Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.12.11; Dr. Susanne Wolf-Withöft

Wie soll ich dich empfangen

Nervös schaue ich auf die Uhr. Alles noch einmal schnell in den Blick nehmen. Der Tisch ist schön gedeckt. Die Suppe steht schon warm.. Der Prosecco ist gut gekühlt.

Jetzt kann es losgehen. Alles ist für den Empfang der Gäste bereit.

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich bin Susanne Wolf-Withöft, evangelische Pfarrerin und arbeite als Dozentin am Gemeinsamen Pastoralkolleg. Wenn ich Besuch empfange, besonders bei einer neuen Begegnung, bin ich stets leicht nervös. Wie wird die Zusammenkunft sein? Was kann ich tun, damit es eine erfüllte Zeit wird? Da helfen mir die äußeren Formen. Ich spiele alles gut durch und mache es schön.

Musik: Wie soll ich dich empfangen,
Und wie begegn' ich dir...

Kathrin Haag  & Thomas Wahl, CD Wie soll ich die empfangen,
Track: Wie soll ich dich empfangen, Strophe 1
 
Autorin: Einer, der viel vom Empfangen versteht, ist der Theologe und Lieddichter Paul Gerhardt. Seine Sprache mag veraltet klingen, doch sie spricht mitten hinein in unser Leben. In den Liedern transformiert Gerhardt dichte theologische Lehre in Poesie.

Sein für mich schönstes Adventslied widmet er dem Empfangen, dem Empfangen eines besonderen Gastes. Es ist Jesus Christus, der hier erwartet wird. Gerhard stellt die Frage für die Adventszeit: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir?“ Wie kann ich mich vorbereiten auf den kommenden Christus, auf das Weihnachtsfest und die Feier seiner Geburt? Eine Frage, die bei uns durch brennendere Fragen in den Hintergrund getreten ist und die doch genau in diesen immer mitschwingt: Feiern wir dieses Jahr bei euch oder nochmal bei uns? Kommt deine Mutter auch? Bringt sie etwa ihren neuen Partner mit? Wird es friedlich werden, ohne den obligatorischen Streit der pubertierenden Kinder?

Musik: Wie soll ich dich empfangen,
Und wie begegn' ich dir,
O aller Welt Verlangen,
O meiner Seele Zier?
O Jesu, Jesu, setze
Mir selbst die Fackel bei,
Damit, was dich ergötze
mir kund und wissend sei.

Kathrin Haag  & Thomas Wahl, CD Wie soll ich die empfangen,
Track: Wie soll ich dich empfangen,

Autorin: Gerhardt stellt eine fordernde Frage, vielleicht sogar überfordernd. Es hilft mir, dass er gleich in der ersten Strophe auch schon eine Entlastung liefert. „O Jesu, Jesu setze mir selbst die Fackel bei, damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei.“

Hier erinnert der Lieddichter an das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen aus dem Matthäusevangelium (Mt 25, 1-15). Zehn Brautjungfern begleiten den Bräutigam mit ihren Öllampen im festlichen Zug zum Haus der Braut. Alle zehn haben ihre brennenden Lampen dabei. Doch nur fünf haben auch an Öl zum Nachgießen gedacht. Fünf Jungfrauen erwischt es kalt, fünf sind ausreichend vorbereitet. Sie sind auf den Empfang des Bräutigams eingestellt.
Paul Gerhardt nimmt dieses Bild gleich in der ersten Strophe auf. Er bittet, Jesus möge die Fackel beisetzen. Wir Menschen sind allesamt keine so großen Leuchten. Wir brauchen geschenktes Licht. So steht es wie eine Grundbotschaft zu Beginn: ob er gelingt, der Empfang, ob es schön wird, das diesjährige Weihnachtsfest liegt nicht nur in unserer Hand. Dieses Lied singt sich mitten hinein in unsere Grundnervosität vor Weihnachten. Wie wird es werden dieses Jahr?!

