Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.10.11; Pastor Christof Lenzen

Auf die Schnauze gelegt…

Es gibt im Leben einige wenige Situationen, die sich in diesem Moment wie in Zeitlupe vollzogen haben, so erschreckend und emotional bedrängend waren sie.

Ich kann mich erinnern, wie ich in England mit dem Auto unterwegs war und bei einer Einbiegung aus alter Gewohnheit in der falschen Reihenfolge nach dem Verkehr schaute und dann losfuhr. Nur Zentimeter vor meiner Motorhaube raste ein Wagen vorbei, den ich nicht gesehen hatte. Eine halbe Sekunde später und ich hätte tot oder schwer verletzt sein können. Noch heute wird mein Mund trocken und ich spüre die Situation körperlich - obwohl sie 30 Jahre her ist. Ganz ähnlich geht es mir mit unserem Sohn Ole. Der ist, seit er sich bewegen kann, ein motorisches Talent. Mit zwei Jahren krabbelte er Rutschen hoch und schmiss sich wagemutig herunter. Alle waren erstaunt wegen dieser fröhlichen Unbedarftheit. In stillen Momenten dachten wir: "Na, wenn das mal gut geht...". Ole hatte als erstes kein Fahrrad, sondern ein Laufrad. Man behält die Füße auf dem Boden, Bremsen sind nicht notwendig und dennoch: man kann ja auch die Füße hochheben und sich rollen lassen - so richtig Tempo machen!

Genau das war fortan die Spezialität von Ole. Tempo! Wir versuchten ihn zu bremsen und so durfte er nur Bürgersteige, die einsehbar waren, herunterfahren, aber das Tempo war oft genug grenzwertig. Gut, dass er einen Helm trug! Eines Tages machten wir im Aachener Stadtwald einen Sonntagsspaziergang und Ole nahm sein Laufrad mit. Eine mühsame Sache. Ständig musste geschoben werden, ab und an gab es eine kleine Abfahrt - viele aber waren schlicht zu gefährlich, zu steil, zu viele Wurzeln. Dann plötzlich: eine lange, schöne, gut einsehbare Abfahrt. Asphaltiert! Gut! Am Ende ging es sogar wieder leicht bergauf - für eine Bremse war also auch gesorgt. Es würde schnell werden, doch Ole wollte! Und stürzte sich hinunter. Doch irgendwo zwischen oben und unten wurde der Asphalt schlechter und die kleinen Reifen verfingen sich in einem Schlagloch und Ole flog. Er war 200 Meter vor uns und flog - das Laufrad mit ihm - beides in Zeitlupe. Dann hörten wir nur noch sein Schreien! Es zerriss mir das Herz...

Ich bin in meinem Leben noch nicht so schnell gerannt. Eltern werden das instinktiv nachvollziehen können. Man bekommt Bärenkräfte, es rast der Puls, es tut einem am Herzen weh, was der Kleine da gerade erleben musste. Noch heute wird mir heiß und kalt gleichzeitig. Als wir ihn erreichten, saß da ein Häufchen Elend mit zerbrochenem Helm, einer Schürfwunde am Arm, am Knie und am Kinn - aber sonst war alles heil. Dem Helm sei Dank! Das Laufrad war ein wirtschaftlicher Totalschaden und so schoben wir das quietschende Wrack Richtung Auto und ich trug unseren sichtlich geschockten Sohn auf meinen Schultern, halb ging ich, halb joggte ich, damit der arme Kerl sich im Kindersitz ausruhen konnte. Er klammerte sich fest an mich...

Letztlich ist nichts passiert. Die Wunden sind verheilt. Ole fährt seitdem vorsichtiger. Er musste schmerzlich lernen, dass man auch versagen kann, dass Kräfte und Fähigkeiten nicht immer reichen.... eine schwere Lektion. Er hätte Bremsen gebraucht - das nächste Laufrad hatte richtig gute Bremsen, die er auch zähneknirschend verwendete. Aber der Helm hat ihn gerettet, hat für ihn den Kopf hingehalten. Wie gut!

Vom Geschütztwerden und Geschütztsein in allen Lebenssituationen, selbst nach dem Hinfallen, redet auch die Bibel. So sieht David Gott:
Der Herr ist mein Licht und mein Heil – vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist für mein Leben wie eine schützende Burg, vor wem sollte ich erschrecken?  (Psalm 27,1.2)

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und die Entdeckung im Kleinen wie im Großen: Gott ist da! Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

Audiobeitrag Auf die Schnauze gelegt…


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