Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.10.11; Antje Borchers

Sie singen alle – Reformation in Lemgo

Autorin: Sie singen alle. Ein harmloser Satz, ein erfreulicher Satz sogar, zumindest beschreibt er erfreuliche Umstände:

Sie singen. Alle. – „Wo man singt, lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“, ermutigt schon ein altes Volkslied.
Aber dieser scheinbar harmlose Satz „Sie singen alle“ ist in Wirklichkeit revolutionär, war er jedenfalls vor gut 500 Jahren, wie Liesel Kochsiek erzählt:

O-Ton Liesel Kochsiek: „Der damalige Bürgermeister hat seine Ratsdiener losgeschickt, sie sollten mal hören, wer die evangelischen Lieder singt. Und dann sind sie zurückgekommen ins Rathaus und haben gesagt: ‚Sie singen alle‘.“

Autorin: Das heißt:

O-Ton Liesel Kochsiek: „Sie haben alle schon die evangelischen Lieder gesungen.“

Autorin: Liesel Kochsiek ist Stadtführerin in der Alten Hansestadt Lemgo. Und diese Geschichte von den singenden Menschen zur Zeit der Reformation erzählt sie gerne. Wenn sie bei einer Stadtführung zu den großen alten, früher mal katholischen Kirchen in Lemgo kommt, erfährt man von ihr, …

O-Ton Liesel Kochsiek: „… dass Lemgo ganz früh evangelisch wurde, 1533, dass die Menschen schon, bevor Lemgo evangelisch wurde, sie nach Herford gefahren sind in die evangelische Messe, weil das eben noch früher evangelisch geworden ist.“

Autorin: Seit 1517 wehte vom thüringischen Wittenberg der Geist der Reformation durch Deutschland. Die Menschen wollten evangelische Gottesdienste feiern, lutherische Gottesdienste. Aber, wie sah das aus in einer Zeit, in der man nur die Messe kannte, also katholische Gottesdienste? Dazu Andreas Lange, heute Pfarrer an der evangelisch-lutherischen Nicolai-Kirche in der Alten Hansestadt Lemgo:

O-Ton Andreas Lange: „Kennzeichen des lutherischen Gottesdienstes war zunächst mal, dass gepredigt wurde. Das kannten die Katholiken hier und da auch schon, aber es war eher die Ausnahme. Es wurde Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht, also die Gläubigen bekamen Brot und Wein und nicht nur der Priester.“

Musik: Vokal Romantiker, CD Locus iste, Titel 4: Domine exaudi, 

O-Ton Andreas Lange: „Ein Träger der Reformation war das Singen von Liedern, und das heißt, nicht mehr eine Schola sang lateinische Weisen vor, zum Anhören, sondern die Menschen sangen selber. Martin Luther und Zeitgenossen haben von Anfang an dieses sozusagen „Werbeinstrument“ erfolgreich genutzt, haben deutsche Lieder gedichtet – „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ zum Beispiel für die Weihnachtszeit – und da konnte man biblische Geschichte singend sich erzählen und weitertragen.“

Musik: CD Weihnachtsmusik aus St. Nicolai, Titel 12: Vom Himmel hoch,

Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär, der guten Mär bring‘ ich so viel, davon ich singen und sagen will.

Autorin: Die Menschen aus dem ganz normalen Kirchenvolk, die sangen. Das war in zweifacher Hinsicht revolutionär: Erstens, sie sangen selbst, also nicht mehr nur Mönche und Priester, die die komplizierten Melodien über Jahre eingeübt hatten, sondern Menschen wie du und ich, Handwerker, Bauern, Studierte und Nichtstudierte, Kaufleute, Lehrer, Frauen und Männer sangen selbst.

Und das zweite Revolutionäre: Sie sangen in Deutsch. Heutzutage ist das völlig selbstverständlich: Lieder in Deutsch. Das ist sogar eher etwas altmodisch. Heute singt man vieles in Englisch. Damals waren Lieder, Kirchenlieder in Deutsch revolutionär. Und mutig. Denn damit widersetzten sich die Menschen ihrer Obrigkeit: der kirchlichen und auch der weltlichen. Nicht länger konnten der Papst, die Bischöfe und die Priester im Bündnis mit den Stadtherrschern das Volk klein und ängstlich halten, das Volk, das die lateinischen Texte eh nicht verstand. Denn nun sang das Volk die Lieder in Deutsch.

