Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.10.11; Pastor Christof Lenzen

Wesentliches im Vorbeigehen entdecken…

Ein altes persisches Märchen hat den rätselhaften Namen "Die drei Prinzen von Serendip". Serendip ist eine alte Bezeichnung für Sri Lanka.

Das Märchen berichtet von drei klugen Prinzen, die als mögliche Thronfolger ihres mächtigen Vaters nach allen Regeln der Kunst ausgebildet werden. Doch der Vater misstraut ihrer Weisheit. Er bietet ihnen die Thronfolge an - aber alle drei lehnen ab. Der Vater sieht es mit Genugtuung, aber beschließt, sie auf lange Reise zu schicken, damit sie Lebenserfahrung sammeln. Sie machen sich also auf eine lange, abwechslungsreiche, aber notgedrungen ziellose Reise. Dabei erweist sich gerade diese Ziellosigkeit als spannendes Motiv. Denn sie entdecken wie nebenher haufenweise spannende Dinge! Irgendwann kommt ein Mann zu ihnen, der sein Kamel vermisst. Sie wissen nichts vom Kamel - aber durch ihre beiläufigen Beobachtungen am Wegesrand geben sie detailliert alle Hinweise, die nötig sind, um das Kamel zu finden. So genau sind die Hinweise, dass sie selbst verdächtigt werden, das Vieh gestohlen zu haben! Aus diesem Märchen hat sich der Begriff der Serendipität entwickelt - des zufälligen Beobachtens und Entdeckens von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem...

Szenenwechsel. Wir sind als Familie unterwegs und mir steigen kleine graue Rauchwölkchen aus den Ohren! Natürlich nicht wörtlich. Aber stimmungsmäßig. Warum? Nun, wir sind auf einem Minispaziergang mit unserem Sohn Ole, der gerade laufen kann. Viel haben wir uns nicht vorgenommen. Und am Ziel warten Kaffee und Kuchen! Aber aus den 1.5 Kilometern werden gefühlte 20. Denn Ole hockt sich immer wieder hin. Beobachtet kleine rote Käfer, die gerade mehr kleine rote Käfer zeugen. Eigentlich sind es Wanzen, aber das ist egal. Sie sind rot und lustig. Er beobachtet Amseisenstraßen, seltsame Blätter, einen glitzernden Stein und einen Mistkäfer, der durch einen Kuhfladen krabbelt. Papa ist ungeduldig. Papa braucht Koffein und will zum Ziel. Für Ole wird der Weg zum Ziel gefüllt mit tausend spannenden Kleinigkeiten, wie sie faszinierender nicht sein könnten! Also stehen bleiben, hinhocken, beobachten, die Zeit vergessen. Ich blicke angespannt auf die Uhr. Denke mir mal so ganz erwachsen: Wie kann man sich mit so einem Kleinkram abgeben! Wenn doch Kaffee wartet. Doch die Faszination für ein Kind wie Ole wartet nach dem nächsten Schritt. Alles ist spannend, alles ist wie verzaubert...

Plötzlich werde ich ruhig. Ich selbst war ja nicht anders als Kind. Ich kann mich an Urlaube zurück erinnern, in denen ich meine Eltern zur Weißglut gebracht habe, indem ich am Wegesrand nach "Schätzen" suchte. Ich habe nie welche gefunden - Ole, unser Sohn dagegen, hat die Spezialität entwickelt, Münzen auf dem Boden in der Fußgängerzone aus dem Augenwinkel wahrzunehmen und sich wie eine Hyäne drauf zu stürzen! Seine Entdeckungen am Wegesrand sind immer noch wichtiger Bestandteil unserer Wanderungen, obwohl er nun schon 7 Jahre alt ist. Das Ziel ist das Ziel? Doof!
Wie habe ich mich verändert, fährt es mir durch Kopf und Herz. Wie zweckorientiert bin ich geworden, kaum noch ein Blick für das Kleine, Unscheinbare, am Rande liegende, das erst bei Näherem Hinsehen seinen Reiz entfaltet. Sei es beim Weg durch einen Wald oder - durch das Leben.

So liebt es Gott, in kleinen, unscheinbaren Dingen und Menschen sichtbar zu werden. Zum Mini-Volk Israel sagt er: Der HERR hat euch nicht angenommen und erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat (5. Mose 7,7.8)

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und die Entdeckung im Kleinen wie im Großen: Gott ist da! Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

Audiobeitrag Wesentliches im Vorbeigehen entdecken…


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