Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.11.11; Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Humane Arbeitswelt

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln? – Nacht für Nacht mangelt es mir inzwi-chen an Schlaf. – Er führet mich auf rechter Straße? –

– Bei meiner Arbeit weiß ich schon lange nicht mehr, wo der Anfang ist und wo das Ende. – Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück? – Die Angst,was falsch zu machen oder zu versäumen, quält mich so sehr, dass ich einfach kein Licht mehr sehe am Ende des Tunnels.

Diese ziemlich makabre Verarbeitung des 23. Psalms aus der Bibel hörte ich kürzlich in ei-nem Gottesdienst. Beschäftigte aus diakonischen Einrichtungen versuchten, auf diese Weise den steigenden Druck in ihrem Berufsalltag zu thematisieren. Klar, könnte man meinen, Leh-rer und Sozialarbeiter: die Jammerlappen der Nation. Aber spätestens mit dem Rücktritt des Schalker Fußballtrainers Ralf Rangnick ist der Dauerstress am Arbeitsplatz wieder ein The-ma. Und die Sofortversteher und Patenterklärer von „Bild“ bis „Spiegel“ setzten umgehend die „Volkskrankheit Burn-out“ in die Schlagzeilen.

Dieser Begriff suggeriert allerdings, dass es sich hier um eine Erkrankung handelt, die einzelne, von mir aus ganz viele Einzelne heute seuchenartig befällt. Dass in Wirklichkeit nicht die betroffenen Menschen, sondern das System unseres Arbeitslebens insgesamt krank sein könnte, kommt leider weniger in den Blick. Dabei müsste man genau darüber reden. Ich fange mal an bei der samstäglichen Stellenanzeige in meiner Zeitung, wo die gesuchte Kraft, egal ob Kassiererin oder Abteilungsleiter, auf jeden Fall anpassungsfähig, kreativ, zuverlässig, innovativ und das alles gleichzeitig sein soll. Dann mach‘ ich mal weiter bei der Überlegung, wie viele meiner Bekannten, die in verschiedenen Berufen auf mittlerer Ebene Verantwortung tragen, eigentlich weniger als fünfzig Stunden pro Woche arbeiten. (Niemand.) Und zum Schluss erinnere ich mich an den Satz, der ja immer auch mein Selbstbewusstsein streichelt und der da lautet: „Wir haben für diese Aufgabe keinen anderen als Sie“ – und also übernimmt man sie und soundsoviele andere zusätzlich zu dem, was man sowieso schon zu tun hat.

Dergleichen ist schon lange nicht mehr das Klagelied gestresster Manager. Es gibt kaum eine berufliche Tätigkeit mehr, bei der die weiter und immer weiter ausgereizte so genannte „Ar-beitsverdichtung“ nicht zum längst akzeptierten Arbeitsalltag gehören würde. Wo früher neunzig schafften, sind’s jetzt dreißig, aber nur dreißig, (nicht sechzig). Andere sind durch Maschine, Computer und sonstige Technik überflüssig geworden. Was der fehlende Rest geleistet hat, wird einfach von denen, die noch da sind, mit geleistet.

Arbeit ist keine Hängematte, natürlich. Aus gutem Grund heißt es in der Schöpfungsgeschichte, dass wir im Schweiße unseres Angesichts unser Brot essen. Arbeit ist ein kostbares Leistungspotenzial, auch richtig. Und sie rationell und effektiv einzusetzen, ist o.k. Aber Rationalität und Effizienz haben eine natürliche Grenze. Aus gutem Grund wird deshalb in derselben Schöpfungsgeschichte der systemnotwendige Ruhetag eingeführt. Wo diese Grenze immer weiter durchlöchert wird, ist nicht primär der Mensch, sondern das System krank. Heilung ist nicht in Sicht – trotz der parallel dazu entstandenen Wunderwelt der Fitness-Studios, der Wellness-Wochenenden und der flächendeckenden Therapie-Landschaften. Im Gegenteil: Der krankmachende Stress potenziert sich, denn es gibt nun auch noch den Fitness, Wellness und Therapiestress.
Nur die wirklich schon Älteren werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass es in unserer Gesellschaft und namentlich in den Kirchen einmal eine tiefgehende Diskussion um die so genannte „Humanisierung der Arbeitswelt“ gab. Sie stammt aus einer Zeit, als die finanziellen Quellen allüberall noch reichlich sprudelten. Aber diese Diskussion ist alles andere als ein Luxusproblem aus den Zeiten der Vollbeschäftigung. Gerade heute, wo die Krise selbstverständlich weder durch Regierungen noch Banken bewältigt wird, sondern wo wie immer schon Ihre und meine Arbeitskraft gefragt ist, stellt sich die Frage, ob unser Arbeitsleben eigentlich noch human ist, so dringend wie noch nie zuvor.

Audiobeitrag Humane Arbeitswelt


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen