Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.10.11; Pfarrerin Barbara Schwahn

Die Seele muss frei sein

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,heute ist Reformationstag. Der Tag, an dem der Legende nach Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg

genagelt hat. 1517. Warum das bis heute ein wichtiger Tag für evangelische Christen ist, in manchen Regionen sogar ein Feiertag? Weil Martin Luther damals eine Diskussion losgetreten hat über die Freiheit eines Christenmenschen und die Rolle der Kirche. Und weil er damit den Menschen seiner Zeit eine schwere Last von der Seele genommen hat. Er schreibt zum Beispiel:

Sprecher: Jeder wahre Christ, sei er lebendig oder tot, hat Anteil an allen Gütern Christi und der Kirche, von Gott ihm auch ohne Ablassbrief gegeben. Was ist das für eine neue Frömmigkeit vor Gott und dem Papst, dass sie einem Gottlosen und Feinde erlauben, für sein Geld eine fromme und von Gott geliebte Seele loszukaufen; doch um der eigenen Not dieser von Gott geliebten Seele willen erlösen sie diese nicht aus frei geschenkter Liebe?

Autorin: Was Luther selbst bei seinem Bibelstudium entdeckt hat, musste zu Reformen in der Kirche führen: Gott möchte von den Menschen nur, dass sie an ihn glauben und ihm vertrauen. Und dass sie sich immer wieder neu in Reue ihm zuwenden, wenn sie sich von ihm entfernt haben. Und keine Bußleistungen und Ablässe in Form von Geldzahlungen für einen selbst und sogar noch für Verstorbene. Vorsichtshalber, falls sie im Leben etwas haben anbrennen lassen.

In der Kirche zu sein hat also nichts damit zu tun, ständig ein schlechtes Gewissen gemacht zu bekommen. Wohl aber damit, dass Menschen dort zu ihren Fehlern und Schwächen stehen können. Menschen, die wissen: Ich bin nicht perfekt, aber Gott liebt mich trotzdem. Ich darf ihn um Verzeihung bitten und meine Schuld bei ihm abladen.

Christ sein, an Gott zu glauben, hat nichts mit Enge zu tun. Es schränkt mein Leben nicht ein. Im Gegenteil. Es macht frei. Es nagelt mich nicht auf meine Defizite fest. Ich kann meine Fehler, meine Schwächen, meine Schuld immer wieder bei Jesus eintauschen und an seiner Gerechtigkeit und Unschuld  teilhaben. Luther hat von einem „fröhlichen Wechsel“ gesprochen. Und er hat Christen geraten, immer wieder in ihre Taufe „hineinzukriechen“. Sich immer wieder von Gott freisprechen zu lassen von dem, was man falsch gemacht hat oder nicht optimal, oder was man hat sein lassen. Wenn ich dann aufhöre, ständig an mir selbst zu zweifeln, mir selbst nicht gut genug zu sein, dann habe ich den Blick und das Herz auch für andere frei. Dann kann ich mich engagieren. Nicht um mir das ewige Seelenheil zu verdienen. Sondern weil ich schon frei bin. Dann traue ich mich, auch, mal etwas falsch zu machen und trotzdem immer wieder neu anzupacken.

Martin Luther hat uns allen mit seiner Entdeckung etwas Gutes getan. Er hat einen Weg gezeigt, auch 2011 mit meinen Fehlern zu leben. Im Grunde die beste Methode, nicht irgendwann erschöpft zusammenzubrechen. Burn out-Prophylaxe pur. Es lohnt sich, das heute zu feiern.

Einen fröhlichen Reformationstag wünscht Ihnen Pfarrerin Barbara Schwahn aus Düsseldorf.

Audiobeitrag Die Seele muss frei sein


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