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Leben wie ein Baum
Autorin: Bäume. Zum Beispiel eine alte knorrige Eiche: Übersät mit zartem Pulverschnee, leuchtend in der winterlichen Morgensonne.
Eine Blutbuche mit meterdickem Stamm: Lehnt euch an, ruht euch aus, ich gebe Euch Halt scheint sie zu rufen. Oder ganz herbstlich: Ein Spitzahorn, dessen Blätter im Herbst goldgelb zu glühen beginnen, bevor sie zu Boden fallen. 30.000 Blätter hat so ein Baum, habe ich gehört. 30.000x ein goldgelbes Leuchten, einfach so, tausendfach. Fantastisch.
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Meine Name ist Antje Rösener. Ich arbeite als Theologische Studienleiterin im Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe in Dortmund.
Vielleicht haben Sie jetzt auch einen Baum vor Augen, den Sie gepflanzt haben, dessen Wachstum Sie begleitet haben? Den Sie beschneiden mussten oder gar fällen? Oder einen Baum, der da war, lange bevor Sie geboren wurden, der Ihnen ans Herz gewachsen ist?
In meiner Kindheit gab es so einen Baum vor meinem Fenster: Eine alte Eiche, die unter Naturschutz stand. Wie oft haben wir Kindern unsere Decken unter ihren Zweigen ausgebreitet mitsamt den Puppen und Bilderbüchern oder unsere Fahrräder an ihren Stamm gelehnt. Riesig war dieser Baum, größer als unser Haus, seine Zweige ragten weit in den Himmel hinein. Ich bin mir sicher, er steht immer noch, was soll so einen Baum schon erschüttern?
Sting, CD: If on a Winter´s Night, LC0173 Track 4: The Snow it melts the Soonest
Autorin: Der Baum spielt in vielen unserer religiösen und kulturellen Bräuche eine große Rolle. Manche pflanzen zur Geburt ihres Kindes einen Baum oder schenken ihrem Patenkind einen solchen zur Taufe. Wachse wie diese Pflanze so lautet der Wunsch dahinter - bleib verwurzelt in der Erde und öffne dich zugleich dem Himmel. Um den ersten Mai herum findet man in vielen Dörfern den Brauch, einen Maibaum aufzustellen und diesen herrlich zu schmücken. Ein Dank an den Frühling, an Gott, der jährlich aufs Neue die Natur zum Leben erweckt. Oder die Weihnachtsbäume, die just in diesen Stunden zu Tausenden geschlagen, auf Laster verladen und dann verkauft werden. In wenigen Wochen werden wir sie schmücken, mit Lichtern versehen und uns an ihren freuen.
Sprecher 1: "Ich weiß nicht, ob ihr ein anderes Spiel habt, das jetzt noch in ganz Deutschland üblich ist; man nennt es Christkindel. Da richtet man Tische wie Altäre her und stattet sie für jedes Kind mit allerlei Dingen aus, wie neue Kleider, Silberzeug, Puppen, Zuckerwerk und alles Mögliche. Auf diese Tische stellt man Buchsbäume und befestigt an jedem Zweig ein Kerzchen; das sieht allerliebst aus.
Autorin:
schreibt die Herzogin Lieselotte von der Pfalz 1708. In einer Zeit, als sich der Brauch der Weihnachtsbäume damals konnten es auch noch Buchsbäume sein - hier in Deutschland immer mehr durchsetzte.
Der Mensch und der Baum da gibt es Ähnlichkeiten. Der Baum erwächst aus einem winzigen Samenkorn, der Mensch aus einer klitzekleinen Zelle. Der Baum verwurzelt sich tief im Boden, um Sturm und Wind zu trotzen. Er ragt mit seinen Zweigen und Ästen zum Himmel. Auch der Mensch richtet sich auf, läuft auf zwei Beinen, blickt nach oben - während seine Füße immer den Kontakt zum Boden halten. Fliegen können wir eben doch nicht.
Heute morgen am zweiten Advent da wird gleich zu Beginn in den meisten Gottesdiensten ein und dasselbe Bibelwort gelesen: Richtet Euch auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung naht. Dieses Bild von einem Menschen, der sich im Namen Gottes aufrichten darf und soll, der mit erhobenem Haupt im Leben stehen und Gottes Kraft spüren darf
da sehe ich die Gestalt eines Baumes vor mir.
Aufrecht will dieser Gott der Bibel uns, erhobenen Hauptes. Befreit und erlöst von dem, was uns knechtet und niederdrückt. Was uns den Rücken krümmt, den Blick trübt oder den Kopf hängen lasst.
Sprecher 2: Leben wie ein Baum, einzeln und frei und brüderlich wie ein Wald - das ist unsere Sehnsucht.
Autorin:
so hat einer der bedeutendsten türkischen Dichter des letzten Jahrhunderts - Nazim Hikmet - seine Sehnsucht beschrieben: Leben wie ein Baum, einzeln und frei und doch aufeinander bezogen, wie die Bäume im Wald. Nazim Hikmet selbst hat mehr als zwölf Jahre seines Lebens als politischer Häftling im Gefängnis gesessen. Die Würde, die Freiheit, das aufrechte Stehen eines Baumes in der Natur all das, war ihm zeitlebens ein Vorbild, ein Sinnbild dafür, wie wir Menschen leben können.