Als der Bürgermeister von Lemgo vor gut 500 Jahren also die Meldung von seinem Ratsdiener erhalten hatte „Sie singen alle“, da hatte er verstanden: Über diese Menschen habe ich keine Macht mehr. – Und die Legende erzählt, dass er erschüttert sein Amt niederlegte mit den Worten:

O-Ton Andreas Lange: „Oh weh, alles verloren!“

Autorin: Recht hatte er: Er hatte alles verloren, aber die Menschen hatten alles gewonnen. Nicht länger waren sie im Glauben angewiesen auf Priester, Studierte, Mönche, die vor Gott für sie eintreten und aus der Not herausführen – eine Not, die die Priester den Menschen damals oft erst eingeredet oder durch ihre Höllenpredigten noch vergrößert hatten. Jeder kann selbst mit Gott Kontakt aufnehmen, so die evangelische Überzeugung. Auch von den Sünden musste sich niemand erst freikaufen, musste keinen Ablass für teures Geld erwerben, die Menschen waren längst freigekauft. Gott selbst, in Gestalt von Jesus, hatte alles schon erledigt, hatte die schmutzige Wäsche rein gewaschen Das war die gute Nachricht, Griechisch: eu angelion, Evangelium, die Martin Luther beim Studium der Bibel wiederentdeckt hatte.

Diese gute Nachricht verbreitete Luther zum Beispiel über deutsche Kirchenlieder, zu denen komponierte er oft noch leicht singbare Melodien, und brachte sie so zum normalen Volk.

Musik: Herman van Veen, CD Weihnachten mit Herman van Veen, Titel 10: Vom Himmel hoch,
Euch ist ein Kindlein heut‘ geborn von einer Jungfrau, auserkorn, ein Kindelein so zart und fein, das soll eu’r Freud und Wonne sein.
Es ist der Herr Christ, unser Gott, der will euch führn aus aller Not, er will eu’r Heiland selber sein, von allen Sünden machen rein.

Autorin: Auch wenn in Lemgo Gottesdienste und Pfarrer zunächst katholisch blieben, so war die Gemeinde von St. Nicolai – wie die benachbarte St. Marien-Gemeinde – evangelisch geworden und praktizierte das auch! Wie? Nun, die Evangelischen kamen einfach zeitiger zum Gottesdienst…

Glocken: CD Weihnachtsmusik aus St. Nicolai, Titel 1: Kirchenglocken von St. Nicolai, Lemgo,

Autorin: Und wenn die Glocken von St. Nicolai zur Messe läuteten, dann sangen die Evangelischen schon längst ihre deutschen Lieder: „Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr‘“ und „Wir glauben all an einen Gott“. Und nach der Messe sangen sie weiter. Die gute Nachricht von der längst erworbenen Freiheit durch Jesus Christus hielt Martin Luther allerdings nicht nur in Liedern für das Kirchenvolk fest.

O-Ton Andreas Lange: „Es gab natürlich auch die „papierne Reformation“, es gab Martin Luther, der nicht weniger als Theologieprofessor war, der klug war, Latein, Griechisch, Hebräisch konnte und mit der Fachwelt kommuniziert hat.“

Autorin: Er teilte dem Volk seine Erkenntnisse auch in theologischen Texten mit. Seine Reformationsschriften wurden in Tausenden von Exemplaren verbreitet. Zum Beispiel die Schrift : „An den christlichen Adel deutscher Nation“. Darin rief Luther zu grundstürzender Umgestaltung des kirchlichen Lebens auf. In der Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ verfocht Luther die Priesterschaft jedes Gläubigen. Und – in ruhigerem Ton und allgemeinverständlich schrieb er schließlich „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ und stellte ein christliches Leben aus dem Glauben vor.

Auch in der Hansestadt Lemgo fanden die Schriften aufmerksame Leser. So den hochbetagten ehemaligen Stadtsekretär Engelbert Prein. Über ihn hält die lippische Reformationsgeschichte fest:

SPRECHER / Geschichte der Stadt Lemgo: Als eines Tages ein Mönch aus dem Franziskanerkloster in öffentlicher Versammlung die Sache des Papstes verfocht und sich dabei zu den Worten verstieg „Christus ist das Haupt der Kirche und mit ihm Petrus und dann der Papst als Statthalter Christi und Nachfolger Petri“, unterbrach Prein den predigenden Mönch und rief mit lauter Stimme: „So ist das Haupt der Kirche zugleich Christus und Petrus und der Papst. Die Kirche ist demnach ein dreiköpfiges Ungeheuer.“ Damit verließ er die Versammlung.

