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Erstaunlich
Es ist unglaublich, was auf so eine kleine Speicherkarte alles drauf passt. Staunend betrachte ich den cent-großen, geradezu niedlichen Datenspeicher aus meinem Handy.
Mein gesamtes Adressbuch, meine Fotos, Termine, Mails und Sms bewahrt dieser kleine Memorystick für mich auf. Der Kollege neben mir ist erstaunt über mein Erstaunen und setzt sofort mit einer Erklärung über die Entwicklung dieses Datenträgers, der Flash-Speicherung und Datenkapazität an. Staunt man über ein verblüffendes Ergebnis oder Ereignis ist mindestens immer einer dabei, der es als unbedeutend abtut oder eine Erklärung parat hat. Staunen scheint nur noch ein Privileg von Kindern oder Hinterwäldlern auf Besuch in der Großstadt zu sein. Wann waren sie das letzte Mal sprachlos, geradezu überwältigt und bekamen vielleicht noch ein langgezogenes Oh über die Lippen?
"Wer nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot." soll Albert Einstein gesagt haben. Wir staunen schon noch, wir sind nicht tot, aber unser Staunen hat sich maßgeblich verändert. Wir staunen nur noch über Dinge, die wir so nicht erwartet haben oder uns nicht erklären können. Großartige Rekorde im Sport, Neues aus der Wissenschaft oder spektakuläre Ereignisse lassen uns staunen, aber die Wunder des Alltags, z.B. tanzende Schaumkronen, hohe Berge, fabelhafte Wolkenbilder oder das Strahlen eines Menschen sind etwas für verträumte Romantiker oder weichgespülte Verliebte geworden. Unser Staunen hat sich auf Raritäten und Überdimensionales spezialisiert, gilt immer größeren Rekorden, aber verweilt kaum in unserer näheren Umgebung. Ein Staunen, das uns pausieren lässt und uns zum Nachdenken über den Sinn der Welt und unseres Daseins bringt, ist vom Aussterben bedroht.
Dabei lohnt es sich, die Gucklöcher der Metaphysik - wie der Philosoph Karl Jaspers einst formulierte - wieder zu entdecken und als Lebenskunst zu aktivieren. Die Fähigkeit zu staunen galt schon in der Antike als Grundvoraussetzung menschlicher Existenz. Ohne zweckfreies Staunen funktionieren wir zwar, aber uns fehlt etwas Wesentliches. So finden wir nicht unsere eigene Spur im Leben. Nur wer stutzt und sich wundert, hat die Chance, neu über sich und die Welt nachzudenken, denn Staunen stößt das Denken abseits eingespielter Muster an.
Vielleicht fällt es uns deswegen manchmal schwer, an Gott zu glauben, weil der Glaube eng mit dem Staunen verbunden ist, ja sogar der Ursprung des Glaubens ist. Wir verstehen Gott nicht und können über seine Schöpfung nur staunen, aber eben diese Fähigkeit ist bei uns ja verkümmert. Die Beter in den Psalmen beherrschten noch diese Kunst. Sie bestaunten überzeugend und inbrünstig, wie wunderbar Gott uns und die Welt gemacht hat.
Der Schriftsteller und Dichter Theodor Fontane sah im Staunen eine Kunst. Er meinte, es gehöre etwas dazu, Großes als groß zu begreifen." Wenn Sie Lust haben, sich in dieser Kunst zu üben, schlage ich Ihnen ein Experiment vor. Überlegen Sie sich ein kleines Geschenk, das nicht viel kostet, man im Prinzip jedem schenken kann und leicht zu transportieren ist, z.B. eine Postkarte, eine Packung Streichhölzer oder besondere Büroklammern. Dieses Präsent verteilen sie eine Woche an unterschiedliche Leute. Die Wirkung des grundlosen, zweckfreien Schenkens wird das ein oder andere Oh ins Gesicht ihres Gegenübers zaubern und Sie wiederum werden über die Reaktionen staunen können.
Staunen macht glücklich!
Erstaunlich
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