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"Um Trost war mir sehr bange..."
Sprecher: Siehe, um Trost war mir sehr bange, aber du hast dich meiner Seele herzlich angenommen.
Autor: Dieses Wort des Propheten Jeremia spricht von Angst und Rettung, von Not und Heilung, von Verzweiflung und wiedererlangter Würde. Mit einem Wort von Trost. Aber mit dem Trost ist das so eine Sache. Wie oft mag man es selber schon versucht haben, zu trösten, sich und andere, und ist kläglich gescheitert. Oder meint kläglich gescheitert zu sein. Auch wenn das vielleicht gar nicht so war. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, mein Name ist Roland Hosselmann und ich bin evangelischer Pfarrer in Lippstadt
Der Philosoph Hans Blumenberg war auf der richtigen Spur. Er hat in einem Buch, das erst nach seinem Tod erschien ein ganzes Kapitel dem Thema Trost gewidmet. Und dabei die These durch buchstabiert: Der Mensch, du und ich, ist ein Wesen ist, das Trost braucht und sucht. Er ist das, trostbedürfigt und trostsuchend. Er wird das nicht erst. Nicht erst in den grundstürzenden Katastrophen eines Lebens, einem endgültigen Trennungsschmerz, irgend einer ganz bestimmten Erfahrungen des Unbegreiflichen und Nichtigen. Trost hat nicht etwas mit äußeren Anlässen zu tun. Trost hat hat mit unserem Wesen zu tun.
Nicht erst am Ende seines Lebens, sondern an jedem einzelnen Tag geschieht es, dass ich verlassen werde und auch selber verlassen muss, Menschen und Dinge. Zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz, unter Freunden, also im tagtäglichen Geschehen ringen wir um Anerkennung, müssen uns bewähren, uns behaupten. Und damit ist automatisch eine untergründige Angst gegeben, eine Angst vor Abstieg und Verlust, vor Trennung und Untergang. Kein Tag ohne die mal mehr, mal weniger nagende Sorge, eine falsche Entscheidung zu treffen, irgend etwas zu vermasseln, im Konkurrenzkampf den Kürzeren zu ziehen, von der Gemeinschaft abgehängt zu werden, das Gesicht und die Akzeptanz zu verlieren und am Ende auf irgendeinem Abstellgleis zu landen.
Lange Zeit stand Trost unter dem Generalverdacht, bloße Vertröstung zu sein. Eine gefährliche Strategie, die den Menschen davon abhält, sich aus eigener Kraft eine perfekte Welt zu bauen. Eine Welt, in der dann der Trost überflüssig wird. So Karl Marx. Oder aber ein bloßes Placebo, das verabreicht wird, um den Menschen daran zu hindern, endlich erwachsen zu werden, in die Härte der Welt hinauszutreten und sich mit der Untröstlichkeit des Daseins abzufinden. So auf der entgegengesetzten Seite des Spektrums Sigmund Freud.
Demgegenüber erinnern uns die die Liebhaber alter Sprachen, die Philologen, daran, dass "Trost" früher durchweg eine genau entgegengesetzte Bedeutung gehabt hat. Im Alten Testament ist ein Mensch im Blick, der an körperlicher oder seelischer Atemnot leidet. Die (über das Arabische vermittelte) Grundbedeutung der hebräischen Wurzel zeigt an, was in einem Menschen vor sich geht, der Trost erfährt: Sprecher: "nach Luft schnappen, wieder atmen können, aufatmen, durchatmen"
Autor: Aus dem Grimmschen Wörterbuch erfahren wir, dass Trost von seiner indogermanischen Wurzel her das "Kernholz" bezeichnet und dann, auf den Menschen bezogen, für "Festigkeit" steht. Im Alt- und Mittelhochdeutschen hat es die Bedeutung angenommen: "Vertrauen, Hoffnung, Zuversicht" wie auch "Hilfe, Schutz und Rettung". Und im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments, hat es überdies die Färbung: jemanden "einladen und auffordern", ihn auf- und wachrütteln.
Trost ist demnach das, was uns aufatmen lässt, Kraft gibt, Todesmöglichkeiten verschließt und Lebensmöglichkeiten erschließt, das, was mit einem Wort Vertrauen ins Dasein schenkt. Und zwar in und trotz allem. Hans Blumenberg hält fest:
Sprecher: Trost gehört zu dem, was Weiterleben nach einem Punkt, der es unmöglich zu machen schien, dennoch möglich macht. Der Mensch ist das Wesen, welches ,trotzdem' zu leben vermag.
Autor: Vertröstung wäre demnach theoretisch ein Widerspruch in sich. Und praktisch ein Bruch mit dem, was wahrer Trost in sich schließt und mit sich bringt. Doch was tröstet: Sie, mich, uns? In der Bibel habe ich drei Trostwege gefunden:
Musik
Sprecher: Trostweg Nummer eins: Iss und trink und hab guten Mut bei all der Mühe, die du hast. So hat es Gott für uns Menschen bestimmt.
