Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.12.11; Pfarrer Frank Küchler

Jesus stellt die richtige Frage

In der Adventszeit, liebe Hörerinnen und Hörer, warten Christen auf den Heiland. Jesus Christus. Er heißt Heiland, weil er Menschen heilt. Auf vielfältige Weise.

Hören sie heute: Wie Jesus die richtige Frage stellt. Das ist manchmal notwendig. Denn: Menschen sind ja bekanntlich Gewohnheitstiere. Sie richten sich gerne im Vertrauten, im Gewohnten ein. Selbst, wenn das Gewohnte die Hölle ist.

Das Gewohnte kann auch eine Krankheit sein. So war es bei einem  Mann, von dem im Neuen Testament erzählt wird. Der lag seit 38 Jahren gelähmt am Teich Bethesda in Jerusalem und hoffte darauf, dass er einmal rechtzeitig in den Teich gelangen könnte. Dem Wasser wurden nämlich heilende Kräfte nachgesagt. Nur: Der Gelähmte kam immer zu spät. Immer war jemand schneller als er. So ging das Jahr um Jahr.

Bis Jesus ihm begegnete und ihm die richtige, die heilsame Frage stellte. Sie lautete: Willst du gesund werden? Zwischen den Zeilen schwingt mit: Bist du bereit, aus der Gewohnheit deiner Krankheit auszusteigen? Willst du wirklich ein ganz anderes Leben – mit allen Konsequenzen?

Der Mann will nicht. Er will nicht gesund werden, sondern beklagt sich weiter wie all die Jahre darüber, dass niemand da ist, der ihm in den Teich hilft. Damit ist auch für uns, die wir die Geschichte heute hören, klar: Die Krankheit dieses Mannes ist nicht die Lähmung. Jesus stellt eine andere Diagnose, freilich keine medizinische. Sie lautet „Gewohnheit“. Nicht umsonst spricht der Volksmund von der Macht der Gewohnheit!

Worin besteht die Macht der Gewohnheit? Gewohnheit gibt Sicherheit. Sie aufzugeben, dazu gehört Mut. Als Seelsorger weiß ich: Menschen nehmen viel hin und sind bereit, viel zu erdulden – Hauptsache, sie müssen das Gewohnte nicht aufgeben. Sie bringen den Mut nicht auf, etwas zu verändern und verharren stattdessen lieber in ihrer Gewohnheit. Selbst dann, wenn es ihnen damit gar nicht gut geht. Selbst dann, wenn sie kreuzunglücklich sind. Manche schieben gerne die Verantwortung ab. Sehen sich selbst als Opfer der Umstände. Einige sagen: Ich hatte eine schlechte Kindheit, andere sagen: Die Gesellschaft ist schuld an meiner Misere.

Und wie ging es weiter mit dem Gelähmten? Jesus heilt den Mann.

Obwohl der gar nicht geheilt werden will. „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ sagt Jesus und mutet damit dem Gelähmten das Ungewohnte zu. Mutet ihm zu, seine Gewohnheit zu verlassen. Gegen dieses Machtwort kann der Mann sich offenbar gar nicht mehr wehren. Er scheint Jesus zu vertrauen. Er tut, was Jesus sagt und geht los.
Manchmal richte ich mich in meiner Gewohnheit ein und mir geht es wie dem Gelähmten. Selbst, wenn es mich todunglücklich macht. Manchmal wünsche ich mir, dass ich den Mut hätte, das Gewohnte hinter mir zu lassen. Aber die Macht der Gewohnheit ist stärker und gewinnt immer wieder die Oberhand. Die Gewohnheit hat eine Macht.
Wenn ich mit einer Person meines Vertrauens darüber spreche, was mich lähmt und in der Gewohnheit festhält, kann es sein, dass ich eine aufregende Erfahrung mache: Da stellt mir auf einmal jemand die richtige Frage. So wie Jesus dem Gelähmten.

Und das ist meist der erste Schritt, um aus der Lähmung heraus zu kommen, und eine Veränderung zu wagen. Versuchen Sie es auch einmal, wenn sie wollen!

Gott sei mit Ihnen an diesem Tag – das wünscht Ihnen Pfarrer Frank Küchler aus Krefeld.

Audiobeitrag Jesus stellt die richtige Frage


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