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O Heiland reiß die Himmel auf (eg 7)
Instrumentalmusik - Autor: Müde und abgeschlagen erreicht der Jesuit Friedrich Spee an einem Abend des Jahres 1622 sein Zuhause.
Wieder einmal war er als Beichtvater einer zum Tode verurteilten Frau unterwegs gewesen. Jetzt versucht er, die belastenden Eindrücke und Bilder des Tages zu verarbeiten: Helene, eine durch die Folter geschundene und völlig entkräftete junge Frau, ihr verzweifelter Gesichtsausdruck, ihre Tränen, ihr Wimmern, ihre Sorge um die drei Kinder, ihr Schmerz darüber, dass nun auch ihr Ehemann sie hatte fallen lassen, ihre Angst vor dem qualvollen Sterben auf dem Scheiterhaufen. Jetzt war es nämlich amtlich: sie sollte eine Hexe sein! Helene war untröstlich.
Spee hatte es schon etliche Male so oder ähnlich erlebt. In Helenes Nachbarsfamilie war ein Kind an einer Infektion schwer erkrankt und schließlich gestorben. Die Eltern des Kindes hatten einen Hexenbanner zu Rate gezogen. Der hielt Helene für die Verursacherin der Krankheit. Sie war ja manchmal im Haus der Nachbarin gewesen und außerdem: irgendjemand musste schuld sein am Unglück der Nachbarsfamilie! Damit nahm auch Helenes Unglück seinen Lauf.
Friedrich Spee hatte keinen Hunger. Er schrieb stattdessen auf, was ihm tagsüber im Kopf herumgegangen war Es war der Anfang eines neuen Liedes. Das Dichten war für ihn eine Art Therapie, eine Hilfe, mit den eigenen belastenden Erfahrungen als Beichtvater ein wenig besser fertig zu werden.
Sprecher: O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab, vom Himmel lauf! Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.
Autor: Ja, das wünschte sich Spee, dass Gott selbst käme und diesem Wahnsinn ein Ende bereitete. Dass Gott selbst das Schloss von dem Verlies abrisse, in dem Helene nun diese Nacht vor ihrer Hinrichtung einsam verbringen musste. Er hatte sich von Helenes Leid anrühren lassen, hatte versucht, die Untröstliche zu trösten mehr konnte er für sie nicht tun. Nur Gott selbst hätte Helene retten können.
So entstand eines der schönsten Lieder, die uns bis heute in der Adventszeit begleiten. Es hat seinen festen Platz im Gotteslob und im Evangelischen Gesangbuch. Es ist ein Lied voller Leidenschaft, Beschwernis und Verzweiflung und zugleich ein Lied voll Sehnsucht, Hoffnung, Trost und Zuversicht. Es atmet die Spannung, in der auch Christen dieser Tage leben.
Choral: ( 1. Und 3. Strophe) Musik 1 O Heiland, reiß die Himmmel auf, herab, herab, vom Himmel lauf. Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für. 0 Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd, dass Berg und Tal grün alles werd. O Erd, herfür dies Blümlein bring, O Heiland aus der Erden spring.
Autor: Friedrich Spee war sich sicher: dieser Wahnsinn durfte so nicht weitergehen. Er musste etwas geschehen. Das leidenschaftliche Drängen, das aus den Worten seines Liedtextes spricht, hat seitdem der Sehnsucht von Generationen von Menschen eine Sprache verliehen. Es ist die Sprache eines leidenschaftlichen Ringens mit Gott, die Sprache des Gebetes. Es sind Worte, die Gott förmlich vom Himmel auf die Erde ziehen wollen.
