Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.11.11; Beate Raguse

Weiter Raum

40 Jahre lang brauchte Freddy bei allem Hilfe. Er konnte fast nichts allein. Er wurde aus dem Bett geholt, gewaschen, angezogen. Er konnte nicht alleine essen und trinken.

Er wurde im Rollstuhl in die Werkstatt gefahren. Zwei Finger konnte er bewegen, er konnte sprechen, er konnte bis 20 zählen. Freddy war ein netter Kerl, freundlich, er hat gern gesungen. Das war sein Leben. Bis Herbert kam.
 
Herbert war der Meinung; Freddy kann E-Rolli fahren. Niemals, sagte der Gruppenleiter. Herbert ließ nicht locker. Tüftelte, bastelte, übte mit Freddy mit einer alten Bedienung. Freddy bekam seinen E-Rolli.

Seither ist er verschwunden. Jedenfalls scheint es so. Nach dem Essen fährt er los bei Wind und Wetter, am Wochenende den ganzen Tag. Zurück kommt er, wenn es so dunkel ist, das nichts mehr geht oder sich draußen gar nichts mehr rührt. Freddy hat sich verändert. Er paßt sich weniger an. Er sagt, was er möchte. Gestern hat er zum 1. Mal widersprochen.  
 
Ein Beter in der Bibel hat einmal gesagt: Gott, du stellst meine Füße auf weiten Raum. Dahinter steckt die Erfahrung: es ist gut, Raum zum leben zu haben. Erfahrungen zu machen, Neues zu entdecken, Menschen kennen zulernen, die anders leben als man selbst. Für mich und viele andere Menschen ist all das selbstverständlich. Freddy entdeckt es gerade – endlich.

Sprecherin: Alexa Christ

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