Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.12.11; Pfarrer Joachim Gerhardt

Jahreswechsel

Und, schon entschieden? Brot oder Böller morgen Abend? Ich glaube, das ist die falsche Frage. Wer böllern will, der soll das tun und das möchte ich ihm

auch nicht madig machen. Böllern zum Jahreswechsel hat ja auch seine Geschichte und durchaus einen tieferen Sinn:

Unsere Vorfahren, also die alten Germanen, wurden alljährlich zum Fest der Sonnenwende von einer furchtbaren Angst befallen. Sie glaubten: Böse Geister halten die Zeit an und verbauen die Zukunft. Mit viel Lärm, mit Tanz und Fackeln versuchten sie dann, diese bösen Geister zu vertreiben.

Vielleicht schwingt diese Angst noch mit, wenn sich morgen Nacht wieder Feuerbatterien in den Himmel entladen. Anlass zur Angst gibt es ja genug. Unsere Dämonen sind zwar keine dunklen Baumgeister mehr, sie tragen andere Namen: Eurokrise, Staatsverschuldung, Globalisierung, Terror. Vielleicht sind es aber auch ganz private Dinge, die einem Angst machen und die man hofft, irgendwie auf den Mond  schießen zu können : eine Krankheit mit unklarer Diagnose, eine Beziehungskrise, die Angst um den  Job …

Ich glaube – wie  die alten Germanen–, dass Feiern hilft, Ängste zu verdrängen. Vor allem, wenn wir das gemeinsam tun. Denn das Böllern ist ja vor allem ein guter Anlass auf die Straße zu gehen, mit einem Glas Sekt in der Hand und mit anderen anzustoßen. Der Mensch braucht die Gemeinschaft. Das ist für mich vor allem das Schöne an Silvester.

Der Krach- und Feuerkult der alten Germanen ist aber noch aus einem anderen Grund  bedenkenswert: Denn ich glaube, dass die mächtigsten Dämonen in mir selbst schlummern. Das sind Stimmen, die mir immer wieder unbewusst einflüstern: Nur nichts Neues!  Die mich gefangen halten  in alten Erfahrungen und Verletzungen.

Das ist schon komisch, finde ich: Wir wünschen uns zu Silvester ein neues Jahr – aber tief im Inneren hoffen wir, dass alles so bleibt, wie es ist. Auf jeden Fall das, womit wir irgendwie leben können. Seien wir ehrlich: Neue Herausforderungen stehen bei den Wenigsten auf dem Vorsatz- oder Wunschzettel für das neue Jahr.

Die Gewohnheit und die Furcht vor Neuem sind solche Geister, die die Zukunft von mir mit aller Macht von mir fernhalten wollen. Wenn es gelingt, sie mit den Böllern aufzuwecken und zu verscheuchen, ist schon viel passiert.

In meiner Kirche, und in vielen anderen auch, läuten zum Jahreswechsel die Glocken. Zum Glück sind die so laut, dass man sie auch mitten zwischen Kanonenschlägen und Chinakrachern hören kann. Die Glocken sind für mich mehr noch als jeder Böller das Signal: Ich gehe nicht allein ins neue Jahr . Daran werde ich denken, wenn ich mit meiner Familie, Freunden und Nachbarn anstoße: Gott ist neben mir und über mir und gibt mir Kraft und Mut. Den werde ich brauchen, damit 2012 nicht nur ein anderes, sondern ein wirklich neues Jahr werden kann.

Audiobeitrag Jahreswechsel


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