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Die kostbare Leihgabe Leben
Duisburg. Ein alter Güterbahnhof. Der Zugang zum Gelände ist nach einigen Metern durch einen Gitterzaun versperrt. Schon lange halten hier keine Züge mehr.
Der Güterbahnhof ist baufällig, einsturzgefährdet und steht leer wie so viele Industriebrachen im Ruhrgebiet. Zum verfallenen, mit bröckelndem Schiefer beschlagenen Bahnwärterhäuschen führt eine schmale Treppe. Rostige Metallstreifen begrenzen die einzelnen Stufen. Auf jeder dieser Treppenstufen steht ein Kreuz, daneben ein Blumengebinde. Es sind 21 Holzkreuze. Jedes steht für einen jungen Menschen, der hier am 24. Juli 2010 starb. Am Fuß der alten Bahnwärtertreppe eine bunte Ansammlung aus Kerzen und Blumen, Fotos und Texten, die an die Opfer der Loveparade-Tragödie erinnern. Zum Feiern und Tanzen kamen sie nach Duisburg. In der Massenpanik unterhalb dieser Treppe fanden sie den Tod.
Immer, wenn ich in Duisburg bin, besuche ich diesen Ort. Ich bin nie allein da. Bei mir stehen andere Menschen, schweigen, betrachten die Texte, entzünden eine Kerze. Immer wieder halten Autos an, Menschen steigen aus, halten einem Moment inne. Am Ort der Loveparade-Tragödie, an diesem alten, verfallenden Bahnhofsgelände ist ein Gedenkort entstanden.
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich bin Uwe Rieske und arbeite als Pfarrer in der Notfallseelsorge.
Der Ort des Schreckens und der Panik ist ein spiritueller Ort geworden, an dem gebetet, geweint und getröstet wird. Bereits in den Tagen nach dem Unglück sammelten sich hier zahllose Trauerbekundungen, Kerzen und Texte, die die Anteilnahme der Öffentlichkeit zeigten. Zum ersten Jahrestag des Unglücks kamen viele hundert Menschen hierher, um sich an das Geschehene zu erinnern.
Ich brauche diesen Ort, sagte die Mutter eines der Opfer: Hier soll der Himmel offen sein, damit ich mit meinem Sohn in Kontakt bleiben kann.
Musik: Eric Clapton: Tears in heaven Would you know my name if I saw you in heaven? Would it be the same if I saw you in heaven? I must be strong and carry on 'cause I know I don't belong here in heaven
Autor: Die Industriebrache rund um den verfallenden Güterbahnhof soll nun umgebaut werden. Zwei Möbelhäuser sollen entstehen, Parkplätze, auch eine Grünanlage und Wasserflächen; die Auffahrt aufgeschüttet werden. Vom Zugang zum Loveparade-Gelände wird kaum noch etwas übrig bleiben.
Vielleicht kann man diesem Plan auch Positives abgewinnen. Ein Bekannter hat den Gartenteich, in dem seine dreijährige Tochter ertrank, zugeschüttet. Der Teich war wie eine Wunde, die sich nicht schließt, hat er gesagt. Patricias Tod hat mein Leben und meinen Garten verändert, daher musste ich ihn anders gestalten. Denn sonst hätte ich nur meinen Verlust konserviert. Hat nicht solche Veränderung auch etwas Gutes, weil sie dem Ort des Schreckens etwas entgegen setzt und neuen Dingen Raum gibt?
Aber zuschütten kann und darf man die Trauer nicht. Der Sänger Eric Clapton hat ein Jahr, nachdem er seinen Sohn durch einen Unfall verlor hatte, das Lied Tears in heaven Tränen im Himmel geschrieben. Clapton besingt darin die Trauer um den tragischen Tod seines Kindes. Er kennt das gefräßige Loch, das entsteht, wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben gerissen wird. Er verleiht dem stummen Entsetzen eine Sprache, die den Protest und die Klage, das Unfassbare und die Fragen aufnimmt und genau damit
. tröstet.