Autorin: Die Reformation in Lemgo ging von unten aus, vom singenden Volk, Lehrer und Bauern, Kaufleute und  Ratsherren, Adlige und die einfachen Leute der Stadt erlebten sich als starke Gemeinschaft, die etwas zum Besseren bewegen konnte. Aber kampflos haben Bürgermeister, Bischöfe und der Graf ihre Religion – und ihre Macht und ihre Privilegien – nicht drangegeben. Jahrelang gab es Zwist, zum Glück keinen Krieg, und 1555 endlich wurde mit dem Augsburger Religionsfriede deutschlandweit der evangelische Glaube anerkannt. Allerdings bestimmte nach wie vor der Landesherr die Religion: War er evangelisch, mussten es seine Untertanen ebenfalls sein. War er katholisch, waren es auch seine Landeskinder. Wer anders glaubte, musste auswandern – immerhin musste er nicht mehr um sein Leben fürchten.

Musik: Inga Rumpf, CD Walking In The Light, Titel 4: Walking In The Light,

Autorin: Fast 500 Jahre ist es her, dass der Geist der Reformation durch Deutschland wehte. Martin Luther lebt nicht mehr, aber der evangelische Geist lebt. Was bedeutet es Menschen heute, evangelisch zu sein? Zum Beispiel Susanne:

O-Ton Susanne: „Also, ich freu mich, in so ‘ner Tradition von einem Martin Luther zu stehen, der so der totale Querdenker war und auch es nicht beim Denken belassen hat, sondern dann auch wirklich aktiv geworden ist, und der echt Geschichte mitgeschrieben hat.“

Autorin: Geschichtsbewusstsein ist das Eine. Aber was bedeutet es Susanne im Alltag, im Leben, evangelisch zu sein?

O-Ton Susanne: „So ganz alltäglich erlebe ich mich als „evangelisch“ im Gottesdienst, als eine unter ganz vielen Gleichen, Gottesdienst zu feiern. Wir stehen, ja, so auf einer Ebene vor Gott, und das find ich gut, das finde ich richtig evangelisch.“

Autorin: Für den evangelischen Christen Henning ist besonders eine Sache im Leben der katholischen Mitchristen fremd:

O-Ton Henning: „…, dass die Maria richtig anbeten.“

Musik: Vokal Romantiker, CD Locus Iste, Titel 8: Ave Maria,

SPRECHER: Ave Maria, gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

O-Ton Henning: „Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Also, die sitzt da oben ja nicht in der heiligen Dreieinigkeit, sondern das war ja jemand wie du und ich, also schon Mutter Gottes, aber auch nichts Besonderes jetzt. Also – für mich jedenfalls nicht.“

Autorin: Von der „Anbetung“ Marias sprechen allerdings auch die Katholiken nicht. Sie sprechen vom „Anrufen“ Marias, der heiligen Mutter Gottes. Ebenso, wie sie auch die anderen verstorbenen Heiligen anrufen und sie um Fürsprache bei Gott bitten. Doch auch die „Anrufung“ haben die Lemgoer Lutheraner vor knapp 500 Jahren kritisch gesehen. In ihrer Kirchenordnung von 1538, die sie von Martin Luther persönlich absegnen ließen, schreiben sie im Absatz „Missbrauch der Heiligen“:

SPRECHER / Kirchenordnung von 1538: Vom Anrufen der Heiligen hat man keine gewisse schriftliche Zusage, Befehl oder Beispiel in der göttlichen Schrift. So muss das Anrufen im Zweifel stehen; was aber im Ungewissen geschieht, ist ohne Glauben und also Sünde. Was man aber anruft, das muss man auch glauben. Es muss also Gott sein, an den man glaubt. Dessenthalben sind Heilige, die zu Nothelfern, Mittlern und Fürsprechern gemacht werden, dem Christenamt entgegen.

Autorin: Die logische Konsequenz schon damals lautete:

SPRECHER / Kirchenordnung von 1538: Darum muss das Anrufen der Heiligen und alle anderen Heiligendienste abgeschafft werden und wegbleiben.

Autorin: Nicht die Heiligen soll man also anrufen, schließlich waren sie normale Menschen mit Schwächen, Fehlern, Schuld. Jesus Christus soll man anrufen, den einzigen, der ohne Sünde war, und um seine Fürsprache bei Gott bitten.

Allerdings, an die „Gemeinschaft der Heiligen“ – wie es im christlichen Glaubensbekenntnis heißt – glauben die Evangelischen durchaus. Für evangelische Christen sind „Heilige“ aber nicht die besonders frommen Menschen, die jetzt im Himmel nahe bei Gott stehen und Fürsprecher für uns sind. Sondern: Heilige sind alle, die Jesus nachfolgen, zu Gott gehören. Die Gemeinschaft der Heiligen ist die Gemeinschaft der Christen. Menschen, die sonst im Leben vielleicht nichts miteinander zu tun hätten, die aber zum Beispiel heute in einem Gottesdienst nebeneinander stehen, Traurige und Fröhliche, Arme und Reiche, Fromme und Zweifler, Handwerker und Bauern – lauter Heilige Gottes, die einander im Leben helfen, beistehen, unterstützen.

Auch die Heiligen, die schon tot sind, können für uns eine Bedeutung haben. Mit ihrem Leben können sie Vorbilder sein für uns heute. Wie sie in schweren Zeiten Gott vertraut haben, wie sie mutig waren und sich für Arme eingesetzt haben. Wie sie mit frommem Humor die Widrigkeiten des Lebens bewältigt haben. Dafür können auch evangelische Christen den Heiligen danken und ihnen nacheifern: Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel, Mutter Teresa.

Diese Berechtigung der Heiligen haben die lutherischen Christen auch damals, vor bald 500 Jahren gesehen. In der Lemgoer lutherischen Kirchenordnung von 1538 schreiben sie über die Heiligen:

SPRECHER / Kirchenordnung von 1538: Sie sind uns ein Spiegel von Gottes Güte, auch wir sind um unserer Schwachheit willen nicht verloren – wie David, Petrus, Magdalena, Paulus ihre Sünden vergeben sind. Und wir sind aufgefordert, ihnen nachzufolgen in ihrem Glauben, in ihrer Liebe zum Nächsten, in der Geduld.

Autorin: Vorbilder, Spiegel – aber mehr nicht. Auf keinen Fall den Heiligen Altäre bauen, Bilder machen und Messen halten.

SPRECHER / Kirchenordnung von 1538: Dies ist alles der Ehre Christi entgegen. Und das rechte lebendige Gottesbild, unsern nächsten Armen, lassen wir unbeachtet.

Autorin: Bilder von Gott oder den Heiligen braucht man nicht, denn man hat ja Bilder von Gott, lebendige Gottesbilder rechts und links neben sich: seine Nächsten. Um die soll man sich kümmern.

Ziemlich nah dran an der alten evangelisch-lutherischen Kirchenordnung liegt Henning mit seiner Beschreibung vom Evangelisch-Sein heute:

O-Ton Henning: „Das Gute beim Evangelischen find ich, dass das Zentrale im Mittelpunkt steht, das Evangelium nämlich. Und nicht dieses ganze Drumherum, das mit der Marienverehrung, also das gefällt mir überhaupt nicht.“

Autorin: Und, was ist seiner Meinung nach „das Evangelium“?

O-Ton Henning: „Das ist das Gute, was Jesus gesagt hat. Also, wie wir miteinander umgehen sollen, wie wir leben sollen, zum Beispiel, dass wir respektvoll miteinander umgehen, den andern achten, darauf achten, was dem andern gut tut.“

Autorin: Mit den alten Lemgoer Lutheranern gesagt: Das lebendige Gottesbild im nächsten Armen beachten, das entspricht dem Evangelium.