Musik: Sting, CD: If on a Winter´s Night, LC0173
Sprecher/in: (aus Psalm 1,1-5a, BigS) 3 Glücklich sind die Frau, der Mann die nicht nach den Machenschaften der Mächtigen gehen, nicht auf dem Weg der Gottlosen stehen noch zwischen Gewissenlosen sitzen, sondern ihre Lust haben an der Weisung Gottes, diese Weisung murmeln Tag und Nacht. Wie Bäume werden sie sein gepflanzt an Wasserläufen, die ihre Frucht bringen zu ihrer Zeit, und ihr Laub welkt nicht. Was immer sie anfangen, es führt zum Ziel. Nicht so die Machtgierigen: Wie Spreu sind sie, die ein Wind verweht.
Autorin: Dieses alte Gebet - Psalm 1 in unseren Bibeln - ist fast 3000 Jahre alt. Glückliche Menschen werden hier beschrieben. Glückliche Menschen, das sind solche, die nicht gewissenslos, nicht ohne selbst nachzudenken die Machenschaften der Mächtigen einfach nur abnicken.
Glückliche Menschen befolgen Gottes Weisung, Gottes Gebote, die das Wohlergehen aller im Blick haben. Der Beter behauptet: Das Glück dieser Menschen zeigt sich darin, dass sie wie Bäume sind, gepflanzt an frischem Wasser. Ihr Glück zeigt sich darin, dass ihr Leben Früchte trägt zu seiner Zeit. Das, was sie beginnen und sei es auch noch so klein, es wird gesegnet werden, es wird nicht verdorren, es wird zum Ziel führen. Das Tun der anderen dagegen wird vom Wind verweht.
Mir gefällt dieses Bild von einem glücklichen Menschen, der wie ein Baum am Wasser gepflanzt ist. Aber ich spüre auch Widerspruch in mir: Sehe ich nicht überall, dass die Gewissenslosen sich ihre Denkmäler setzen, dass sie zum Ziel kommen, dass sie immer neue Quellen auftun, in denen Geld für sie sprudelt, Reichtum, Macht? Wie schwach scheint die Weisung Gottes dagegen, wie schwach scheinen seine Gebote, die zum Ziel immer das Wohlergehen aller haben? Die sich nicht damit abfinden, dass Millionenen verhungern, während die anderen nicht wissen, wohin mit ihrem Geld?
MUSIK Sting, CD: If on a Winter´s Night, LC0173 Track 3: There is no Rose of Such Virtue
Autorin: Ganz am Ende der Bibel finden wir eine Vision. Dort fasst jemand seine Sehnsucht in Worte, seine Sehnsucht nach einem Leben, wie es idealerweise sein könnte. In dieser Sehnsucht spielen Bäume eine große Rolle:
Sprecher/in: (aus Offenbarung 22,1+2) 4 Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes. Mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens. Die tragen 12x Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.
Autorin: Auch hier: Die Bäume sollen Früchte tragen so wie wir Menschen auch. Ihre Blätter sollen heilen, was wund ist zwischen den Völkern. Es geht immer um das Wohlergehen aller, um das Miteinander von Völkern und Menschen. Um Gerechtigkeit und Frieden.
Erinnern Sie die Friedenstaube? Immer hat sie einen Zweig im Schnabel. Einen Zweig vom Olivenbaum. Schon lange gilt dieser Zweig als Friedenszeichen. Denn Noah schickte nach der Sinnflut, die er mit wenigen Tieren und Menschen in der Arche überlebt hatte, eine Taube los. Sie kam mit einem Ölzweig im Schnabel zurück. Ein Zeichen dafür, dass neues Leben wuchs, dass Menschen und Tiere die Arche verlassen konnten, um diese Erde wieder zu bewohnen.
Die Bäume und die Menschen: Gott wünscht sich von den Bäumen, dass sie grünen, Frucht bringen, dass ihre Blätter Wunden heilen und ihre Zweige dem Frieden dienen. All dies wünscht Gott sich auch für uns. All dies traut Gott uns zu.
Musik Sting, CD: If on a Winter´s Night, LC0173 Track 2: Lo, how a Rose Eér Blooming
Sprecher: 5 «Wenn ich mir je ein Haus baue, so muss es einen Hof umschließen, in dessen Mitte ein riesiger Baum steht. Nichts ist für mich mehr Abbild der Welt und des Lebens als der Baum. Vor ihm würde ich täglich nachdenken, vor ihm und über ihn...»
Autorin:
schreibt Christian Morgenstern Die Bäume und die Menschen, wie schön, dass wir uns in ihnen wiederfinden können, dass wir uns an ihnen erfreuen können. Zum Beispiel dann, wenn ich in den kommenden Tagen einen Weihnachtsbaum kaufen gehe. Oder wenn ich beim nächsten Spaziergang im Wald die letzten Früchte - Eicheln oder Buckeckern - auf dem Waldboden finde oder die versteckten Knospen an den Zweigen entdecke.
Musik Sting, CD: If on a Winter´s Night, LC0173 Track 2: Lo, how a Rose Eér Blooming
Mögen Sie selbst sein wie ein Baum, gepflanzt an frischem Wasser. Mögen Sie aufrecht und frei im Leben stehen und Frucht bringen zur Ihrer Zeit! Das wünscht Ihnen Pfarrerin Antje Rösener aus Hattingen.
Sting, CD: If on a Winter´s Night, LC0173 Track 2: Soul Cake
Leben wie ein Baum
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