Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.11.11; Pfarrer Matthias Köhler

Hunger

Damit hatte Josef Ackermann wohl nicht gerechnet. Der Chef der Deutschen Bank, der vielleicht wichtigste Finanzexperte in Deutschland, musste in den vergangenen Wochen

die Gewinnprognosen seines Unternehmens nach unten korrigieren und 500 Investmentbanker entlassen. Management in Zeiten der Eurokrise. Und dann musste er in unzähligen Zeitungen und Onlinemedien die Schlagzeile „Hungermacher Ackermann“ lesen. Damit waren allerdings nicht die Zukunftsperspektiven der entlassenen Mitarbeiter gemeint. Sondern die Geschäftsfelder der deutschen Bank. Da, wo das große Geld verdient wird. Mit der Spekulation um Nahrungsmittel nämlich. Die Organisation foodwatch hatte in einem Report erdrückende Belege dafür gesammelt, dass die Spekulation mit Agrarrohstoffen die Preise für Nahrungsmittel weltweit nach oben treibt und damit ganz direkt Hunger verursacht. Kapitalanleger haben bis Ende März 2011 rund 600 Milliarden Dollar in Wetten mit Nahrungsmitteln investiert. Auch die Deutsche Bank ist massiv an diesem Handel beteiligt. 10.000 Menschen hatten sich nach Bekanntwerden der Studie mit einer Protest-Mail an Josef Ackermann gewandt und einen Ausstieg aus der Spekulation mit Nahrungsmitteln gefordert.

Dabei ist ein gewisses Maß an Spekulation durchaus nützlich. Um Planungssicherheit zu erhalten schließen Lebensmittelhändler und  Produzenten Verträge über feste Preise und Lieferzeiten ab,  um sich so  gegen Preisschwankungen abzusichern. Und bis zu einem gewissen Maß führen Investoren, die nur auf steigende oder fallende Preise wetten, aber kein Interesse an einer tatsächlichen Warenlieferung haben, dem Markt zusätzliches Geld zu und tragen so zur Preisstabilität bei. Die Kehrseite ist aber, dass sich der Anteil der rein spekulativen Verträge seit der Jahrtausendwende verdreifacht hat. Es wird viel mehr spekuliert als produziert. Denn Nahrungsmittel gelten als sichere Anlage: Das Angebot ist begrenzt und die Nachfrage wird angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung zunehmen.

Menschen in den ärmsten Ländern der Erde müssen 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden. Preissteigerungen für Nahrung können sie nicht bezahlen – Hunger ist die direkte Folge. 2011 lagen die Preise für die drei wichtigsten Getreidesorten Weizen, Mais und Reis im weltweiten Durchschnitt um 150 Prozent über denen im Jahr 2000. Und allein durch den Preisanstieg für Nahrungsmittel um ein Drittel im Jahr 2010 wurden mehr als 40 Millionen Menschen zusätzlich in absolute Armut gestürzt.

Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon, hat Jesus gesagt. Wir tragen die Verantwortung – nicht nur für unseren persönlichen Lebensstil, sondern auch für den Welthandel. Die Protestbewegungen weltweit – gegen Hunger und Armut, gegen Diktaturen und Unrecht, aber auch gegen eine undemokratische, unkontrollierte Börsenwirtschaft zeigen deutlich, dass unser Lebensstil und unser Finanzsystem in eine Sackgasse geraten sind.

Die Wirtschaft dient schon längst nicht mehr dem Menschen – der Mensch muss sich den wirtschaftlichen Zwängen unterordnen. Und gegebenenfalls hungern, wenn es denn den Kursen nützt. Mit der Spekulation auf Nahrungsmittel wird in Europa Geld verdient. Ihr könnt nicht zwei Herren dienen – deutlicher kann uns Jesus nicht mehr anklagen.

Vielleicht stecken wir genau darum so tief in der Krise. Josef Ackermann jedenfalls hat umgehend auf den Protest reagiert. Er versprach,
in einem Brief an foodwatch das Rohstoff-Geschäft der Deutschen Bank auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen.

Audiobeitrag Hunger


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