Musik:  „Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin
Und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn
Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis.
Und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiߓ

Kathrin Haag  & Thomas Wahl, CD Wie soll ich die empfangen,
Track: Wie soll ich dich empfangen,

Autorin: In der zweiten Strophe klingt die bekannte Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem an. Adventszeit und Passionszeit, Weihnachten und Ostern hängen eng miteinander zusammen. So wie die Menschen damals für Jesus ihre Kleider auf den Weg legten und mit Palmwedeln ihn empfingen, so sind es für Paul Gerhardt die Psalmen, die alten Gebet der Bibel, die gesungen werden. Und ein Herz, das grünt. Empfangen, das bedeutet nicht nur dem Gast die Tür zu öffnen. Das Herz öffnen, den anderen aufnehmen, gehört dazu. Und es gibt wohl keine Jahreszeit in der unsere Herzen weiter sind als in der Adventszeit.
 Dabei war Weihnachten für die ersten Christen noch gar kein Thema. Sie feierten Ostern. Die Auferstehung stand im Mittelpunkt ihrer religiösen Praxis. Erst Papst Liberius konnte das Weihnachtsfest durchsetzen und zum Glaubenssatz wurde es auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel 381.
In den letzten Jahrhunderten hat sich das Fest um die Geburt Jesu jedoch schnell zum wichtigsten im Kirchenjahr entwickelt. Die  Adventszeit und das Fest ist spezifisch „religiös“ empfundenen Zeit. Viele von uns werden gestreift von einem heiligen Schauer und sind auf der Suche nach einem offenen Himmel. Die besondere Betonung dieses Festes führt den Theologen Matthias Morgenroth zu seiner These vom Weihnachts-Christentum.

Sprecher: „Engel, Zuckerwerk, Tannengrün, Bach, Kerzenschein und Kinderblick, Jesaja und Lukas, Nikolaus, Weihnachtsmann, Christkind und die biblische Erzählung von der wundersamen Geburt im Stall zu Bethlehem lassen uns besinnlich werden – wochenlang. Und die Sinnfiguren der Weihnachtszeit wirken untergründig das ganze Jahr über weiter. Sie grundieren modernes Christentum insgesamt. (…) Weihnachts-Christentum ist anders als die „herkömmliche“ christliche Religion: es ist ästhetisch, poetisch, spielerisch und es ist den so genannten „Distanzierten“ genauso zugänglich wie den Gemeindechristen.“

Autorin: Weihnachten ist das Fest, in das wir am unmittelbarsten hineinwachsen. Als Kinder werden wir Teil der Inszenierungen unserer Eltern, erleben die sehnsüchtigen Wünsche, das gespannte Warten, den Glanz des Baumes als Wunderweihnacht. Das Glöckchen läutet und gibt Erlaubnis das Wohnzimmer zu betreten. Umspielt von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ , gesungen von Peter Alexander, leuchten die Augen weihnachtlich hell. Die Geschichte vom Kind in der Krippe rührt uns und schenkt Geborgenheit. Später fragen wir, was das soll: Gott in Windeln? Wir hinterfragen die Botschaft, distanzieren uns von Traditionen, suchen unsere eigenen, kehren eventuell wieder zum Alten zurück.

Doch die Faszination dieses Festes bleibt. Woraus besteht sie? Das Besondere liegt wohl darin, dass wir in der Weihnachtszeit unseren Blick auf die Welt ändern. Wir können ihr wieder begegnen wie in frühen Kindertagen. Wir haben einen Sinn für Sinnbilder und Sinnfragen. Kerzen und Engel tauchen die Welt in ein Zwielicht, Zeit und Raum sind ästhetisch überhöht. Und immer wieder stehen wir wie ein Kind wundernd vor diesem Baby in der Krippe. Wir stehen dort mit unserer ganzen Sehnsucht nach einem guten Leben in Frieden mit anderen, in Frieden mit uns selbst. Und wir staunen. Wir staunen vor der Entdeckung, dass Gott sich im allerkleinsten auf diese Welt begibt. Als Kind kommt er auf die Welt, angewiesen auf die Hilfe anderer. Gott kommt im Kleinen, damit wir uns nicht mehr klein fühlen müssen. Genau darin liegt die alles verändernde Kraft. Das ist das Geheimnis von Weihnachten.

Musik: Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los,
ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut
das sich nicht läßt verzehren, wie irdisch Reichtum tut

Kathrin Haag  & Thomas Wahl, CD Wie soll ich die empfangen,
Track: Wie soll ich dich empfangen,

Autorin:  Es bleibt uns nur noch die Tür zu öffnen. Empfangen ist die Tür öffnen, das Herz öffnen. Doch wer steht davor?

Sprecher: Paul Gerhardt, Wie soll ich dich empfangen, Strophe 6
Das schreib dir in dein Herze, Du hochbetrübtes Heer,
Bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr.
Seid unverzagt! Ihr habet die Hilfe vor der Tür;
Der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.

