Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.12.11; Vizepräses Petra Bosse-Huber

Paul feiert wieder Weihnachten

Paul feiert wieder Weihnachten. Seine Freunde sind erstaunt. Er selbst auch. Denn über viele Jahre waren ihm die Weihnachstage zutiefst verhasst,

und die Adventszeit sowieso. Er ärgerte sich über die ganzen Konsumangebote im Strudel von bunten Lichtern und süßlicher Musik. Aber auch über die Traumbilder von Familienidylle und Harmonie, die überflüssigen Geschenke und die ach so stimmungsvollen Gottesdienste.

Die Bilder aus seiner Kindheit begleiten ihn immer noch: viel Streit, Gewalt und Tränen, gerade zu Weihnachten. Nicht nur in seiner Familie, sondern auch bei vielen seiner Freundinnen und Freunde.

Stille Nacht, heilige Nacht... Frieden auf Erden - wirklich?

Am liebsten wäre Paul zur Weihnachtszeit immer weit weg gefahren, vielleicht nach Indien oder Tibet. Aber dafür fehlte natürlich das Geld. Nun steht er in seinem Flur und begutachtet sich im Spiegel. Er hat sich gut angezogen für den Heiligen Abend. Ein kleines Geschenk hat er eingepackt, denn es soll gewichtelt werden. Er nimmt nicht nur an der Weihnachtsfeier teil, sondern wird sogar etwas vorlesen.

Paul ist da einfach so reingerutscht. Eine Nachbarin hatte gefragt, ob er ihr mit seinem Auto helfen könne. Sie musste Lebensmittel für die „Tafel“ abholen, aber ihre Tochter habe das Auto. Klar hat er geholfen. Der Laden der „Tafel“ hat ihm gefallen, und das Angebot, dass arme Familien kostenlos gute Lebensmittel bekommen können, sowieso.
Irgendwie kam sein Name dann auf die Freiwilligenliste, und immer öfter fuhr Paul mit seinem Auto herum und sammelte Lebensmittel ein, übernahm Schichten im Laden und half bei handwerklichen Aufgaben.

Vor zwei Jahren dann fragte die Pfarrerin, wer Lust und Zeit habe, beim  ersten gemeinsamen Weihnachtsfest der „Tafel“ und der evangelischen Kirchengemeinde mitzumachen. Auch auf diese Liste schrieb Paul seinen Namen.

Er half, im Gemeindehaus die Tische zu decken, den Baum zu schmücken und holte einige Menschen mit dem Auto ab. Da saß er dann, am Heiligen Abend vor zwei Jahren, zwischen Menschen, die er von der „Tafel“ kannte und anderen, die ihm unbekannt waren. Um ihn herum waren alte Menschen und Kinder, Witwen und junge Familien, Kranke und Gesunde, solche, die unter Armut litten und solche, denen die Einsamkeit zu schaffen machte. 

Paul saß mitten unter ihnen, und plötzlich wurde ihm bewusst: Das ist Weihnachten! Das Weihnachten, das er immer vermisst hatte: Keine Familienidylle, aber Gemeinschaft. Kein Konsumwahn, sondern ein Festmahl aus gespendeten Lebensmitteln. Keine hohlen Floskeln, sondern ehrliche Freude und ehrliche Tränen - je nachdem, was gerade dran war. Das ist Weihnachten - und er fühlte sich, als hätte er einen Blick in den Stall von Bethlehem getan. Paul feiert wieder Weihnachten. Zum dritten Mal und mit wachsender Begeisterung. Er freut sich schon seit Wochen darauf.

Wenn seine Freunde ihn fragen, warum er plötzlich ein Weihnachtsfan ist, antwortet Paul ihnen mit ungewohnten Worten: „Gott hat mich und die anderen nach Hause geholt. Und Heiligabend nimmt Gott Platz an unserer Tafel, bei denen, die sich verloren gefühlt haben und nun zu Hause sind.“

Audiobeitrag Paul feiert wieder Weihnachten


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