Autor: Nicht, mit Martin Luthers gesprochen "ein Schwein aus der Herde Epikurs" redet hier zu uns, sondern jemand, den die Bibel den Prediger nennt. Nach ihm wurde ein Buch aus der Weisheitsliteratur des Alten Testaments benannt. Das Buch Kohelet. Was tröstet? Die Antwort des Predigers: Eine Tüte Chips. Ein Schokoriegel. Ein Cappuccino für zwischendurch. Ein helles Blondes. Ein gutes Tröpfchen. Das ist natürlich bei ihm kein billiges Lustprinzip. Im Gegenteil.
Kohelet ist vielleicht der modernste Denker des Alten Testaments. Er ringt um Verstehen, um Weisheit. Aber der Mensch mag sich noch so sehr anstrengen, er ist für Kohelet völlig außerstande, das Große und Ganze zu überblicken, die inneren Bezüge zwischen Tun und Ergehen, also dem, was einer ist und tut, und dem, was ihm widerfährt, zu durchschauen und überhaupt dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen. Aber auf der anderen Seite aber hält er konsequent an der einen Welt fest, in der Gott alles in der Hand hat, alles wirkt und ordnet. So zeigt sich ihm Gott als der, der von sich aus dem Menschen in seiner Eingeschränktheit, auch dem, der weder aus noch ein weiß, Gutes tut und das Heil schafft. Deshalb kann Kohelet nicht genug mahnen, das Gute und Schöne des Lebens zu genießen. Und falls jemand meinen sollte: In den Genuss des himmlischen Trostes kommt nur, wer zuvor allem irdischen Trost entsagt hat (wie z.B. Meister Eckhard dies gelegentlich tun konnte), - dem dem würde Kohelet entgegenhalten:
Sprecher: Gebärde dich nicht allzu fromm! Warum willst du dich zugrunde richten?
Autor: Diese Stimme ist in der Christenheit auf ein Echo gestoßen. So verschieden Martin Luther und Kohelet gewesen sein dürften, an einem sehr interessanten Punkt berühren sie sich: Beide kennen eine ganz bestimmte Verzweiflung. Eine Verzeiflung darüber, dass der Mensch an dem Ziel, das er sich steckt, scheitert. Vielleicht hat sich Luther gerade deshalb in seinen Trostbriefen an Kohelet orientiert. So kann er dem Stadthauptmann Jonas von Stockhausen, der in der Gefahr stand, von Traurigkeit überwältigt zu werden, den
Sprecher: "besten Rat über allem Rat"
Autor: geben: Tritt deiner Traurigkeit gegenüber und teile ihr mit, dass du für sie jetzt einfach keine Zeit hast. Und zwar mit den folgenden Worten: Sprecher: Ich muss reiten, faxen, Essen, Trinken, Spielen und dergleichen. Also, ich muss jetzt fröhlich sein. Komm morgen wieder.
Autor: Und wie lautete noch gleich die Parole, die der große Paul Gerhard vor dem apokalyptischen Hintergrund des 30jährigen Krieges ausgab? Sprecher: Geh aus mein Herz und suche - Freud!
Autor: Aus sich, über sich hinausgehen in den Bereich, wo wieder Geschmack ins Leben kommt, es leichter wird, heller, wärmer. Das ist ein Weg, auf dem wir uns und andere trösten lassen können und trösten lassen sollen. Carpe diem. Nutze den Tag. Nutze ihn eben auch mit seinen sinnlichen Möglichkeiten. Und lass Gott in dem, was dir schmeckt, was dein Herz erfreut und dein Dasein erhellt, einen guten Mann sein.
Musik
Sprecher: Trostweg Nummer zwei.
Autor: Ich erinnere mich, wie ich als Teenager auf dem Gymnasium, so in der sechsten, siebten Klasse, anfing, 17 und 4 zu spielen. Um Geld. Ich verlor. Spielte weiter. Verlor noch mehr. Musste Schulden machen. Versuchte, mit Gewalt das Blatt zu wenden, was dazu führte, dass ich mich noch mehr in die Schuldenfalle verstrickte. Für die Deutsche Bank wäre der Betrag, mit dem ich in der Kreide stand, weniger als Pendants gewesen. Aber für mich waren das horrende Beträge, die weit über meinem Taschengeldbudget hinausgingen. Irgendwann wurde der Leidens druck so groß, da bin ich zu meinem Vater gegangen und und habe gesagt: "Du Papa, ich habe da ein Problem." Und dann habe ich ihm mein Problem geschildert. Und dann er gesagt. "Junge, ich löse das für dich." Und das hat er dann auch getan. Ich kann mich an zwei Dinge erinnern: An den unerhörten Druck. Und an die noch größere Erleichterung.
Auf den ersten Seiten der Bibel lesen wir einen Satz, der an die Wurzel dessen geht, was uns Menschen ausmacht und auch auszeichnet. Ein kinderleichter Satz, allerdings mit weitreichenden Folgen:
Sprecher: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.
