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Warten
Berlin, Alexanderplatz. Es ist kalt, aber schön, der Himmel strahlend blau, das Treiben auf dem Platz in Sonnenstrahlen getaucht. Ich warte auf meinen Zug.
Es ist noch ein wenig Zeit zu vertreiben und so schaue ich zu, wie andere dasselbe tun: Zeit vertreiben, im wahrsten Sinne des Wortes, hektisch hin und her laufen, verwirrt Fahrpläne studieren, mit zerknitterten Stadtplänen kämpfen, Menschen nach dem Weg fragen. Offenbar gibt es in dieser Stadt viele Gäste auf Zeit, genau wie mich, und gemeinsam oft auch eher einsam sucht man zurecht zu kommen auf dem Pflaster, das man nicht kennt. Man sucht die Zeit zu nutzen, die man hat, das Beste heraus zu holen.
Mir fällt ein Paar auf. Mittleres Alter, gut ausgerüstet mit einem von diesen bekannten kleinen Büchern über die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Das Ganze gespickt mit bunten Post-Its, farblich sortiert nach Tag und Rang. Strukturierte Zeit statt Treiben lassen sicher ein anderes Konzept als das meine in diesem Moment.
Nur wenige Meter weiter ein ganz anderes Bild. Ein gut aussehender, junger Mann, ganz der Teenie-Traum mit wildem, blonden Haar, Drei-Tage-Bart und tiefer Stimme steht mit seiner Gitarre unter der S-Bahn-Brücke und zieht mich mit einer Traube von Menschen für kurze Zeit in seinen Bann. Er singt gut, sehr gut. Sanfte Rocksongs. Für einen Moment scheint die Zeit stehen zu bleiben. Immer mehr Menschen tun es auch. Als schließlich das Halleluja von Leonard Cohen erklingt, passiert, was man sonst nur selten erlebt, allenfalls zu Weihnachten vielleicht: Leise summt und singt die Menge mit, Manchen treten Tränen in die Augen, viele nehmen sich in den Arm. Kein Zeit-vertreib, sondern plötzlich perfekte Zeit.
Und drumherum wartet die Welt, denke ich. Dieser Sänger vielleicht auch. Warten auf den großen Durchbruch, die große Bühne. Ich warte weiter auf den Zug. Noch immer ist Zeit. Ich verlasse die Welt des Bahnhofs, wandere weiter über den Platz und schaue mich nochmal um. Ich sehe Menschen, die Schlange stehen zum Eintritt in den Fernsehturm. Zwei Stunden warten, um einmal alles von oben zu betrachten. Dauert es noch lange? fragt ein kleiner Junge seine Mutter. Ein Obdachloser wühlt mit der rechten Hand im Müll, in der linken hält er eine moderne kleine und sehr helle Taschenlampe. Die Wartenden und Suchenden haben aufgerüstet.
Nur wenige um mich herum scheinen mit Freude zu warten. Kinder kreischen, Eltern lächeln gequält. Nur ein kleiner Hund erklimmt mit Schwung die Steinstufen neben einer Rolltreppe; oben angekommen schielt der Pinscher um die Ecke und erwartet wedelnd sein Frauchen.
Warten können ist wohl eine Kunst. Ist Warten vertane Zeit? An diesem Morgen in Berlin erlebe ich es anders. Warten können, warten dürfen wird zur geschenkten Zeit. Gut, dass die Ankunft meines Zuges noch auf sich warten lässt. Ein wenig Zeit zum Stille werden. Nicht die Zeit vertreiben, sondern abwarten, beobachten, leise mitschwingen. Selbst Schlange stehen, um hinauf zu fahren auf den Fernsehturm, einmal alles von oben betrachten. Um den Himmel zu sehen, muss man den Blick heben. Einstimmen, wenn einer ein Lied singt. Und leise werden, leise, leiser still. Und mitten in dem Treiben warten auf den, der da kommen soll. Es ist Advent. Warten wir auf unseren Gott. In der Bibel steht: Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. (Psalm 37,7) Mit einem leisen Gruß, Ihre Pfarrerin Daniela Kirschkowski aus Marl.
Warten
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