| |
Was ist Wahrheit?
Was ist Wahrheit? So hat Pontius Pilatus gefragt, als er Jesus verhörte. Besser kann man eine der wichtigsten Fragen nicht auf den Punkt bringen.
Vor kurzem kam mir diese Frage wieder in den Sinn. Über den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi wurde das Urteil gesprochen. Er hatte eigene Bilder verkauft unter dem Namen von Max Ernst und anderen berühmten Künstlern der Moderne. Er hatte keine Originale kopiert, sondern im Stil der Großen eigene Bilder entworfen.
Der Kunstkritiker Niklas Maak schrieb dazu in der FAZ: Er fälscht nicht, in dem er Kopien herstellt. Er legt die Künstler auf die Couch; er fragt sie und ihre Werke danach, was sie eigentlich ausdrücken wollten und malt dann [...] den idealen Max Ernst oder den idealen Campendonk, den diese im Gewusel der Möglichkeiten und den Ablenkungen ihrer Gegenwart nicht gemalt haben. Er malt, wie er es sagt, die Bilder, die im Werk dieser Künstler nicht fehlen dürfen.
Ist das, was Beltracchi gemalt hat, Wahrheit oder Lüge? Zählt vor allem, dass er die Werke unter falschen Namen verkauft hat? Dass die Bilder ihre Bedeutung gewannen, weil sie angeblich von Ernst oder Pechstein stammten? Oder zählt allein die Qualität der Bilder? Wenn das Kunstwerk selbst entscheidend ist und nicht seine Einordnung in ein Gesamtwerk, dann liegt viel Wahrheit in den Gemälden von Wolfgang Beltracchi. Bei einer Abstimmung im Internet fanden übrigens zwei Drittel, dass die Bilder von Beltracchi wahr seien und nicht gelogen.
Wer die Bibel liest, wird von einer ähnlichen Frage herausgefordert. Heute wissen wir, dass einige Briefe im Neuen Testament nicht von Paulus stammen obwohl sie unter seinem Namen überliefert sind. Müssen wir deshalb sagen: Das sind Fälschungen? Texte ohne Wert und Wahrheit? Nur deshalb von uns gelesen, weil sie angeblich von Paulus stammen? Oder zählt vor allem der Inhalt der Briefe? Die tiefen Wahrheiten, die sie von Jesus Christus berichten. Der echte Glaube, der in Ihnen zum Ausdruck kommt. Dass man sie Paulus zuschrieb, wäre dann eine verzeihbare Unwahrheit. Die Schreiber haben den großen Namen geborgt. Sie haben die Autorität des Paulus anerkannt. Und sie dafür benutzt, dass die tief frommen Briefe auch gelesen wurden.
Für mich sind die unechten Paulusbriefe voller tiefer Wahrheit. So wie ich auch Beltracchis Bild La horde faszinierend finde unabhängig davon, wer es gemalt hat. Aber ein unangenehmer Nachgeschmack bleibt doch. Schöner wäre es, wenn die Namensschummelei nicht nötig gewesen wäre. Es bleibt die Sehnsucht nach ungebrochener Wahrheit.
Im Gespräch mit Pilatus sagte Jesus: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. In zwölf Tagen werden wir wieder die Geburt dieses Jesus feiern. In ihm sind Wahrheit und Lüge nicht vermischt und verwischt. Jesus war ein Bote Gottes, der kein Schummeln nötig hatte. Deshalb konnte er von sich sagen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. An ihn kann ich mich halten, wenn ich von all den Halbwahrheiten des Lebens wieder mal genug habe.
Was ist Wahrheit?
|