Autor: Wir sind von Haus aus auf Gemeinschaft angelegt. Wir leben von Beziehungen. Menschen begegnen sich. Erleben etwas gemeinsam. Tauschen sich aus. Werden davon berührt. Dadurch bereichert. Wenn das fehlt, könnte der Punkt kommen, an dem Torostbedürftigkeit in Trostlosigkeit umschlägt.
Wie kommt es, dass Burn-out, dieses Gefühl, ausgebrannt zu sein, im Vergleich zu früher derart dramatisch angestiegen ist? Modernen Studien kommen zu dem einfachen Ergebnis, dass die Quellen, aus denen Menschen Anerkennung und Stabilität schöpfen, austrocknen. Ehen zerbrechen. Parteien und Gewerkschaften verlieren ihre Mitglieder. Kirchen und Sportvereine schrumpfen. Das Arbeitsklima wird rücksichtsloser. Der Umgangston rauer. Das Wochenblatt "Die Zeit" zitiert hier den Arzt Jochen von Wahler:
Sprecher: Soziale Beziehungen wirken wie Protektoren. Die Familie, Freunde, Gemeinschaft in einer Kirche, als das erhöht den Schutz vor einer seelischen Erkrankung."
Autor: Im Alter von 93 Jahren hat sich Stephan Hessel, ein Mitautor der Menschenrechtserklärung, noch einmal zu Wort gemeldet. Empört euch! Hier der Satz, der mich in dieser Streitschrift am meisten berührt hat.
Sprecher: ,Ohne mich' ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann
Autor: Dass aber unser Ich sich um sich selbst dreht, übrigens auch in Form einer religiösen Nabelschau, ist dabei die Gefahr. Diese Gefahr kontert Paulus mit dem Impuls:
Sprecher: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Autor: Es gibt einen Trost bergender Gemeinschaft. Nutzen wir also die Möglichkeiten, die sich da bieten, wo wir stehen, wo sich unser Leben abspielt.
Musik
Sprecher: Trostweg Nummer 3: Die vornehmste Aufgabe der Religion ist es zu trösten.
Autor: schreibt Emanuel Levinas. Der christliche Glaube hält das Unmögliche für möglich. Er glaubt an das Paradox der Menschwerdung Gottes. Deshalb lebt in ihm diese Zuversicht, dass Gott, unser "Dasein zum Tode" in sein eigenes Dasein, das von Ewigkeit zu Ewigkeit währt, aufgenommen hat. Dieser Glaube weiß um die Tiefe eines Trostgeschehens, das seine Grenze nicht dort findet, wo ein Ich oder ein Du sich in Dunkelheit und Zerbruch gehüllt sieht.
Sprecher: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Autor: Als Bonhoeffer diese Zeilen in einem Berliner Gestapogefängnis als Weihnachtsgruß für seine Verlobte niederschrieb, stand ihm vor Augen: Es geht aller Wahrscheinlichkeit nach schlimm aus ((würde)). Trotzdem sah er sich in einer letzten Beziehung geborgen. Er wusste, dass ihm von Gott her ein Ich, ein Selbst, eine Identität zukommt, die auch im Tode nicht zerbricht. Und er war sich des unaufzehrbaren Reichtums gewiss, der darin besteht, in jener anderen und größeren Dimension aufgehoben zu sein, die wir Gott nennen. Ist das jetzt Vertröstung? Vielleicht. Trotzdem halte ich es auch als evangelischer Christ an dieser Stelle mit dem amtierende Papst unserer älteren Schwesternkirche:
Sprecher: Das ist nicht Vertröstung auf ein Jenseits, sondern Wachwerden für die wahre Größe des Menschseins, zu der freilich auch die Berufung zum ewigen Leben gehört. Trosterfahrung ist Gotteserfahrung.
Musik
Autor: Der Mensch braucht und sucht Trost. Wir brauchen und suchen ihn im Kampf mit aller Trauer der Weltzeit, die einen Menschen treffen kann. In Auseinandersetzung mit all dem, was unsere Vitalität, unsere Sehnsucht nach Erfolg und Glück gefährdet, was uns einsam macht und zu einem Außenseiter stempelt, und was uns mit der Endlichkeit des Lebens und dem irreparablen Bruch von Beziehungen konfrontiert. Auf der anderen Seite sind wir aber auch nach einem wunderbaren Wort Platos ein zoon logon echon: Ein Lebewesen, das das Wort hat. Ein Christ glaubt, dass es sich dabei um ein Wort handelt, das er sich zwar nicht selber sagen, sehr wohl aber sagen lassen kann:
Sprecher: Iss und trink! Suche die Gemeinschaft und trage dazu bei, dass sie gelingt. Setze dein Vertrauen auf Gott, der die Welt gemacht hat und keinen fallen lässt. Keinen Einzigen. Auch die Toten nicht.
Autor: Mit den besten Wünschen für diesen Sonntag und die vor uns liegende Woche verabschiedet sich von Ihnen Pfarrer Roland Hosselmann aus Lippstadt.
Musik
"Um Trost war mir sehr bange..."
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