Musik: Eric Clapton: Tears in heaven
Tränen im Himmel, das Bibelwort, auf das Clapton mit seinem Titel anspielt, erzählt allerdings vom Gegenteil. Im Himmel werden keine Tränen mehr sein. Und dennoch - im Himmel sind die Tränen gut aufgehoben. Die Sprache der Trauer führt in den Himmel, ohne ihre Bodenhaftung zu verlieren. Von den Tränen und von ihren Orten auf der Erde erzählen auch die vielen Holzkreuze, die an deutschen Landstraßen stehen. Oft sind diese Kreuze mit einer Kerze versehen oder mit Blumen. Ein Name steht darauf, oft nur ein Vorname, manchmal wenige Lebensdaten. Hier ist jemand gestorben, der schmerzhaft vermisst wird, sagen diese Zeichen. Die kleinen Kreuze werden gepflegt, oft jahrelang. Der Ort, an dem ein geliebter Mensch ums Leben kam, bleibt für Angehörigen für viele Jahre ein Platz für Erinnerung und Gedenken. Hier endete ein Lebensweg aber nicht die Liebe, die diesem Menschen gilt.
Auch das Christentum kennt solche Orte. Eine alte Legende erzählt davon, dass an dem Ort, an dem Petrus nach Rom umkehrte, wo er bald darauf starb, später ein Rosenstrauch wuchs. Die Grabeskirche in Jerusalem, unter der der Begräbnisort Jesu vermutet wird, besuchen jährlich Hunderttausende Christen aus aller Welt. Für sie ist dieser Platz, ist die Stadt Jerusalem selbst ein heiliger Ort.
Die Beziehung zu einem Religionsstifter kann einen solchen Verbindungsort zwischen Himmel und Erde prägen. Aber für Menschen, die lieben, braucht es keinen Religionsstifter, um den Ort, an dem jemand ums Leben kam, zu einem Platz werden zu lassen, an dem sie sich diesem geliebten Menschen über den Tod hinaus verbunden fühlen.
Was braucht es, damit ein alltäglicher Ort zu einem Pilgerort oder zu einem öffentlichen Gedenkort wird? Gibt es hier Unterschiede oder ist hier immer dasselbe Bedürfnis am Werk? Gibt es einen Unterschied zwischen dem privaten Trauerbedürfnis und dem öffentlichen Gedenken?
Musik: Eric Clapton: Tears in heaven
Autor: Gott begegnet dem Menschen. Der Mensch trifft auf Gott. Für Mose wird völlig überraschend ein vertrockneter Dornbusch zu einem heiligen Ort. Jakob begegnete Gott nachts im Traum. Er träumte von einer Leiter, die von der Erde in den Himmel ragte. Morgens hat er die Stelle mit einem Stein markiert, den er mit Öl übergoss. Sonst hätte er diesen Platz in der gleichförmigen Steppe nicht wieder gefunden. Im Sinai-Gebirge in Israel ist an dem Ort, an dem Mose Gott im brennenden Dornbusch begegnet sein soll, vor 1400 Jahren das Katharinenkloster errichtet worden. Täglich steigen viele hundert Pilger vor Sonnenaufgang in einer endlosen Prozession an diesem Kloster vorbei auf den Mosesberg, wo Mose die zehn Gebote empfangen haben soll. Etwas weiter unten liegt der Garten des Propheten Elia, der auf diesem Berg ebenfalls eine Gotteserscheinung hatte. Was treibt diese Pilger an? Ist es die Sehnsucht an besonderen Orten, dem Geheimnis des Lebens nahe zu kommen? Aber woher wissen wir eigentlich, wo genau jener Dornbusch brannte? Ist nicht viel wichtiger als der Ort selbst die religiöse Sehnsucht, die ihm gilt?
Martin Luther jedenfalls war skeptisch gegen die Tendenz, heilige Orte vom profanen Bereich abzugrenzen. Was heilig sei, lasse sich allein vom Evangelium, dem Wort Gottes ableiten und dies wirke nun einmal auf Menschenherzen, nicht auf Orte oder Gegenstände. Heilig sei die Wirkung des Wortes Gottes, die Menschen erreiche und in Dienst nehme wie Mose. Hier führe die Unterscheidung von heiligen und alltäglichen Bereichen nicht weiter. Für Luther sind Christen frei, an dem Ort zu beten, der sich dafür anbiete. Gott selbst jedenfalls brauche für den rechten Gottesdienst keine besondere Kirche noch Tempel und sei an keine Stätte
gebunden. Skeptisch reagierte Luther auf mancherlei Formen der Frömmigkeit seiner Zeitgenossen, die Heilige, Reliquien und besondere Orte verehrten.
