Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.11.11; Mark Christian Pollmeier

Lebenswichtige Regeln

Ein Kumpel von mir ist überzeugter Schwarzfahrer. Wo immer es geht, spart er sich den Fahrschein: Im Zug, in der Straßenbahn, manchmal sogar im Bus.

Wenn wir zusammen unterwegs sind und ich am Automaten brav mein Ticket löse, sagt er lachend: Spießer. Nach der Fahrt freut er sich dann, dass er mal wieder davon gekommen ist, während ich nur wieder sinnlos Geld versenkt habe.

Alle paar Monate nervt mich diese Tour derartig, dass wir uns deswegen zoffen. Neulich war’s mal wieder so weit. Da war ich richtig sauer und hab ihn gefragt, ob er denn auch bei Rot über die Ampel fahren würde, weil’s ihm gerade passt. Natürlich nicht, hat er geantwortet, das sei ja eine lebenswichtige Regel. Er unterscheidet nämlich lebenswichtige Regeln von Spielverderber-Regeln.

o Für die U-Bahn ein Ticket lösen: Spielverderber-Regel.
o An der roten Ampel stehen bleiben: lebenswichtige Regel.

o Keine Drogen nehmen: Spielverderber-Regel.
o Den Nachbarn nicht einfach erschlagen: lebenswichtig.

„Steht doch schon in den 10 Geboten“, hat er mich angegrinst: „Du sollst nicht töten! Das müsstest du doch wissen!“

„Ja“, hab ich geantwortet, „stimmt. Da steht aber auch: Du sollst nicht stehlen. Und ständig ohne Ticket fahren, das ist ja schon so etwas wie Diebstahl, oder? Kann es vielleicht sein, dass die 10 Gebote allesamt ‚lebenswichtige’ Regeln sind?“

Mein Kumpel hat das mit dem Diebstahl natürlich anders gesehen. Aber immerhin: er kam ins Grübeln. Auf der Rückfahrt hat er sich tatsächlich einen Fahrschein gezogen. „Weil du’s bist“, meinte er trocken.

Sprecher: Daniel Schneider

Audiobeitrag Lebenswichtige Regeln


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