Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.09.05, 5.56 Uhr, Antje Rösener

Finsternis und Licht

Es gibt Aussagen, die kann man nicht richtig ernst nehmen. Die sind wider alle Vernunft.Vor ein paar Jahren besuchte mich mein Patenkind hier im Ruhrgebiet. Eines Abends

saßen wir auf dem Balkon und freuten uns über die kleine, helle Mondsichel am dunklen Himmelszelt. Da behauptete das Mädchen allen Ernstes, in ihrer Heimatstadt Berlin wäre der Mond immer voll und rund.
Eine Aussage, die ich nicht wirklich ernst nehmen konnte.
Ich wusste: Das stimmt nicht.

So ähnlich scheint das auf den ersten Blick auch mit vielen Sätzen aus der Bibel zu sein.
In meinem Lieblingspsalm, dem Psalm 139, gibt es eine Passage, über die man – mit klarem Verstand - nur den Kopf schütteln kann:
Da heißt es:

Sprecher:
„Finsternis ist nicht finster bei dir, Gott.
Die Nacht leuchtet wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.“

Wie soll das gehen? Finsternis ist ganz eindeutig nicht wie Licht. Die Nacht leuchtet nicht wie der Tag. Finsternis ist das genaue Gegenteil von Licht. Wenn es finster ist in meiner Wohnung, dann verhalte ich mich völlig anders, als wenn die Sonne scheint.
Wenn es finster ist in meinem Leben, dann fühle ich mich völlig anders, als wenn es licht ist.

Wie kann so ein Satz fast 3000 Jahre überdauern?
Wie kommt es überhaupt dazu, dass Menschen ihn so wichtig fanden und aufgeschrieben haben – wo er doch aller Menschenkenntnis widerspricht?

Sprecher:
Finsternis ist nicht finster bei dir, Gott.

Ich erinnere eine Zeit in meinem Leben, die richtig übel war. Vieles stand auf dem Spiel: privat und beruflich. Manche Pläne hatten sich zerschlagen, anderes hatte sich festgefahren, ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.
Ich war mutlos geworden, unsicher, verzagt.

Sprecher:
So wäre auch Finsternis nicht finster bei dir.
Die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.

Diese Sätze waren für mich damals wie ein Strohhalm, der mir gereicht wurde.
Sie haben mich die Hoffnung nicht aufgeben lassen.
Sie haben mir gesagt, dass das Licht vielleicht näher ist, als meine Augen meinen.
Dass es da etwas gibt, was ich vielleicht heute noch nicht sehe, was den Augen Gottes aber nicht verborgen ist.
Du darfst auf mehr hoffen, als das, was du jetzt siehst, haben diese Worte mir gesagt.
Du darfst glauben an das Licht – mitten in der Finsternis.
Du darfst setzen auf das Licht – mitten in der Finsternis.

Solch eine Hoffnung bringt tatsächlich Licht – mitten in die Finsternis.

 


 

Audiobeitrag Finsternis und Licht


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen