Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.11.11; Pfarrer Jönk Schnitzius

Sich entscheiden müssen

Ganz schön schwer – sich zu entscheiden. Dauernd muss ich das. Hierfür oder dafür, da tun oder jenes lassen, kaufen oder sparen, bleiben oder gehen, und, und, und…

Anstrengend, diese ganze Entscheiderei.  Und dann noch die, die Druck machen:„“Jetzt mach doch mal! Kannst du dich etwa nicht entscheiden?“

Dabei ist doch klar, dass die meisten Dinge eben nicht so einfach zu entscheiden sind, - weil die Konsequenzen weitreichen, oder die Alternativen in der Tat echte Alternativen sind, oder, - weil ich im Moment einfach nicht weiß, was ich will. Das macht Druck. Wie soll ich da entscheiden? Ein Lösungsversuch dem Entscheidungsdruck zu entgehen ist bekanntermaßen, die Dinge aufzuschieben.“ Jetzt entscheide ich gar nicht, heute denke ich da nicht weiter drüber nach.“

Manchmal ist das sinnvoll, aber in der Regel hilft Aufschieben ja nur sehr bedingt und manchmal eben gar nicht. Schlimmer noch: Wenn ich mich nicht entscheide, tun es in aller Regel andere für mich: Menschen oder Umstände. Das ist es ja erst mal erleichternd, nur muss ich dann mit den Folgen leben. Und die, habe ich dann unter Umständen wirklich so nicht gewollt.

Und jetzt? Wie gesagt: Kopf in den Sand und die Anderen entscheiden lassen – kann man machen, - führt aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in die eigene Unzufriedenheit.

Allerdings: Wer den Kopf in den Sand steckt, muss sich nicht wundern, wenn er nichts Neues sieht. Es hilft irgendwie alles nichts: Besser ich entscheide selbst, auch wenn ich mir nicht sicher bin. Mir hilft zu wissen, dass ich mich – nicht immer – aber meistens bei Fehlentscheidungen neu entscheiden kann. Klar: Das setzt natürlich voraus, dass ich mir und anderen gegenüber zugeben kann: Das war falsch. Schließlich ist nicht, aber auch gar nichts Falsches daran, hinterher schlauer zu sein.

Vor Erkenntnisgewinn ist niemand gefeit. Allerdings auch nicht vor Scham. Und manchmal scheint es ja leichter zu sein, darauf zu bestehen, dass eine offensichtliche Fehlentscheidung angeblich richtig war, als ein Gefühl von Scham und Schwäche auszuhalten. Ich meine: Es ist Stärke, nicht Schwäche, Fehler zugeben zu können. Weil wir fehlerhafte, unperfekte Geschöpfe sind.  Klar: Das ist leicht gesagt, wenn die Folgen einer sogenannten Fehlentscheidung nicht wirklich schlimm waren.

Nach dem Motto: Den Bon zum Umtauschen finde ich noch. Umtauschen geht aber nicht immer. Menschen sind keine Mäntel. Geht es also darum, die Konsequenzen zu tragen für die Dinge, die nicht mehr rückgängig zu machen sind, kann es ziemlich schwer werden. Ich bin überzeugt: Was trägt ist, zu dem zu stehen, was war. Und was aus heutiger Sicht falsch war. Was trägt ist: Nicht allein zu bleiben, zu sprechen, nicht zu schweigen.

Was trägt ist: Darauf zu vertrauen, Geschöpf des Gottes zu sein, der uns mit Jesus Christus mehr und tiefer vergibt, als wir uns das vorstellen können. Etwas von dieser Vergebung kann ich zum Beispiel spüren in dem Blick eines Menschen, der mich sieht, ohne mich zu bewerten. Es ist meine Entscheidung, vor diesem Blick die Augen zu verschießen – oder nicht.

Wir sind eingeladen zum Club der Menschen zu gehören: Von Perfektion war nie die Rede. Als Geschöpf Gottes Mensch bleiben, heißt eben: Fehler machen dürfen, Konsequenzen ragen, neu entscheiden. Mit Gottes Hilfe.

Audiobeitrag Sich entscheiden müssen


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