Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.11.11; Pfarrerin Johanna Krumbach

Gegenwart

Autorin: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Kennen Sie das auch? Immer mit den Gedanken und der Planung schon ein oder zwei Schritte im Voraus zu sein.

Die Gedanken an die Zukunft, und an das, was sie möglicherweise an Schönem oder an Schwerem bringen könnte, können uns ganz schön beherrschen. So sind unsere Gedanken meist nach vorn – auf unser zukünftiges Leben – gerichtet. Das hat schon Jonathan Swift, der Autor von Gullivers Reisen, festgestellt:

Sprecher: „Genau genommen leben sehr wenige Menschen in der Gegenwart, die meisten bereiten sich vor, demnächst zu leben.“

Autorin: Am liebsten möchten sie diese Zukunft  schon auf der Stelle erleben. Denn sie erscheint oft besser als die Gegenwart. Das Warten auf diese Zukunft scheint dann eine reine Zeitverschwendung zu sein. Aber sind wir ehrlich, liebe Hörerinnen und Hörer, wenn man das Warten als Zeitverschwendung ansieht, bringen wir uns um ein gutes Stück Lebensqualität. Wenn ich z.B. im Stau stehe, was auf Deutschlands Straßen des öfteren der Fall ist, dann habe ich die Wahl: Entweder kann ich mich aufregen und mich fragen, warum gerade mir so etwas passieren muss, warum ich nicht früher losgefahren bin, warum ich die Fahrt überhaupt angetreten habe, und so weiter. Oder ich kann die Situation, die Gegenwart akzeptieren und die Zeit, die ich für mich allein habe, als ein Geschenk empfinden. Mit meinem Zorn auf die gegebene Situation kann ich nichts verändern, zu spät kommen werde ich auf jeden Fall. Durch Selbstvorwürfe setze ich mich immer mehr unter Druck, das tut mir und den Menschen in meinem Umfeld nicht gut. Wenn ich aber die Gegenwart so akzeptiere, wie sie ist und das Beste daraus mache, dann werde ich entspannter an meinem Ziel ankommen. Das ungeduldige Warten ist Ausdruck dafür, dass man nicht zufrieden ist mit dem, was man hat, sondern dass man auf etwas Besseres hofft, das man nicht hat. Auf diese Weise verlieren wir uns oft in der Zukunft – Auch Jesus kannte solche Situationen, wie in folgendem Gleichnis deutlich wird:
 
Sprecher: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Autorin: Es wäre schön, wenn das funktionieren würde. Wenn ich schon jetzt Vorkehrungen für eine bessere, abgesicherte Zukunft treffen könnte. Zugegeben – wir versuchen es: wir schließen Versicherungen aller Art ab, wir wollen unser Geld möglichst geschickt anlegen, durch Bausparverträge z.B..  Aber die erschreckenden Ereignisse dieser Welt, die immer wieder in den Nachrichten zu sehen sind, machen uns  bewusst: wir haben keine Garantie auf eine unbelastete Zukunft.  Es bleibt uns keine andere Wahl, als in der Gegenwart unser Leben zu leben und zu gestalten. Jede Minute dieser Gegenwart ist ein Geschenk Gottes. Wir sollten keine einzige davon verschwenden, indem wir unser Denken immer nur auf das richten, was vor uns liegt. Unser Einfluss auf die Zukunft ist geringer als wir denken. Gott zu danken, dass wir im Hier und Jetzt leben dürfen, und diese Gegenwart aus zu füllen, das ist unsere Aufgabe – dafür hat uns Gott die Spanne unseres Lebens geschenkt. Liebe Hörerinnen und Hörer, ich wünsche Ihnen, dass Sie heute jede Minute des Tages ausschöpfen und bewusst in der Gegenwart des heutigen Tages leben. 

Gott befohlen! Ihre Johanna Krumbach aus Augustdorf.

Audiobeitrag Gegenwart


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