Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.12.11; Vizepräses Petra Bosse-Huber

Gottverlassen?!

„Ich komme trotzdem zum Weihnachtsgottesdienst“, sagt die junge Frau und lächelt. „Trotzdem?“, frage ich. „Ich komme, obwohl ich gerade mit Gott ringe.

Ich weiß oft nicht, ob ich noch an ihn glaube. Am liebsten würde ich mich mal in eine Kirche stellen und ihn richtig anschreien.“ Das kann ich verstehen. Ihre Mutter ist vor kurzer Zeit an Krebs gestorben. Die Tochter ist Anfang 20, hat gerade mit dem Studium begonnen und ihre Mutter über Jahre begleitet. Sie hat viel sehen und erfahren müssen, was schier unerträglich war.

Auch ich kenne die Zeiten, in denen ich mit Gott ringe. Zeiten, in denen ich nach dem Sinn frage und danach, warum Gott nicht alle Krankheiten heilt, die Kriege beendet, den Hunger stillt und wahrhaftig seinen Frieden anbrechen lässt. Anstrengender noch als das Kämpfen mit Gott ist, wenn Gott mir fremd wird - so fremd, dass ich ihn nicht mehr wahrnehme, ich ihn nicht mehr finden kann. Dann ist Schweigen in mir, aber nicht die gute Stille in Gemeinschaft mit Gott, sondern das dunkle Schweigen der Einsamkeit. Hat dann Gott mich verlassen, oder habe ich ihn verlassen?

Ich frage die junge Frau: „Haben Sie das Gefühl, dass Gott Ihre Familie verlassen hat?“ Sie denkt nach und antwortet: „Es ist beides. Zum einen finde ich es unfair, dass meiner Mutter so etwas passieren musste. Sie war ein guter Mensch. Ich finde es schlimm, dass sie jetzt nicht mehr bei uns ist. Warum hat Gott das zugelassen? Wenn ich diesen Gedanken denke, dann habe ich schon das Gefühl, dass er sich weggedreht hat und uns der mörderischen Krankheit ausgeliefert hat. Aber andererseits weiß ich, dass meine Mutter am Ende keine Kraft mehr hatte. Sie hatte auch keine Angst mehr vor dem Sterben. Und als sie tot war, sah sie so friedlich aus. Da hatte ich das Gefühl: Gott hat ihre Seele mitgenommen, mit zu sich.“

Immer wieder machen Menschen die Erfahrung, dass sie sich von Gott verlassen fühlen. Wenn sie sich auseinandersetzen müssen mit einer schweren Krankheit, mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, mit dem Zerbrechen einer Beziehung oder mit dem Tod eines geliebten Menschen. Ja sogar ganze Völker, haben sich durch die Geschichte hindurch immer wieder das zu deuten versucht, was ihnen in Krisen widerfahren ist. Ihre Interpretation lautete dann oft: Uns ergeht es so schlecht, weil wir uns von Gott entfernt haben. Oder: Uns geschieht dieses Unglück, denn Gott hat uns verlassen.

Ich glaube nicht, dass Menschen krank werden, weil Gott sich von ihnen abgewandt hat. Ich glaube auch nicht, dass Hungersnöte oder Kriege aus diesem Grund über Völker hereinbrechen. Ich glaube aber, dass Gott uns gerade in den Krisenzeiten unseres Lebens begleitet. Er verlässt uns nicht, auch wenn wir uns manchmal gottverlassen und einsam fühlen.

„Glauben Sie, dass Gott am Ende doch da war?“, frage ich die junge Frau, die um ihre Mutter trauert. Und sie sagt: „Ja, irgendwie schon, auch wenn ich es nicht genau beschreiben kann. Deswegen werde ich Weihnachten auch in die Kirche gehen. Ich will zwar immer noch mit Gott darüber streiten, warum das alles so passiert ist. Aber ich will ihm auch danken, dass er am Ende meiner Mutter geholfen hat.“

Gott wendet sich nicht von uns ab. Diese Zusage kann uns besonders in der Adventszeit begleiten, denn in der Dunkelheit warten wir auf das Licht Gottes, in der Erfahrung des Todes auf neues Leben, und in der Einsamkeit darauf, dass Gott Mensch wird und uns nahe kommt.

Audiobeitrag Gottverlassen?!


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