Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.11.11; Pfarrrer Christian Casdorff

Mein schönste Zier und Kleinod (eg 473)

Autor: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Samstagmorgen im November – Totensonntag steht vor der Tür.

Ich denke an eine Frau, die vor ein paar Monaten Witwe geworden ist. Morgen geht sie zur Kirche, und in  der vorgelesenen Liste der Toten wird sie auch den ganz nahen, schmerzlich nahen Namen hören. Ich denke an sie und will ihr durch die kalte Luft ein Lied schicken: in dem die Liebe vorkommt und das Leid nicht verschwiegen wird.

Musik 1 (Strophe1):  Mein schönste Zier und Kleinod bist/ auf Erden du, Herr Jesu Christ;/ dich will ich lassen walten/ und allezeit in Lieb und Leid/ in meinem Herzen halten.

Sprecherin:  Mein schönste Zier und Kleinod bist/ auf Erden du, Herr Jesu Christ;/ dich will ich lassen walten/ und allezeit in Lieb und Leid/ in meinem Herzen halten.

Autor: Ein Liebeslied, ein richtiges Liebeslied, in dem ein Mensch zu Jesus sagt: Mein Kleinod, das bedeutet: mein Schatz, mein kleiner Schatz. Hier traut sich ein Mensch, zu Jesus zu sagen: Mein Schätzchen. Darf der das? Im Alten Testament gibt es das Buch Hohelied: ein Sammlung von echten Liebesliedern zwischen Mann und Frau - und diese Lieder stehen in der Bibel als Gleichnis für die Liebe zwischen Gott und uns Menschen. Ich darf das: „Mein Kleinod, mein Schätzchen“ zu Jesus sagen und meine Zuneigung zu den Menschen, die ich liebe, mit hineinnehmen in dieses Lied an ihn. Ich will dich „allezeit in Lieb und Leid in meinem Herzen halten“:  für mich klingt da das berühmte Liebesgedicht aus dem Mittelalter an:

(Musik 3)

Sprecherin: Du bist mein, ich bin dein/ dess sollst du gewiss sein./ Du bist verschlossen/ in meinem Herzen:/ verloren ist das Schlüsselein:/ du musst auch immer darinnen sein.

Autor: Eine Frau hat diesen kleinen Vers gedichtet, sie hat mit ihm einen langen Liebesbrief beschlossen. Ihr Name ist nicht überliefert. Und genauso wenig wissen wir, wer das Liebeslied an Jesus gedichtet hat und von wem die Melodie stammt. Wir können uns aber darüber freuen: es besteht nicht nur aus einer Strophe. Hier die zweite:

Musik 2 (2. Strophe): Dein Lieb und Treu vor allem geht,/ kein Ding auf Erd so fest besteht;/ das muss ich  frei bekennen./ Drum soll nicht Tod, nicht Angst, nicht Not/ von Deiner Lieb mich trennen.

Sprecherin: Dein Lieb und Treu vor allem geht,/ kein Ding auf Erd so fest besteht;/ das muss ich  frei bekennen./ Drum soll nicht Tod, nicht Angst, nicht Not/ von Deiner Lieb mich trennen.
 
Autor:  „Bis dass der Tod uns scheidet“: weiter kann vor dem Traualtar unser Versprechen nicht gehen. Doch in diesem Liebeslied höre ich: nichts, nicht einmal der Tod kann mich von der Liebe trennen, die Jesus für mich hegt. Wer dies gedichtet hat, weiß ich nicht, aber dass hier kräftig Worte des Apostels Paulus anklingen, das weiß ich. Im achten Kapitel seines Römerbriefs schreibt er offen von unserer Lebensnot und Todesangst - und gerade dies Kapitel beschließt er mit diesem Hymnus:

Sprecher:  Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Autor: Römer 8 - was diese Worte bedeuten können, das habe ich vor ein paar Jahren auf einer schwedischen Dorfhochzeit erlebt. Die Brautleute waren beide schon über die Lebensmitte hinaus. Unvergesslich ist mir der Einzug in die kleine Kirche.

Musik 3

Das Paar geht über den Kirchhof voran, wir als Festgemeinde schließen uns an - und werden dabei Zeugen einer wunderbaren Geste: Nah an der Eingangstür steht ein kleiner Grabstein. Und ohne langes Verweilen legt das Paar eine Rose an diesen Grabstein. Hier liegt die erste Frau des Bräutigams begraben. Auf dem Stein steht unter Name und Lebensdaten einfach noch: „Römer 8“. Das ganze Kapitel war bei der Trauerfeier in der Dorfkirche vorgelesen worden. Mit ihrer Rosengeste nehmen die Brautleute nun die Erinnerung an die tote erste Ehefrau frei mit hinein in das kleine Gotteshaus und in die Festfreude ihrer Trauung. Wie schön, dass sie sich das trauen! Kann sogar der Tod uns nicht aus Gottes Herzen stehlen, dann sind ja eben die Toten und die Lebenden im Herzen Gottes auf geheimnisvolle Weise beisammen! 

Musik 2  (3. Strophe): Dein Wort ist wahr und trüget nicht/ und hält gewiss, was es verspricht, / im Tod und auch im Leben./ Du bist nun mein und ich bin dein,/ dir hab ich mich ergeben.
Sprecherin (overvoice): Dein Wort ist wahr und trüget nicht/ und hält gewiss, was es verspricht,/ im Tod und auch im Leben./ Du bist nun mein und ich bin dein,/ dir hab ich mich ergeben.

