Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.10.11, Pfarrer Christhard Ebert

Sollt ich meinem Gott nicht singen

Autor: Irgendwie fing das an wie ein ganz normaler Tag. Schlecht geschlafen, hastig gefrühstückt, ab in den Zug zum ersten Termin.

Der Kopf ist voll von den Aufgaben dieses Tages, das Herz bedrückt vom gestrigen Konflikt im Team. Alles geht zu schnell, ist zu hektisch. Ich haste durch die Einkaufsstraße einer fremden Stadt. Eigentlich ist genug Zeit, aber ich darf nicht zu spät kommen. Das Herz klopft, ich nehme kaum wahr, was um mich herum ist.

Dann dringt etwas in meine flache Aufmerksamkeit. Ich blicke auf, höre Glocken, sehe eine Kirchentür vor mir. Ich kann plötzlich nicht anders, will nur einen kurzen Blick hineinwerfen. Aber ich betrete eine andere Welt. Die Anspannung fällt ab, mein Herz weitet sich, ich atme auf, werde still.

Als die Orgel ein vertrautes Lied beginnt, wird alles, was mich in diesen ersten Tagesstunden ge-fangen hielt, ganz klein, unbedeutend und ordnet sich ein in etwas Größeres. Ich schüttele den Kopf und lächle mir selbst zu. Bloß eine kleine Unterbrechung, bloß etwas Abstand, und ich merke: ich habe nicht viel Grund, mich zu beschweren.

Sprecherin: Sollt ich meinem Gott nicht singen? / Sollt ich ihm nicht dankbar sein? / Denn ich seh in allen Dingen, / wie so gut ers mit mir mein. / Ist doch nichts als lauter Lieben, / das sein treues Herze regt, / das ohn Ende hebt und trägt, / die in seinem Dienst sich üben. / Alles Ding währt seine Zeit, / Gottes Lieb in Ewigkeit.

Autor: Schön, dass das Lied nicht mit einem harten Apell beginnt, sondern einladend und weich. Das gefällt mir. Das lässt mir genug Spielraum. Denn dieses Lied ist keines für den Moment. Ich kann es nur in dem Abstand singen, den ich in jener Kirche erlebt habe. So lässt es mich auf die Fragmente meines Lebens sehen, lässt es mich ordnen, Verbindungen herstellen, Zusammenhänge entdecken: ja, da hat sich einiges ganz gut gefügt, damals…

Choral, Vers 2: Wie ein Adler sein Gefieder / über seine Jugen streckt, / also hat auch hin und wieder / mich des Höchsten Arm bedeckt, / alsobald im Mutterleibe, / da er mir mein Wesen gab / und das Leben, das ich hab / und noch diese Stunde treibe. / Alles Ding währt seine Zeit, / Gottes Lieb in Ewigkeit.

Sprecherin: Wie ein Adler sein Gefieder / über seine Jungen streckt, / also hat auch hin und wieder / mich des Höchsten Arm bedeckt, / alsobald im Mutterleibe, / da er mir mein Wesen gab / und das Leben, das ich hab / und noch diese Stunde treibe. / Alles Ding währt seine Zeit, / Gottes Lieb in Ewigkeit.

Autor: Ja, es gab diese Momente in meinem Leben. Momente, in denen ich mich völlig geborgen und getröstet fühlte. Nichts anderes hatte da mehr Gültigkeit. Oder Momente wie die Geburt unserer Kinder, in denen ich vor Freude und Glück geweint habe. Das sind Augenblicke, in denen der Himmel offen steht. Aber es sind auch Augenblicke, in denen ich ganz still bin, nur lausche, fühle, sehe und schweige, als könnte jede Bewegung, jeder Laut den Zauber zerstören und den Himmel wieder verschließen. Das Singen kommt, aber später…

Choral, Vers 4: Seinen Geist, den edlen Führer, / gibt er mir in seinem Wort, / dass er werde mein Regierer / durch die Welt zur Himmelspfort; / dass er mir mein Herz erfülle / mit dem hellen Glaubenslicht, / das des Todes Macht zerbricht / und die Hölle selbst macht stille. / Alles Ding währt seine Zeit, / Gottes Lieb in Ewigkeit.