Musik 3
Für Spee gehörten offenbar Gebet und soziale Verantwortung zusammen. 1631 veröffentlicht er sein Buch Cautiocriminalis (auf Deutsch: Vorsicht in Strafprozessen). Es war eine schonungslose Abrechnung mit dem Hexenwahn und ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Folter. Es erscheint anonym. Doch blieb seine Autorenschaft im Jesuitenorden und im katholischen Umfeld nicht verborgen. Fortan war Friedrich Spee zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt. Von seinen schweren Verletzungen, die er durch ein Attentat auf seine Person erlitten hatte, erholte er sich nur langsam. Man erwog, Spee aus dem Jesuitenorden auszuschließen. Doch dazu kam es nicht. Um ihn aus der Schusslinie zu nehmen, wurde er 1632 mit einer Professur in Trier beauftragt.
Choral (6. Strophe): Musik 1 Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod; ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.
Autor: Seinem Lehrauftrag konnte Friedrich Spee nur kurze Zeit nachgehen. Dann hatte er selbst den Tod vor Augen. Im Zuge des 30- jährigen Krieges wurde Trier besetzt. Spee engagierte sich in der Pflege verwundeter und pestkranker Soldaten und starb im Alter von 44 Jahren, nachdem er sich selbst mit der todbringenden Pest infiziert hatte. Wer hat ihn getröstet, wer hat sich seiner angenommen? Wir wissen es nicht.
Choral (4. Strophe): Musik 4 Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.
Autor: Trost nicht billige Vertröstung- das wünschen sich auch Menschen heute. Denn manchmal ist es zum Verzweifeln. Und manchmal möchten auch wir, dass Gott dem Wahnsinn ein Ende macht. Auch der Hexenwahn hat sich hartnäckig durch die Jahrhunderte gehalten, bis hinein in unsere Tage. Erschütternde Berichte von Amnesty International und anderen Orga-nistationen über Hexenverfolgungen in Afrika, Indien, Papua Neuguinea und in den arabischen Staaten geben davon Kenntnis. Das finstere Mittelalter ist längst nicht vorbei. Es ragt bis in unsere Zeit hinein.
So wie vor fast 400 Jahren Helene als Sündenbock herhalten musste, sterben auch heute noch Menschen (auch Kinder!), weil man sie verantwortlich macht für das Unglück, das geschieht. Menschen müssen als Sündenbock herhalten für Krankheit, Be-hinderung, Missernten oder die Impotenz des Nachbarn. Das Unglück, das Menschen erleiden, macht hilflos. Es verlangt nach Erklärung.Es muss einen geben, der schuld ist.
Musik 3
Gottes Antwort auf unsere Ungeduld, unser Drängen, unsere Sehnsucht ist Jesus Christus. Er ist die Sonne, der schöne Stern, der in der letzten Strophe des Liedes besungen wird. In Jesus Christus ist Gott selbst erschienen. So glauben wir es. In ihm ist Gott uns schon entgegen gekommen und hat sich auf den Weg gemacht in dieses Jam-mertal, genannt Erde.
In seiner Nähe bleiben wir empfindsam für das Leid von Menschen, für Ungerechtig-keit, die zum Himmel stinkt und für den ganz normalen Wahnsinn unserer Tage. Was uns mit Friedrich Spee über die Jahrhunderte hinweg verbindet: auch wir haben nichts Spektakuläreres als das Gebet und die Möglichkeit, phantasievoll, mutig und ent-schlossen Partei zu ergreifen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Choral( Strophe 5): Musik 2 O klare Sonn, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern. O Sonn geh auf, ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein.
Musikinformation:
Melodie: Köln 1638 / Augsburg 1666 Text: Friedrich Spee, 1622 Satz: Walter Rein (1893-1955) für Strophen 1, 3 und 6 Musik 1 Tonträgertitel: ensemble amarcord - In Adventu Domini Ensemble: Amarcord
Musik 2 Tonträgertitel: Du meine Seele, singe - Choralsätze zum Kirchenjahr Satz: Gerhard Kaufmann für Strophe 5 Ensemble: Christophorus-Kantorei, Leitung: Jürg Wieber
Musik 3 - Private CD CD- Titel: Quadro Nuevo / Weihnacht
Musik 4: CD-Name: Die Nacht ist vorgedrungen Chor: Wilhelmshavener Vokalensemble Leitung: Ralf Popken

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