Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.12.11, Pfarrerin Daniela Kirschkowski

Heimat

Manchmal geschieht es einfach. So wie gerade eben. Eine alte Dame sitzt mir gegenüber. Ihre Augen blicken in die Ferne. „Wissen Sie“, fängt sie an zu erzählen,

„wissen Sie, ich wohne nun schon so lange hier. Schon über 50 Jahre. Aber Heimat – das ist für mich noch immer da drüben.“

Vor einigen Jahren war sie nochmal dort, erzählt sie. Noch einmal das Land betreten, das einmal das eigene war. Noch einmal durch das Elternhaus wandern. Die Kühe rufen hören aus dem Stall, ganz wie damals. „Ein komisches Gefühl war das. Auf einmal war alles wieder da: Der Tag, an dem wir alles so plötzlich verlassen mussten. Die Geräusche, der Geruch der Luft. Und eben dieses Gefühl von Heimat. So was hat man nur ein Mal – das kennen Sie doch bestimmt auch.“ Ihre Augen blicken mich fragend an.

„Ich weiß nicht“, denke ich. „Kenne ich das?“ Ein Gefühl von Heimat.... Ist das ein Ort? Gibt es das? Meinen Ort? Versunken wandert mein Blick aus dem Fenster.  
In seine Heimat wird man doch hinein geboren. Man sucht sie sich selten aus. Die Stadt, das Dorf, das soziale Umfeld. Familie, Eltern, Kinder, Freunde. Das, was mich in meiner Jugend prägt. Wo ich Kind war. Wo ich Kind bleibe und wieder werde, wenn ich dorthin zurück kehre.

Und doch entdecke ich Heimat oft auch ganz woanders. Dort, wo ich nicht herkomme, aber hingehe. Wohin ich unterwegs bin, wo ich ankomme.

Ich bin oft unterwegs, eigentlich immer. Unterwegs zu fremden Menschen, die mir ihre Türen öffnen und oft auch ihre Herzen. Die mir ein Stück ihrer Heimat zeigen – so wie die alte Dame, die vor mir sitzt. Eine Tür öffnet sich, ich gehe hinein. Warte, verweile, teile. Leben, eine Tasse Kaffee. Eine Erinnerung. Heimat. Und dann gehe ich wieder. Die Tür schließt sich. Ein Stück dessen, was dahinter lag, nehme ich mit. Ein Stück von mir bleibt dort.

Noch immer schaut mich die Frau erwartungsvoll an. „Meinen Sie, es gibt nur eine Heimat?“, höre ich mich fragen. Keine Antwort. Der Blick der Frau fällt auf ihren Mann. Er sitzt neben ihr. Wortlos hat er bislang unserem Gespräch gelauscht. „Du hast deine Heimat ja nicht nochmal sehen wollen“, sagt sie zu ihm. Langsam schüttelt er den Kopf. „Nein“, sagt er, „wozu? Ich habe sie bei mir und ich will sie so in Erinnerung halten wie sie war. Und außerdem: Ich habe eine neue Heimat gefunden. Hier. Mit dir.“

Die beiden sehen sich an. Dann schauen sie gemeinsam aus dem Fenster. „Wissen Sie“, sagt die Frau, „im Sommer sitzen wir hier immer draußen im Garten. Wir haben da so eine Ecke, in der haben wir es uns schön gemacht.“

Ja, denke ich, das ist für mich auch Heimat. Ein Ort, an dem ich es mir schön mache. Jetzt im Winter einfach ein Sessel, in dem ich es mir gemütlich mache. Eine Tasse Tee trinke, ein gutes Buch lese. Und die Menschen, mit denen ich unterwegs bin. Die mit mir unterwegs sind. Familie, Eltern, Kinder, Freunde. Gottes Volk ist ein wanderndes und so bin ich wohl auch: auf Wanderschaft. Heimat ist immer da, wo mein Herz gerade ist. Da finde ich mich und ich glaube, da finde ich auch Gott. So hat er es zumindest den Generationen vor mir versprochen. Zu Josua hat er gesagt: „Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben.“ (Josua 1,3) Manchmal geschieht es einfach: Plötzlich ist man Zuhause.

Einen gesegneten Adventssonntag wünscht Ihnen Pfarrerin Daniela Kirschkowski aus Marl.

Audiobeitrag Heimat


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