Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.12.11; Stefanie Schardien

Die schwule Pfarrfrau

Eigentlich hatte mir mein Zugnachbar nur geholfen, meinen Koffer ins Gepäckfach zu hieven. Aber wie es auf langen Strecken manchmal ist:

nun unterhalten wir uns plötzlich über Gott und die Welt. „Mein Mann ist Pfarrer“ erzählte er – so ganz nebenbei. Einen minimomentlang stutze ich und ärgere mich sofort über mich selbst. Logisch, der Mann ist eben schwul. Für ihn ist das offensichtlich überhaupt nichts Besonderes mehr.

„Ging das denn einfach, dass Sie beide …? Also, ich meine, hat die Gemeinde Sie…“ Himmel, was druckse ich herum. Mein Nachbar lacht. „Ob die Gemeinde mich als schwule Pfarrfrau akzeptiert hat? Nun ja…“  Das sei tatsächlich am Anfang ganz schön heftig gewesen, erzählt er. Einige in der Gemeinde hätten sich total gegen einen Schwulen als neuen Pfarrer gewehrt: Sie müssten dann um ihre Kinder fürchten. Und wer wollte ein Pfarrhaus, in dem zuginge wie in Sodom und Gomorrha… „Da brauchten wir schon ein dickes Fell“ sagt er. Man merkt ihm an: lustig war die Zeit nicht. 

Also hätten sie einen Gesprächsabend organisiert, wo die ganzen Befürchtungen mal auf den Tisch kamen. Aber auch die Frage, was man von einem Pfarrerpaar eigentlich erwartet. Das Ergebnis: Den meisten seien vor allem Dinge wie Liebe, Treue und Verantwortung wichtig gewesen. „Und damit“ sagt er und zeigt fröhlich auf den Ring an seinem Finger, „können wir so sehr dienen, wie jede Heteroehe auch.“

Sprecherin: Alexa Christ

Audiobeitrag Die schwule Pfarrfrau


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen