Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.10.11, Pfarrer Thomas Werner

"Von den christlichen Prioritäten"

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Ihr Lieben, Das Markusevangelium berichtet von Ereignissen am Abend des ersten Tages der öffentlichen Wirksamkeit Jesu in der kleinen Stadt Kapernaum am See Genezareth. Es war ein sehr ereignisreicher Tag gewesen. Jesus hatte am Morgen in der Synagoge gepredigt, und seine Predigt hatte Aufsehen erregt. Er sprach direkt in die Herzen der Menschen. Noch in der Synagoge hatte er einen bösen Geist aus einem besessenen Menschen getrieben und nachher im Hause von Petrus dessen Schwiegermutter von einem hohen Fieber geheilt. Und weiter erzählt Markus:

32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.
33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.
34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.
35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

1.Teil – Interview

Ihr Lieben, da sind wir schon mitten drin, in den ersten Versen. Nicht jeder von uns wird das so kennen, aber es gibt unter uns Menschen, die tagtäglich damit zu tun haben, womit Jesus da am Abend in Kapernaum konfrontiert wird. Ich stelle ihnen zunächst Helmut Fürstenau vor, gelernter Religions- und Heilpädagoge, tätig hier in Gevelsberg für verschiedene Einrichtungen der von Bodelschwinghschen Stiftungen/BethelRegional.

ThW: „Helmut, kannst du uns bitte kurz dein Aufgabengebiet beschreiben?“

HF: "Ich verantworte die therapeutischen Angebote in den Gevelsberger Wohnheimen für Suchtkranke, psychisch Kranke und wohnungslose Menschen."

ThW: „In unserem Vorgespräch sagtest du: Das, was wir da hören, ist mein Alltag."

HF: „Wenn ich morgens in mein Büro komme, bin ich von Menschen umgeben, deren Erkrankung und Ausgrenzung ihre alles bestimmende Not ist."

ThW: „Jesus ist die Not der Menschen ins Auge gesprungen. Das hat Vater Bodelschwingh von ihm gelernt. Siehst du dich heute noch in diesen Spuren?"

HF: „Ja, es kommen Menschen zu uns, die ihren Platz in unserer Gesellschaft verloren haben. Ich bin gefordert, ihnen ein Gegenüber zu sein, der sie erstmal in ihrer Not annimmt."

ThW: „Du hast mir über deine berufliche und fachliche Ausbildung erzählt, da ist ja auch viel Kompetenz da..."

HF: „Wir müssen zuerst einfach Überleben sichern, elementares Überleben, das heisst: Wohnraum geben, medizinische Versorgung, Kleidung, Ernährung ..."

ThW: „Und dann...?"

HF: "Ich kann therapeutische Hilfen nur auf der Grundlage von einer vertrauensvollen Beziehung anbieten. Das ist dann Raum für den Anderen, Selbstvertrauen und Offenheit für Gemeinschaft zu entwickeln."

ThW: „Helfen und Heilen?!"

HF: "Ich kann nicht heilen! Ich kann helfen, dass Menschen mit ihren Erkrankungen leben lernen, und dadurch gesünder werden."

Liebe Gemeinde,
ThW: „Ich stelle ihnen jetzt einen neuen Gesprächspartner vor. Piet, sag mal: Guten Morgen!“

Piet (P): #oin, moin.“

ThW: „Piet, du kommst aber nicht von hier, aus Westfalen?!“

P: „Nein, Thomas, ich komme von „M“,  ostfriesische Hafenstadt mit einem Buchstaben.“

ThW: „Du trägst auch einen würdigen regionalen Namen.“

P: „Ich bin der Pieter Mollema. Ich bin 55 Jahre alt und bin Mitglied im Blaukreuz-Verein Gevelsberg.“

ThW: „Du, Piet, was ist das Blaue Kreuz?“

P: „Ein bundesweiter Verein mit ganz vielen Selbsthilfegruppen, wie hier bei uns in Gevelsberg seit 111 Jahren.“

ThW: „Und ihr trefft euch hier bei uns in der Erlöserkirche?“

P: „Ja, jeden Donnerstag, sogar an Feiertagen!“

ThW: „Wie bist du an das Blaue Kreuz gekommen?“

P: „Ich wusste nicht mehr weiter. Ich wollte leben und wusste nicht, wie.“

ThW: „Erzähl mal.“

P: „Thomas, ich bin am 4.12.2011 25 Jahre trocken, das heißt: ich trinke heute keinen Alkohol mehr. Aber zu dem Zeitpunkt damals trank ich bis zu drei Flaschen Weinbrand und einer Kiste Bier am Tag. Ein Arzt gab mir noch eine Lebensdauer von einem Jahr bei dieser Menge.“

ThW: „Und heute bist du ehrenamtlicher Suchtkrankenhelfer, Vorsitzender des Blaukreuz-Vereins Gevelsberg und in der Sozialarbeit des Evangelischen Pertheswerks tätig?!“

P: „Ja, mit sehr viel Freude!“

ThW: „Danke!“

ThW: Kannst du, könnt Ihr beide, in dieser Geschichte, die heute Predigttext ist, für euch als Mensch, für euren Dienst, einen Anker finden?"

HF: „Ich finde gut, tröstlich, dass Jesus auch mal Abstand braucht. Mein Gebet hilft mir, mich nicht von Hoffnungslosigkeit ersticken zu lassen. Ich brauche für mich selbst und den anderen das Vertrauen, dass Gott uns nicht uns selbst überlässt."