Musik: Vokal Romantiker, CD Locus Iste, Titel 19: Deep river,

Autorin: Evangelisch – und zwar gerne und aus Überzeugung, das ist auch Liesel Kochsiek-Jakobfeuerborn, die Stadtführerin und Kirchenführerin in Lemgo:

O-Ton Liesel Kochsiek: „Ich bin froh, dass es Martin Luther gegeben hat. Ich möchte niemand zu nahe treten, aber ich kann diese Papstgeschichte, find ich, das ist nicht mein Ding. Ich glaub‘ nicht, dass ein Mensch wirklich Stellvertreter Gottes auf Erden sein kann.“

Autorin: Die Freiheit eines Christenmenschen – wie Martin Luther es genannt hat – die bedeutet Liesel Kochsiek viel.

O-Ton Liesel Kochsiek: „Dass ich so ganz frei entscheiden kann. Ich bin nicht gezwungen, zu irgend ‘ner Beichte zu gehen oder bestimmte Rituale mitzumachen. Diese ganze Angst, diese Verdammnis und alles, was da so hinter gesteckt hat, dieser alte Glaube, dass wir das einfach nicht mehr brauchen, nicht mehr nötig haben, ich finde, das ist etwas Freies, was Befreiendes.“

Autorin: Bei aller Begeisterung über errungene Freiheit sieht Liesel-Kochsiek die evangelische Kirche durchaus nüchtern:

O-Ton Liesel Kochsiek: „Es gibt natürlich auch noch so starre Sachen, klar, aber die gibt’s nicht nur in der Kirche, die gibt’s überall.“

Autorin: Die Kirche bleibt also eine „ständig zu reformierende“, wie Martin Luther gesagt hat. Dem stimmt der heutige Nicolai-Pfarrer Andreas Lange zu. Auch heute muss man immer wieder umdenken, Neues wagen, um Gottes gute Nachricht unters Volk zu bringen:

Musik: Taizé-Gesang, CD ”Jubilate”, Titel 16: „Jesus remember me“,

O-Ton Andreas Lange: „Es gibt wahrscheinlich nicht die eine Lösung und den einen Weg, sondern für verschiedene Menschen eben die jeweils nötigen verschiedenen Wege. Also, wenn ich sehe, wie Menschen zum Beispiel in unserer Kirche hier in Lemgo in Taizé-Gottesdienste gehen, wo ich weiß, da kommen Leute hin, die sind ausgetreten aus der Kirche, aber sie kommen zum Taizé-Gottesdienst, weil sie die Stille lieben, die Kerzenatmosphäre in einer gotischen Kirche und weil sie bestimmt auch was mitnehmen, was ihrer Seele gut tut. Dann gibt es aber ganz andere, denen ist das viel zu emotional, zu gefühlvoll, die brauchen andre Musik oder wollen sich eher bilden.“

Autorin: Auf allen Wegen möchte Andreas Lange den einen evangelischen Gedanken weitertragen, den die Reformatoren  damals in der Bibel wiederentdeckt haben:

O-Ton Andreas Lange: „Da heißt es so ungefähr: Hier ist nicht Jude, noch Grieche, nicht Sklave, nicht Freier, nicht Mann noch Frau, sondern alle sind sie einer in Christus Jesus, unserm Herrn. Für mich ist das, was ich mal so mit „Jesus-Bewegung“ nennen würde, dass Jesus doch versucht hat zu sagen: Vor Gott geltet ihr nicht das, was ihr vielleicht untereinander seid und darstellt, der fragt nicht nach eurem Verdienst, sondern da seid ihr akzeptiert und angenommen und da ist eben der Sklave das Gleiche wert wie sein Herr, Mann und Frau das Gleiche. Und das gab in der Jesus-Zeit ein Aufatmen. Und dieses Aufatmen ist für mich letztlich der Atem der Freiheit, der mit der Reformationsidee in der Lutherzeit dann um sich gegriffen hat. Und ich merk immer wieder, dieser Atem der Freiheit ist eigentlich die Luft, die ich gerne einhole und die mir bis heute gut tut.“

Glocken: CD Weihnachtsmusik aus St. Nicolai, Titel 1: Kirchenglocken von St. Nicolai, Lemgo,

Autorin: Mit den Glocken von St. Nicolai, die mich an die evangelische Freiheit erinnern, verabschiede ich mich von Ihnen aus Lemgo. Ich bin Antje Borchers.

Musik: Dieter Falk, CD Volkslieder, Titel 3: Der Mond ist aufgegangen,

Audiobeitrag Sie singen alle – Reformation in Lemgo


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