Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.11.11; Pfarrer Titus Reinmuth

Ja oder Nein

Dortmund oder Schalke, Kölsch oder Pils, Kaffee oder Tee – manche Entscheidungen stehen ein Leben lang fest. Da gibt’s kein Vertun. Da wird man quasi hineingeboren.

 Aber der Rest? Ist ziemlich offen. Versteht sich längst nicht mehr von selbst. Alles muss laufend entschieden werden. Das fängt beim Einkaufen an. Ich suche eine Salami und stehe vor mindestens zehn verschiedenen Sorten. Aus Rind oder Geflügel, mit Kräuterrand oder Pfeffer – gibt’s nicht auch eine ganz normale? Minuten vergehen. Die vielen kleinen Entscheidungen fallen mir oft schwer. Am Sonntagabend Tatort oder Talk, im Urlaub Italien oder Irland, am Samstag ins Museum oder doch lieber in die Stadt? Ständig droht man was zu verpassen. Nur die großen Entscheidungen, die sind mir leicht gefallen: was ich werden will, auf welche Stelle ich mich bewerbe, dass ich meine Frau heirate.

Selbst das war früher anders. Da hatten die meisten Menschen gar nicht so viele Möglichkeiten. Die Lebenswege waren im Grunde vorgezeichnet. Menschen taten diese oder jenes, weil es so üblich war, weil sie Mann oder Frau waren oder aufgrund ihrer Bildung gar keine andere Wahl hatten. Zum Glück ist das heute anders. Menschen können wählen. Wir sind frei zu entscheiden.

Ich mag Menschen, die sich klar entscheiden können. Da weiß man, woran man ist. Kein „mal sehen“, „weiß nicht“ oder „vielleicht“, sondern „ja“ oder „nein“. Jesus von Nazareth hat das mal so auf den Punkt gebracht: „Eure Rede sei ja ja oder nein nein. Was darüber ist, das ist von Übel.“ (Mt 5,37). Das ist ein richtiges Sprichwort geworden.

Sich entscheiden heißt ja immer auch, zu etwas stehen. Manchmal verzweifle ich an meiner Kirche. Stellungnahmen von ganz oben klingen oft so unentschieden, so abgewogen. Als wolle man keinem auf die Füße treten. Sollen schwerst kranke Patienten selbst entscheiden dürfen, dass sie keine lebensverlängernden Maßnahmen mehr wünschen? Ja, denn das ist Ausdruck von Freiheit und Autonomie. Aber nicht immer, denn das Leben muss doch auch geschützt werden. Was denn nun, ja oder nein? Wird das Leben etwa geschützt, wenn das Sterben verlängert wird? Oder: Sichwort Bundeswehr. Können Christen da mitmachen? Nein, denn Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, und auf Befehl töten, ist für Christen keine Option. Aber in bestimmten Fällen ist Gewalt doch un-vermeidbar. So so. Das Grundgesetz spricht immer noch vom Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Unsere Kirche findet am Ende eine weiche Formulierung: Das sei auch das deutlichere Zeichen. Ist das ein Ja oder ein Nein? Es ist mal wieder irgendwo dazwischen. Ich könnte verzweifeln.

Bleib ich also bei meinen eigenen Entscheidungen. Den Kriegsdienst habe ich mit 19 verweigert. Freiwilligenarmee hin oder her - das finde ich immer noch richtig. Etwas anderes kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Die Patientenverfügung ist formuliert und liegt an einem festen Platz. Übrigens sehr ausführlich mit vielen kleinen Entscheidungen: Wann soll sie gelten, was soll noch gemacht werden, was nicht. Es gibt da sehr gute Formulierungshilfen. Damit die Ärzte nach dem Unfall nicht dastehen und überlegen müssen: Was meint er denn nun: ja oder nein? Vielleicht ist das die Pointe bei dem Sprichwort aus der Bergpredigt: Hauptsache entscheiden. Zu etwas stehen. Position beziehen. Das heißt auch, etwas aus dem Leben machen, da wo ich bin. In den großen Fragen und in den kleinen Dingen. Nicht: so so, la la – sondern ja ja, nein, nein. Was darüber ist, ist von übel.

Audiobeitrag Ja oder Nein


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