Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.12.11; Pfarrer Albrecht Philipps

Nicht rückwärts gehen

„Nichts in der Welt will rückwärts gehen, sagte mir ein alter Eidechs, alles strebt vorwärts, und am Ende wird ein großes Naturavancement stattfinden.

Die Steine werden Pflanzen, die Pflanzen werden Tiere, die Tiere werden Menschen und die Menschen werden Götter werden.“ (Heinrich Heine, Reisebilder, Bd 6, Berlin 1986, Säkularausgabe, Seite 139)

So beginnt ein Gespräch, liebe Hörerinnen und Hörer, von dem der Dichter Heinrich Heine in seinen Reisebeschreibungen über die italienische Stadt Lucca berichtet. Ein Gespräch mit einer alten und weisen Eidechse über den Lauf der Dinge. Dass alles sich verändert und dass alles nach vorne strebt, ja sogar einen neuen Zustand erreichen will, das behauptet dieses weise Tier. Nichts bleibt ewig so wie es ist, auch ich selbst nicht. Ich verändere mich mit der Zeit, die vergeht. Besonders deutlich wird mir das immer dann, wenn ein Jahr zu Ende geht und ein neues Jahr kommt. Dann schaue ich zurück wie in diesen Tagen. Jahresrückblicke gibt es überall und wie wichtigsten Dings dieses Jahres werden noch einmal benannt. Aber: Waren das auch für mich die wichtigsten Dinge? Jeder von uns hat sein eigenes Jahr erlebt und jeder zieht eine ganz persönliche Bilanz. War es ein gutes oder ein schlechtes Jahr?

Die Bibel ist voll von Geschichten, die vom Aufbruch handeln. Da machen sich Menschen in eine neue Zukunft auf, ohne zu wissen, was auf sie zukommt. So wird es auch von Abraham erzählt. Er bekommt von Gott den Befehl: Geh fort von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterland in ein Land, das ich dir zeigen will! Nicht nur ein Befehl ist das, sondern auch ein großes Versprechen, das Gott Abraham gibt. Ich will mit dir sein und dir ein neues Land geben und ich will dich segnen und du sollst ein großer Segen sein, das verspricht Gott diesem Menschen. Als Abraham aufbricht, gibt es kein Zögern und kein Fragen, warum das so ist und wozu das gut sein soll. Da zog Abraham aus, heißt es dann einfach in der Bibel. So einfach kann der Aufbruch in eine ungewisse Zukunft sein für den Mann, der nicht rückwärts gehen wollte, sondern nach vorne dachte und nach vorne ging. Er zieht einfach los und ist dabei voll Vertrauen, dass sein Weg kein Rückschritt sein wird. Er geht ein Wagnis ein, das ihm und seiner Familie einen Platz in der Geschichte der Völker und der Religionen sichert. Einmal zeigt Gott ihm nachts die leuchtenden Sterne am Himmel. So zahlreich wie die Sterne, sagt Gott, werden deine Nachkommen sein. Juden, Christen und Moslems berufen sich heute auf den Stammvater Abraham, und selbst bei den schwierigen Verhandlungen um Frieden im Nahen Osten wird sein Name bis heute genannt. Wir sind doch alle Nachkommen Abrahams, sagen die, die das Gemeinsame der drei großen Religionen in dieser Gegend suchen. In der Person Abrahams finden sie es.

Der Weg Abrahams ließ keine Rückkehr zu. Er ging nicht zurück in das Land, aus dem er gekommen war. Es war mutig von ihm, dass er einfach losgegangen ist. Dabei hat er dem vertraut, der ihm das Zeichen zum Aufbruch gegeben hat. Dieses Vertrauen hat ihn stark gemacht. Abraham ist ein Vorbild im Glauben, auch für mich.
Nichts in der Welt will rückwärts gehen und alles strebt vorwärts – sagte der alte Eidechs. Ich denke, ganz so einfach ist das nicht, und es ist auch kein Naturgesetz. Um aufzubrechen brauche ich Mut und Gottvertrauen. Und ich brauche auch einen „Marschbefehl“, damit ich etwa weiß, wohin es gehen soll.

Dass Sie die Zeichen für einen Aufbruch im Alltag erkennen, das wünscht Ihnen Pfarrer Albrecht Philipps aus Ochtrup im Münsterland.

Audiobeitrag Nicht rückwärts gehen


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