Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.11.11; Pfarrer Titus Reinmuth

Versuche dein Leben zu machen

O-Ton: Ich glaube an den Menschen. Ich denke immer, der Mensch basicly ist gut. Und ich hoffe, dass ich damit Recht habe.

Autor: Sagt Margot Friedländer, eine heute 90jährige Dame. Sie ist Jüdin und Überlebende des Holocaust. Wer ihre Geschichte hört, kann daran Zweifel haben, dass der Mensch im Grund gut ist. Menschen haben ihr Leben erschüttert und Menschen haben ihr das Leben gerettet. Margot Fried-länder wird nicht müde, von beidem zu erzählen. Damit sie Recht behält mit dem, was sie behauptet: Im Grunde steckt Gutes in uns Menschen.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Titus Reinmuth, ich bin Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Wassenberg am Niederrhein. Am 9. November vor einem Jahr habe ich in der Gesamtschule gleich neben unserer Kirche diese bemerkenswerte Frau kennen gelernt. Vor wenigen Jahren erst hat sie sich entschlossen, ihre Geschichte aufzuschreiben. „Versuche dein Leben zu machen“ heißt ihr Buch, aus dem sie nun liest.

O-Ton: Die Mission, die ich durch die vielen Lesungen, die ich in Schulen gegeben habe und die Aufmerksamkeit und das Interesse von den jungen Menschen, mich anzuhören, es gibt mir die Möglichkeit, etwas zu tun, was uns ja nicht mehr lange gegeben ist. Ich meine, wie lange kann ich’s noch machen?

Autor: „Versuche dein Leben zu machen“, das stand auf einem Zettel, den ihr ihre Mutter hinterlassen hat, 1943 in Berlin. Margot Bendheim, wie sie damals noch hieß, war auf dem Heimweg in die Skalitzer Straße 32 in Berlin-Kreuzberg.  Die jüdische Familie hatte Vorbereitungen für ihre Flucht getroffen. Versuche, auszuwandern, waren mehrfach gescheitert. An diesem kalten Januartag wollten sie abends zu Verwandten nach Schlesien aufbrechen. Eine letzte Chance. Doch etwas stimmte nicht. Als Margot das Treppenhaus betrat, bemerkte sie einen Mann, der im zweiten Stock vor ihrer Wohnungstür stand. Er wartete. Auf sie. Geistesgegenwärtig hielt sie sich die Handtasche vor die Brust, damit er ihren Judenstern nicht sehen konnte. Zügig ging sie an ihm vorbei und klingelte bei der Nachbarin im dritten Stock. Die war zum Glück zuhause und ließ sie herein.

Wenn Margot Friedländer heute aus dem ersten Kapitel ihres Buches liest, ist die ganze Dramatik noch einmal zu spüren. Die Männer der Gestapo hatten ihren Bruder Ralph mitgenommen. Ihre Mutter flüchtete zu einem befreundeten jüdischen Ehepaar. Dort hinterließ sie ihrer Tochter ihre Handtasche und diese Nachricht: „Ich habe mich entschlossen, zur Polizei zu gehen. Ich gehe mit Ralph, wohin das auch immer sein mag. Versuche, dein Leben zu machen." Margot blieb von jetzt an auf sich gestellt. Sie verstand die Nachricht ihrer Mutter so: Versuche, dich durchzuschlagen, versuche, dein Leben in die Hand zu nehmen, du wirst es machen. Auf dem Boden der Handtasche fand sie noch eine Bernsteinkette. Das einzige, was an ihre Mutter erinnerte. Damals war Margot Bendheim 21 Jahre alt. In Berlin tauchte sie unter. Sie ließ sich die Haare rot färben, nahm den Judenstern ab und trug fortan eine Kette mit einem Kreuz. Sie bekam die Adresse von einem Mann, in dessen Wohnung sie hinter einem Vorhang schlafen konnte. Dann von einer Frau, die offenbar sexuellen Kontakt suchte. Dann zog sie weiter zu einem Ehepaar, das im Untergrund lebte und in Schwarzmarktgeschäfte verwickelt war. Immer ging es irgendwie weiter, immer gab es eine neue Adresse von Menschen, die gegen die Nazis waren und die den Verfolgten Unterschlupf gewährten. Erst kurz vor Kriegsende wurde sie gefasst. Aber sie überlebte. Wenn Margot Friedländer heute aus ihrer Lebensgeschichte liest, trägt sie die alte Bernsteinkette ihrer Mutter.