Autor: Mit Jesus gibt uns Gott sein Ja-Wort. Es gilt auch über unseren Tod hinaus.  Und wir können mit den Ja-Worten, die wir sterblichen Menschen einander geben, in Gottes Ja-Wort Unterschlupf finden. „Du bist mein, ich bin dein, des sollst du gewiss sein“: weil Gott sein Ja-Wort gewiss hält, kann das irdische Liebesgedicht der unbekannten Frau so wundersam Eingang finden in dieses Liebeslied an Jesus. „Dir hab ich mich ergeben“: Das sage ich als geliebter Mensch zu dem, der sich vorher für mich ergeben, der sein Leben in den Tod gegeben hat. Deswegen kann uns Angst und Not, ja sogar der Tod nicht von Gott nicht trennen, weil Gott all das in seinem Kleinod Jesus selber erlebt und aushält. An Karfreitag hat Gott den Tod in sein ewiges Herz hineingenommen. Ostern feiern wir, dass das zu viel war für den Tod! 

Musik 4 (1. Strophe)

Sprecherin: Der Tag nimmt ab. Ach schönste Zier, / Herr Jesu Christ, bleib Du bei mir, / es will nun Abend werden./ Lass doch Dein Licht auslöschen nicht/ bei uns allhier auf Erden.

Autor: Nur wegen dieser letzten Strophe wird unser Choral heute unter die Rubrik „Abendlieder“ eingeordnet. Doch in dem Gesangbuch, in dem diese Verse vor über 400 Jahren zum ersten Mal erschienen sind, da wurde das Lied zu den Osterliedern gezählt! Und gerade diese Strophe  vergegenwärtigt auch die intimste aller biblischen Ostergeschichten: zwei Jünger machen sich nach der Kreuzigung todtraurig  zum Dorf  Emmaus auf - bloß weg von Jesu Grab in Jerusalem, weit weg. Unterwegs begegnen sie dem Auferstandenen. Und sie erkennen ihn nicht. Er geht mit - und am Ziel wenden sich die beiden an den Unerkannten:

Sprecher: Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und sie erkannten ihn.

Autor: Diesen Abend meint die letzte Strophe. Dieser Abend steht für unser vergehendes, sterbliches Leben. Und da geht Jesus mit und kommt hinein in unser Trauerhaus mit seinem Auferstehungslicht. Zwei Jünger erleben das im Dorf Emmaus. Und zwei Brautleute in einem schwedischen Dorf trauen sich deswegen,  bei ihrer Trauung die tote erste Frau mit zu denken und zu fühlen. Ostern für alle!

(Musik 3:)

Autor: Heute ist Samstag vor Totensonntag. Morgen werden in unserer Kirche wieder Kerzen entzündet. Eine für jeden Menschen, der im vergangenen Kirchenjahr gestorben ist. Das Licht dazu wird von der Flamme der großen Osterkerze genommen. Die wurde in der Osternacht als Auferstehungslicht in die dunkle Kirche getragen. Sie brennt in jedem Gottesdienst. An ihr wurden auch die Traukerzen der Hochzeiten in diesem Jahr entzündet.
Wie gut, wie richtig, dass der morgige Sonntag zwei Namen hat : Toten- und Ewigkeitssonntag. Denn in Gottes ewigem Herzen sind die Toten und die Lebenden auf geheimnisvolle Weise beisammen.

Musik 3 (Strophe 4 ):  Der Tag nimmt ab. Ach schönste Zier, / Herr Jesu Christ, bleib Du bei mir, / es will nun Abend werden./ Lass doch Dein Licht auslöschen nicht/ bei uns allhier auf Erden.

Musikinformationen:

Musik 1
CD-Titel:  „Mein schönste Zier - Sologesang“ (private CD, private Aufnahme)
Track-Nr.  1
Gesang:  Tjark Baumann (unbegleitet)

Musik 2
CD-Name:  Der Mond ist aufgegangen
Track:  12 - gesungen
Text:  Johannes Eccard (1598)
Melodie:   Seth Calvisius (1594)
Satz:  Ralf Popken (2004)
Chor:  Wilhelmshavener Vokalensemble
Leitung:  Ralf Popken

Musik 3
CD-Name:  Befiehl du deine Wege – Jubilate Chor
Track:  3
Text:  Johannes Eccard (1553-1611)
Melodie:  Leipzig 1573, bei Seth Calvisius (1556-1615)
Bearbeitung: Jochen Riger
Chor:  Jubilate Chor
Leitung: Wilfried Mann

Musik 4
CD-Titel:    Harmonic Brass
Track-Nr. + Titel:   Track 12  „Mein schönste Zier“
Ensemble:   Harmonic Brass (keine näheren Angaben vorliegend)

Literatur: Ingrid Kasten: Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters (Ed. der Texte und Kommentare von Ingrid Kasten) Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker-Veralag, 1995.

Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch. Band III,2. Herausgegeben von Joachim Stalmann und Johannes Heinrich: Liederkunde, Zweiter Teil: Lied 176 bis 394. Göttingen 1990


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