P: „Für mich ist Vers 34: „Er half vielen Kranken“ ganz ganz wichtig. Da kann ich sagen: Er half Piet. Aber laufen musste der Piet alleine. Und dann hat er mich dahin zurück geschickt, wo ich vor 25 Jahren selber war - aber als ein anderer - als trockener Mensch.“

2. Teil - Auslegung

Ihr Lieben,

1.) Jesus ist nicht gekommen, um sich als Hausarzt in Kapernaum nieder zu lassen. Am nächsten Morgen, nach dem Massenauflauf am Abend, kommt der Umschwung, der Kurswechsel. Es entscheidet sich in der Frühe des Morgens - es ist etwas ganz Entscheidendes, was der Evangelist Markus uns hier weiter gibt. Jesus sucht sich einen ruhigen Ort, irgendwo draußen, vielleicht am Seeufer. Er will mit seinem himmlischen Vater  Zwiesprache halten. Jesus klärt im tiefen Gebet die Prioritäten neu, hört, was der Vater im Himmel ihm aufträgt.

Wir müssen festhalten, wo diese Klärung geschieht, denn ich behaupte, wir säßen sonst nicht hier, wo wir sitzen. Sie geschieht im Gebet. Im Gebet Jesu.

2.) Danach ist klar: Es geht weiter fort durch ganz Galiläa im Norden Israels bis hinauf nach Jerusalem, zur Stadt Gottes. Jesu Aufgabe ist, das Evangelium auszurichten. Die Frohe Botschaft, die uns der Evangelist Markus wenige Verse vor unserem heutigen Predigttext so zusammen gefasst hat: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbei gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“(nicht mitgesprochen: Mk 1,14f.).

Ja, dieser Predigt folgen auch weiter viele Taten der Barmherzigkeit. Das gehört auch zu den Zeichen der erfüllten Zeit. Aber Jesus bleibt nicht dabei stehen, Menschen in ihrer augenblicklichen individuellen Notlage zu helfen. Der Ruf zur Umkehr in das Reich Gottes bedeutet den Ruf in eine neue Ordnung, eine neue Gerechtigkeit, ein neues Ziel und in eine neu begründete Gemeinschaft mit Gott, die in die Ewigkeit münden soll. In dieser Predigt Jesu werden Sünden vergeben, verlorene Menschen in die Gemeinschaft Gottes zurück geholt. An dieser Predigt scheiden sich später die Geister, und an diesem Prediger wird sich später am Kreuz die Bosheit des Menschengeschlechtes austoben. Doch Gott wird einen Schritt weiter gehen. Nach Ostern wird der Ruf der Umkehr zum Reich Gottes zur Einladung in die Nachfolge des Auferstandenen, an dem die Sünde gescheitert ist.

3.) Die, ihr Lieben, die diesen Weg mitgegangen sind, die diesem Ruf gefolgt sind, die Jüngerinnen und Jünger, werden vom Auferstandenen in alle Welt geschickt. Zurück nach Kapernaum - hier haben Archäologen die Überreste einer urchristlichen Kirche entdeckt, aber auch bis zu uns. Sie dürfen und sollen Ortsgemeinden gründen. Sie dürfen nun bei den Menschen bleiben. Sie dürfen und sollen kleine und große Werke gründen, die sich gezielt um spezielle Nöte kümmern können. Sie dürfen und sollen - wie Piet - dorthin zurückkehren, wo Jesus sie einmal hergeholt hat. Nun als seine lebenserfahrenen Spezialkräfte. Und sie dürfen und sollen in der Nachfolge Jesu von seiner Grundausrichtung, für das, was sie zu tun haben, lernen:

a) Der einzelne Christ, die einzelne Christin, wie die Ortsgemeinde, die Landeskirche, die weltweite Kirche wird zur Kursausrichtung, zur Klärung der Prioritäten, ins Gebet gewiesen. So steht bis heute für die Gemeinde der Sonntag mit dem Gottesdienst am Anfang der Woche. So wie wir Einzelnen das im Alltag für uns auch tun können. Mit Bibellese und Gebet. „Herr, was willst Du, dass ich tun soll?“

b) Der Dienst der Gemeinde an den ihnen anvertrauten Menschen besteht auch heute noch zunächst in der Ausrichtung der Einladung in die Nachfolge Jesu, in die neue Ordnung der Gerechtigkeit und Gemeinschaft des Reiches Gottes.

c) Dann aber genauso gefolgt von den Taten der Barmherzigkeit in den vielen einzelnen und vielfältigen Handlungsfeldern des diakonischen Dienstes in Gemeinde und Werken.

Für die Gemeinde, für die Kirche gilt, beide Handlungsschienen „Verkündigung und Diakonie“ beieinander zu halten. Eine Gemeinde, die nur noch evangelisiert, droht in den  Fanatismus abzurutschen. Eine nur noch diakonisch handelnde Gemeinde kann leicht in Aktionismus verfallen.
Den Kurs und auch die Energie schenkt das Hinsehen auf den Herrn der Kirche im Gebet. Eine solche Gemeinde blickt von sich weg auf die, die Gott im Blick hat. Sich selbst und die Welt mit den Augen Jesu zu sehen, das schenkt ganz neue Perspektiven.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 13.11.2011 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Dorper Kirche in Solingen gesendet. Die Predigt hält Pfarrer Joachim Römelt.


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