O-Ton: „Versuche, dein Leben zu machen“, waren die Worte meiner Mutter. Die haben mir eine gewisse Verpflichtung gegeben. Wir konnten ja nicht ahnen, dass ich es schaffe, es zu überleben. Da ich es überlebt habe, fühle ich eine absolute Verpflichtung als Überlebende etwas zu tun, um den Menschen zu sagen, was Menschen sein sollen.

Autor: Freilich, darüber sind 60 Jahre vergangen. Ihr Auftrag, ihr Lebensmotto hat sich längst verwandelt. Aus einem Satz für das Überleben ist ein Leitsatz für die Zukunft geworden, für das Menschsein, für ein anderes Zusammenleben in der Gesellschaft.

O-Ton: Menschen sollen nicht sich irgendetwas einreden lassen, sondern sollen ihre Gedanken behalten und das, was in ihrem Herzen ist. Denn wir sind alle nur Menschen. Wir wollen gute Menschen sein, wir sollen unsere Hand reichen zu Menschen, um zu versuchen, alle zu verstehen. Das ist: Versuche dein Leben zu machen. Versuche, es zu machen als guter Mensch.

Musik: Lenny Kravitz: Dream, CD: Black and White America (Warner, 2011), Track 15.

Autor: Menschen erleben Krieg, Verfolgung, Armut. Daran ist nichts Gutes. Aber Einzelne machen ihren Weg. Manchmal gibt es eine starke Solidarität unter den Schwachen. Oft irgendwo am Rand, versteckt, macht auch Gott seine Geschichte mit den Menschen. Manche biblische Geschichte erzählt davon. Da ist zum Beispiel Rahab. Sie lebt in Jericho und hat ein Wirtshaus direkt an der Stadtmauer. Zwei Kundschafter der Israeliten spähen die Stadt aus. Rahab versteckt die beiden Männer auf dem Dachboden unter einem Haufen von Flachs. Als die Soldaten des Königs kommen und sie ausfragen, behauptet sie, die beiden hätten ihr Haus und die Stadt schon wieder verlassen. Die Sache geht gut. Aber Rahab geht noch einen Schritt weiter. Sie ahnt, dass die Israeliten die Stadt Jericho einnehmen werden. So nimmt sie den beiden ein Versprechen ab: „Schwört bei eurem Gott, dass ihr an meiner Familie so handelt, wie ich an euch gehandelt habe! Wenn Eure Truppen kommen, lasst uns am Leben!“ So versprechen sie es, und Rahab lässt sie heimlich an einem Seil aus dem Fenster direkt an der Stadtmauer herunter. Denn die Tore der Stadt sind längst verschlossen. An dieses Fenster soll sie eine rote Schnur binden. Dann würde ihr Haus und ihre Familie bewahrt, so der zweite Teil der Vereinbarung. Der Deal geht auf. Die Israeliten kommen, die Mauern Jerichos fallen, Rahabs Familie wird verschont. Eine starke Frau, die ihren Weg gemacht hat, andere schützte und selbst beschützt wurde.

Oder die Geschichte von Ruth. Hier geht es um Armut, Tod und Flucht. Die Umstände sind nicht ganz klar, aber die Männer von Naomi, Orpa und Ruth sind zu Tode gekommen. Die Frauen sind auf sich gestellt. Naomi war nämlich vor Jahren nach Moab geflohen, als in ihrer Heimat eine Hungersnot herrschte. Nun soll es in Israel besser gehen. Sie beschließt, wieder heimzukehren. Die beiden Schwiegertöchter sollen zurückbleiben und ihr Leben zuhause meistern. Doch Ruth entscheidet sich, mitzukommen. „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen“, sagt sie. „Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ So versuchen die beiden Frauen, ihr Leben zu machen. Sie glauben an das Gute. Aber sie müssen zunächst ganz unten ihren Platz finden. Niemand fühlt sich für sie verantwortlich. Ohne Mann, ohne den Anschluss an eine Familie, sind sie rechtlos und schutzlos. Aber nicht ganz. Sie kennen die Armenrechte in Israel. Sie halten Nachlese auf dem Feld. Sie knüpfen Verbindungen zur weiteren Familie von Naomi. Ruth wirft ein Auge auf Boas, einen entfernten Verwandten. Auch er wird auf sie aufmerksam. Allerdings: Wenn er sie zu sich holt, muss er auch für sie sorgen. Immerhin ist Ruth eine Ausländerin aus Moab. Die Geschichte geht gut aus. Die beiden Frauen finden ihren Platz und kommen zu ihrem Recht.

