Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.12.11; Pfarrer Joachim Gerhardt

Bonhoeffer

: „Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Dietrich Bonhoeffer. Der evangelische Pfarrer schrieb diese  Verse  zu Silvester 1944. Bonhoeffer saß als Widerstandskämpfer gegen die Nazis im Gefängnis. Nicht so bekannt ist, dass er in diesen Tagen auch einen Brief an seine Familie schrieb, einen sehr persönlichen Brief:

Sprecher: Liebe Mama! Eben habe ich zu meiner großen Freude die Erlaubnis bekommen, Dir zum Geburtstag zu schreiben. Ich muss es etwas in Eile tun, da der Brief gleich noch fort soll.

Autor: Die Eile klingt so gewöhnlich, aber sie war es nicht. Bonhoeffer, damals  38 Jahre alt, drohte der Tod. Er wird es gewusst haben. Er war ein eingekerkert in der berüchtigten Gestapo-Haft in der Prinz-Albrecht-Straße mitten in Berlin. Entschieden hatte sich Bonhoeffer gegen das Naziregime engagiert: hatte gegen die Gleichschaltung der Kirche und – was damals nur wenige taten – auch deutlich gegen die Judenverfolgung gesprochen. 1943 war er inhaftiert worden.

Sprecher: Eigentlich habe ich nur einen einzigen Wunsch, nämlich Dir in diesen so trüben Tagen irgendeine Freude machen zu können. Liebe Mama, Du musst wissen, dass ich jeden Tag unzählige Male an Dich und Papa denke und dass ich Gott danke, dass Ihr da seid für mich und für die ganze Familie.

Autor: Ich finde das bemerkenswert. Da ist einer in Haft, von Folter und Tod bedroht, dem man selbst Trost und Zuspruch wünscht. Bonhoeffer aber ist so stark, dass er selbst Trost und Zuspruch spendet. Er hat das bei seinen Mitgefangenen getan und – was noch viel tiefer berührt – auch bei seiner eigenen Familie.

Sprecher: Ich danke Dir für alle Liebe, die im vergangenen Jahr von Dir zu mir in meine Zelle gekommen ist und mir jeden Tag hat leichter werden lassen. Ich glaube, dass diese schweren Jahre uns noch enger miteinander verbunden haben als es je war.

Autor: So ein Brief aus der Haft kann nur andeuten. Ansonsten hätte er die Zensur der NS-Wärter nicht passiert. Aber Bonhoeffers Worte lassen spüren: Äußere Mächte, Gewalt und Unrecht können Menschen bedrohen. Aber tief im Inneren gibt es etwas, das unangreifbar ist. Und dieses Gefühl baut eine Brücke zu Menschen, die sich nahe sind, die sich vertrauen, die sich lieben, auch über tiefe Abgründe hinüber/.trotz widriger Umstände

Sprecher: Ich wünsche Dir und Papa und uns allen, dass das neue Jahr uns doch wenigstens hier und da einen Lichtblick bringt und dass wir uns doch noch einmal zusammen freuen können. Gott erhalte Euch gesund! Es grüßt Dich und denkt an Dich an deinem Geburtstag von ganzem Herzen, Euer dankbarer Dietrich.

Autor:  Ein Brief voller Mut und voller Gottvertrauen. Die Wege des Lebens können brutal sein und sind auch nicht berechenbar. Aber gerade dann ist Gott uns nahe. Das ist die Botschaft, die Dietrich Bonhoeffer hinterlässt. Zum Jahreswechsel 44/45 schrieb er an seine Familie dann noch jene bekannten Worte: „Von guten Mächten treu und still umgeben, / behütet und getröstet wunderbar, / so will ich diese Tage mit euch leben, / und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Kurz vor Kriegsende am 9. April 1945 wurde Bonhoeffer auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers im KZ Flossenbürg hingerichtet.

Audiobeitrag Bonhoeffer


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