Autorin: „Ihr habet die Hilfe vor der Tür“, dichtet Paul Gerhardt. Die Hilfe für alle Widerstände, Sorgen um den Familienfrieden, Befürchtungen, die das von uns oft hochstilisierte Weihnachtsfest mit sich bringt.

Denn was ist, wenn mein Leben nicht so heil daher kommt, wie es die Heilige Familie verspricht? Wenn es alle Jahre wieder Streit gibt um dieselben Dinge. Man sieht es vorher schon kommen, kann benennen an welchen Themen es sich entzünden wird – wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Was ist, wenn wir nun in diesem Jahr zu all den getrennten Paaren gehören, bei denen es kompliziert ist – wer feiert mit wem und wo? Bei denen die Frage nach dem Fest mit den gemeinsamen Kindern schwer lastet?
Die Weihnachtsgeschichte erzählt uns wie Gott als Kind auf die Welt gekommen ist. Jesus wurde geboren mitten hinein in eine Familie, die auf den ersten Blick gar nicht so heil war. In einer Beziehung voller Widersprüche begibt sich Gott auf diese Welt. Gott ist Mensch geworden, damit wir spüren, dass er um unsere Widersprüche weiß. Der Theologe und Poet Wilhelm Bruners hat das in seinem Gedicht „Heilige Familie“ deutlich formuliert.

Sprecher:
Heilige Familie

die mutter
der vater
das kind
die heilige
familie

vergiß
was du
über sie
gehört hast

denn sie
war eine
ganz und gar
normale Familie

wenn du
etwas über
sie wissen
willst
informiere
dich nicht
bei denen
die nicht
zulassen
dass sie eine
ganz und gar
normale familie
war

wenn du
etwas über
sie wissen
willst
schau in die
eigene familie
und denke nach
über das
was du dort erlebst

verstehen
enttäuschung
zuneigung
ablehnung
trennung
umarmung

zorn
liebe

vergleiche
dich ruhig
mit ihr
und halte
dich nicht
für schlechter

vergiß
was du
über sie
gehört hast

sie war eine
ganz und gar
normale
familie

deshalb
halte sie
heilig

Autorin: „Ihr habet die Hilfe vor der Tür.“ Wir ahnen  ein Angenommenseins mit unseren Lebenswunden. Da weiß einer um all das, was mich sorgt. Hier klingt das Versprechen eines friedlichen Miteinanders. Dass Gottes Friede einzieht in unsere Runden am Heiligen Abend, wie auch immer sie aussehen mögen. Gerhardt schreibt seine theologische Poesie, damit sich unsere Herzen öffnen und bereit sind den anderen mit einem weicheren, gnädigeren Blick anzusehen. Getrost können wir Tür und Herz öffnen, denn er kommt.

Musik:
Ihr dürft euch nicht bemühen, noch sorgen Tag und Nacht
Wie ihr ihn wollet ziehen, mit eures Armes Macht
Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust
All Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewußt

Kathrin Haag  & Thomas Wahl, CD Wie soll ich die empfangen,
Track: Wie soll ich dich empfangen,
 
Autorin: Eine gute, verbleibende Adventszeit und einen gesegneten Heiligen Abend – wie auch immer und mit wem auch immer sie ihn verbringen – wünscht Ihnen Susanne Wolf-Withöft von der evangelischen Kirche.

Musik: Sarah Kaiser, CD Gast auf Erden
Track: Wie soll ich dich empfangen

 Literatur:
>Wilhelm Bruners, Verabschiede die Nacht. Gedichte-Erzählungen-Meditationen-Biblisches, Düsseldorf 1999.
>Das Kirchenlied zwischen Sprache, Musik und Religion, BThZ 28. Jg, 2/2011.
>Matthias Morgenroth, Wir Christkinder. Von der Bedeutung des Heiligabendgottesdienstes in einem weihnachtlichen Christentum, in: Arbeitsstelle Gottesdienst, EKD, 3/2003, 51-56.
>Felizitas Muntanjohl, Michael Heymel, Auf, auf, mein Herz mit Freuden. Gottesdienste, Gemeindearbeit und Seelsorge mit Liedern von Paul Gerhardt, Gütersloh 2006.
>Gerhard Rödding, Warum sollt ich mich denn grämen. Paul Gerhardt – Leben und Dichten in dunkler Zeit, Neukirchen-Vluyn 2006.

Audiobeitrag Wie soll ich dich empfangen


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