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Die Seele braucht einen Ort zum Trauern
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ich möchte Sie heute Morgen mitnehmen auf einen Friedhof in Düsseldorf.
Dort kann man seine Angehörigen auf einem Rasenfeld bestatten. Anonym. Der Weg dorthin ist mit alten Kopfsteinen gepflastert. Und auf manchen dieser Steine ist der Name eines der dort beerdigten Menschen verewigt. Vielleicht sogar noch mit einem Abschiedswort oder einem besonderen Spruch.Viele ältere Menschen erzählen mir: Das möchte ich auch mal so haben, eine anonyme Bestattung ohne Grab, damit meine Kinder sich um nichts kümmern müssen. Sie sehen ja, wie manche Gräber aussehen. Bevor meines so verloddert, möchte ich lieber gar kein Grab. Die Kinder kommen doch nicht aus München oder Hamburg angereist, um mein Grab zu pflegen.
Das klingt vernünftig und ist auch gut nachvollziehbar. Nur, wenn ich dort auf dem Rasenfeld einen Menschen beerdigt habe, dann habe ich immer wieder dieselbe Beobachtung gemacht: Die ganze Zeit über waren die engsten Angehörigen damit beschäftigt, sich die Stelle zu merken, an der die Urne in die Erde eingelassen wurde. Sie suchten nach besonderen Merkmalen: Etwa ein Meter von dem Haselnussstrauch entfernt oder von dem Stein mit dem Herz aus schräg in Richtung Zaun, kurz vor dem Rosenbeet, da liegt der Opa. Es war dann doch immer ganz wichtig, zu wissen, wo genau der geliebte Mensch ruht. Und manche suchten sich gleich einen der Pflastersteine für den Namen des Verstorbenen aus. Auch das ist nachvollziehbar. Gewöhnlich brauchen Menschen einen Ort, an dem sie trauern können. Wo sie ihren Verstorbenen aufgehoben wissen. Es ist nicht jedermanns Sache, die Asche eines geliebten Menschen zum Beispiel im Meer zu versenken. Und nichts ist schlimmer, als wenn jemand verunglückt oder im Krieg umkommt und nicht gefunden wird, nicht bestattet werden kann. Denn dann wissen Menschen oft nicht, wohin mit ihrer Trauer.
In Düsseldorf gibt es jetzt einen Trauerort für Überlebende von Folter, Krieg und Gewalt im Schutz eines Kirchhofes. Er ist gedacht für Flüchtlinge, die aus den Krisenregionen der Welt zu uns nach Deutschland gekommen sind. Die in ihrer Heimat, weit weg, Angehörige unter schrecklichen Umständen verloren haben und nicht zurück zu den Gräbern können oder nicht einmal wissen, wo sie sind. Sie haben seither keinen Ort für ihre Trauer.
Das ist schlimm. Denn wer nicht richtig trauert und Abschied nimmt von einem Menschen, der wird auch nicht aus der Trauer herausfinden und sich nicht wieder richtig freuen können.
Bei der Grundsteinlegung des Trauerortes habe ich ihm unter anderem gewünscht, dass auch andere, Einheimische, die durch die Düsseldorfer Altstadt ziehen, den Ort entdecken und zum Nachdenken gebracht werden über eigene Verletzungen, Wunden, Verluste und Trauer in ihrem Leben. Nur wer diese schlimmen Erfahrungen und solche Gefühle zulässt, findet auch wieder aus ihnen heraus. Wer sie versucht zu verdrängen, sich ihnen nicht auszusetzen, zum Beispiel, indem er den Friedhof meidet oder andere Orte, die an einen Menschen erinnern, der wird sie nicht umwandeln können in positive Lebensenergie.
In der Bibel steht: Wer da sucht, seine Seele zu erhalten, der wird sie verlieren. Und wer sie verlieren wird, der wird ihr zum Leben helfen. Vielleicht ist es doch eine Überlegung wert, an dem Brauch eines individuellen Grabs mit Grabstein festzuhalten. Selbst wenn nur einmal im Jahr jemand das Grab besucht.
Enen Tag mit vielen guten Gedanken wünscht Ihnen Barbara Schwahn, evangelische Pfarrerin aus Düsseldorf
Die Seele braucht einen Ort zum Trauern
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