Und Luther hat recht. Die Begegnung mit Gott oder mit dem, was Leben heiligt, kann fast überall stattfinden. Und es kann geschehen, dass Orte, von denen man dies niemals erwartet hätte, zu spirituellen Orten werden. Es braucht dafür durchaus nicht immer einen biblischen Bericht von einer Gottesbegegnung oder die Beziehung zu einem Religionsstifter. Manchmal braucht es noch nicht einmal einen religiös besonders prägenden Menschen.
Musik: Eric Clapton: Tears in heaven
Autor: Die Opfer der Loveparade waren keine Religionsstifter und wohl auch keine Heiligen. Sie waren junge Leute, die Musik erleben, Spaß haben und eine der größten Parties in Deutschland mitfeiern wollten. Aber der Ort, an dem sie starben, ist nicht nur ein privater Erinnerungsort für ihre Familien, sondern ein öffentlicher Gedenkort geworden. Dies liegt auch an der besonderen Tragik dieses Unglücks; junge Leute, die eines der lebendigsten Feste der Welt mitfeiern wollten, fanden durch verhängnisvolle Fehler in der Veranstaltungsplanung den Tod. Hunderte andere wurden verletzt und traumatisiert.
Der Ort dieser Tragödie ist nicht nur für die Familien der Opfer wichtig. Für die Erinnerung der Überlebenden, der Ersthelfer, der Polizisten und der Rettungskräfte ist er es ebenfalls, um das Unvorstellbare zu begreifen. Hier können sie behutsam lernen, traumatische Bilder zu verarbeiten.
Wenige hundert Meter entfernt haben Duisburger Bürger ein Mahnmal errichten lassen, auf dem die Namen der verstorbenen Opfer eingraviert sind. Dankbar wurde dieser Gedenkort von den Betroffenen als ein Zeichen angenommen, dass sie mit der Erinnerung an den Schrecken der Loveparade-Tragödie nicht allein gelassen werden. Aber weit mehr als an diesem Gedenkort spüren Hinterbliebene und Betroffene am Unglücksort selbst, wie tief sie das Geschehene anrührt. Hier, so formulierte es die Mutter eines der Opfer, fühle ich mich meiner Tochter näher als an ihrem Grab! Vielleicht weil hier die Nahtstelle zwischen dem Tod und dem Leben verläuft. Überlebende feiern hier den Tag des Unglücks wie ihren Geburtstag. Der Ort der Todesgefahr ist für sie zugleich der Ort, an dem sie das Leben neu geschenkt bekamen und seinen Wert nun ganz anders schätzen als zuvor.
Eine brennende Diskussion hat sich entwickelt um die Frage, wie dieser Ort künftig gestaltet sein wird, wie viel Raum er bei der anstehenden Umgestaltung erhält. Dabei entstand auch die Idee, einen Lebensbaum zu pflanzen. Weil die jungen Leute zum Feiern hierher gekommen sind und nicht zum Sterben. Und weil von den Helfern viele Leben gerettet werden konnten. Weil lebendige Liebe mit dem Tod nicht stirbt. Bereits jetzt ist klar, dass der Ort des Unglücks nicht abgerissen und zugeschüttet wird. Aber wie kann er so gestaltet werden, dass er nicht nur Erinnerung bewahrt, sondern auch der Hoffnung auf die Macht des Lebens Raum gibt?
Angehörige, Verletzte, Helfer, Rettungskräfte, aber auch viele andere, die von diesem Unglück betroffen sind, werden auch in Zukunft hier der Ereignisse des 24. Juli 2010 gedenken. Viele legen eine weite Reise zurück, um dies zu tun. Zum Jahrestag des Unglücks sind Angehörige aus Spanien, aus Italien, aus China, aus den Niederlanden und aus Australien angereist, um an diesem Ort zu trauern.
Vielleicht braucht es solche Orte, die keinem anderen Interesse dienen dürfen als allein dem Verlangen, dem Geheimnis des Lebens nahe zu kommen. Und die uns daran erinnern, dass das Leben eine kostbare Leihgabe ist.
Ich wünsche einen gesegneten Sonntag. Ihr Pfarrer Uwe Rieske aus dem evangelischen Landespfarramt für Notfallseelsorge in Bonn.
Musik: Eric Clapton: Autumn leaves
Die kostbare Leihgabe Leben
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