Zwei Lebensgeschichten, die am Rand spielen. Wie gesagt: Krieg und Armut haben auch hier nichts Gutes. Aber mitten in diesen Wirren setzen Menschen auf das Gute und werden bewahrt. Eines ist noch bemerkenswert: Beide Frauen werden in der biblischen Überlieferung Generationen später vom Rand ins Zentrum gerückt. Der Evangelist Matthäus nennt sowohl Rahab als auch Ruth im Stammbaum Jesu. In dieser Linie wird Gott Mensch. In der Nachfolge von Frauen, die diese Geschichte gemacht haben und deren Erfahrungen so wertvoll waren, dass man sie erzählt und aufgeschrieben hat.

Musik: Julian & Roman Wasserfuhr Quartett: You can’t go home again, CD: Remember Chet (ACTmusic, 2006), Track 10

Autor: 1946 emigrierte Margot Friedländer mit ihrem Mann Adolf nach New York. Dort begannen sie ein neues, anderes Leben. Erst nach über sechzig Jahren, erst nach dem Tod ihres Mannes, gelang es Margot Friedländer, einen neuen Blick auf ihre Kindheit und Jugend zu werfen. Jetzt fand sie wieder Zugang zu ihren Gedanken und Gefühlen von damals. Im jüdischen Kulturzentrum um die Ecke nahm sie an einem Kurs teil. Es war eine Art Schreibwerkstatt. Ältere Menschen wurden angeregt, kleine Geschichten aus ihrem Leben aufzuschreiben.

O-Ton: Als ich ... eines Abends nicht einschlafen konnte, hab ich mir gesagt: Ich hab wirklich mehr zu sagen. Hab mir Bleistift und Papier ins Bett genommen und habe meine erste Geschichte geschrieben.

Autor: So schreibt sie Woche für Woche eine neue Episode.

O-Ton: Angefangen von dem Tag des Untertauchens, bis zu dem Tag, wo wir nach Amerika ge-kommen sind, damit hab ich aufgehört.

Autor: „Versuche dein Leben zu machen“. Der Satz ihrer Mutter wurde zum Titel ihres Buches. Es ist mehrfach ausgezeichnet worden, das Fernsehen hat schon zwei Dokumentarfilme gesendet, längst ist Margot Friedländer eine gefragte Zeitzeugin.

O-Ton: Im Andenken an das, was war, und im Andenken an meine Eltern und meinen Bruder, an die 6 Millionen, habe ich irgendwie die Möglichkeit gefunden, junge  Menschen, die heute wesentlich sind, die heute die Zeitzeugen sind, zu erreichen. Und das gibt mir die Hoffnung, dass es nie wieder passieren soll. Dass wir versuchen sollen, dass es nie wieder passiert. Im Interesse der Menschheit. Nicht was war, sondern was ist und was kommt.

Autor: Das Leben meistern, die eigene Geschichte machen, nach vorn sehen auf das, was kommt. Wie schafft man das eigentlich, wenn andere die Geschichte und das eigene Leben so bestimmen?

O-Ton: Es gehört Kraft dazu, es gehört Mut dazu. Ich habe einen sehr starken Glauben an Gott. Ich bin unbedingt gläubige Jüdin, ich will auch nichts anderes sein. Trotzdem glaube ich, dass wir alle denselben Gott haben. Es ist ja ganz egal, solange wir gute Menschen sind. Mein Vater hat schon immer gesagt: fromm sein heißt gut sein.

Autor: Manche mögen daran zweifeln, dass der Mensch im Grunde gut ist. Zumal nach einer solchen Geschichte. Margot Friedländer bleibt dabei: Fromm sein heißt gut sein. In der Tat, ein starker Glaube und die gelebte Solidarität gehören zusammen. Margot Friedländer hat es erlebt. Und auf vielen Seiten der jüdischen und der christlichen Bibel ist genau das zu lernen. Womöglich müssen auch die Kirchen sich das wieder auf die Fahnen schreiben: Fromm sein heißt gut sein [oder: an das Gute glauben]. Gerade wenn es darum geht, religiöse Minderheiten zu schützen. Der religiöse Dialog ist heute neu zu führen, vor allem mit den Muslimen in unserer Gesellschaft. Mag sein, das ist anders und ungleich schwerer. Vorurteile und Misstrauen prägen noch das Bild. Und die kulturellen wie religiösen Unterschiede sind groß. Aber wir können versuchen, unser Leben zu machen als gute Menschen. Wir können versuchen, uns zu verstehen. Dann wäre schon viel gewonnen. Und die Mission von Margot Friedländer hätte einen Erfolg.
Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen Titus Reinmuth, Pfarrer der Evan-gelischen Kirchengemeinde Wassenberg.

Musik: Lenny Kravitz, The Faith of a Child, CD: Black an White America (Warner, 2011), Track 13.

Audiobeitrag Versuche dein Leben zu machen


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen