aber Schule und Arbeit bestimmen nicht alles. Sie sind begrenzt. Schon am Sonntag geht alles zurück auf Start. Deshalb fängt mein Kalender sonntags an.

Audiobeitrag Immer wieder Sonntags


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