Sprecherin: Seinen Geist, den edlen Führer, / gibt er mir in seinem Wort, / dass er werde mein Regierer / durch die Welt zur Himmelspfort; / dass er mir mein Herz erfülle / mit dem hellen Glaubenslicht, / das des Todes Macht zerbricht / und die Hölle selbst macht stille. / Alles Ding währt seine Zeit, / Gottes Lieb in Ewigkeit.

Autor: Dankbarkeit macht schön, sagt man. Da ist sicher was dran, denn es verändert die Perspektive und damit das ganze Leben. Mit dankbaren Augen sehe ich meine Mitmenschen, meine Welt und mich selbst anders als mit misstrauischen oder griesgrämigen Augen. Was ich dankbar be-trachte, wird schön. Das strahlt aus und strahlt zurück und verändert mich selbst.

Dennoch – Leute, die ständig mit einem milden Lächeln durch ihr Leben gehen, sind mir auch nicht ganz geheuer. Ich kenne genug Situationen, in denen es keinen Grund zum Lächeln gibt. Nach einem schweren Unfall vor fast zwei Jahren habe ich zwar schnell akzeptieren können, dass es so ist, wie es ist, aber dankbar bin ich dafür bis heute nicht. Aber ich versuche zu lernen, diese bösen Monate der Schmerzen nicht losgelöst von allem anderen in meinem Leben zu betrachten, sondern sie einzubetten in meinen Glauben und darauf zu vertrauen: das eine wie das andere hat Sinn.

ChoralConcert

Sprecherin: Seine Strafen, seine Schläge, / ob sie mir gleich bitter seind, / dennoch, wenn ichs recht erwäge, / sind es Zeichen, dass mein Freund, / der mich liebet, mein gedenke / und mich von der schnöden Welt, / die uns hart gefangen hält, / durch das Kreuze zu ihm lenke. / Alles Ding währt seine Zeit, / Gottes Lieb in Ewigkeit.

ChoralConcert

Autor: Helles und Dunkles, Hohes und Tiefes, Schönes und Böses liegen in einem Leben immer eng nebeneinander – so wie in der Melodie von Johann Schop, die so gut zu dem Liedtext passt: Dur und Moll, nebeneinander, ineinander. In meinem Leben nehme ich meist nur das wahr, was mich gerade umgibt – Dur oder Moll? Daran erinnert mich dann Paul Gerhardts Lied: beides ist mein Leben – und was auch gerade dran ist, es bleibt eingebettet in Gottes Liebe. Immer wenn ich das verstehe, dann fängt es fast von selbst in mir an zu singen und ich lasse mich ziehen von dem starken Schlussbogen der Melodie und hoffe und glaube, dass mein Leben auch einmal so enden wird.

Choral, Vers 10: Weil denn weder Ziel noch Ende / sich in Gottes Liebe findt, / ei so heb ich meine Hände / zu dir, Vater, als dein Kind, / bitte, wollst mir Gnade geben, / dich aus aller meiner Macht / zu umfangen Tag und Nacht / hier in meinem ganzen Leben, / bis ich dich nach dieser Zeit / lob und lieb in Ewigkeit.

Sprecherin: Weil denn weder Ziel noch Ende / sich in Gottes Liebe findt, / ei so heb ich meine Hände / zu dir, Vater, als dein Kind, / bitte, wollst mir Gnade geben, / dich aus aller meiner Macht / zu umfangen Tag und Nacht / hier in meinem ganzen Leben, / bis ich dich nach dieser Zeit / lob und lieb in Ewigkeit.

Musikinformationen:
Musik: ChoralConcert
CD-Name: Paul Gerhard: Inspiration und Evolution
Musiktitel:  Sollt ich meinem Gott nicht singen
Komponist:  Johann Schop
Bearbeiter: ChoralConcert
Dichter:  Paul Gerhardt

Musik: Sollt ich meinem Gott nicht singen
Komponist: Johan Schop
Dichter: Paul Gerhardt
Chor: Chor an der Wichlinghauser Kirche Wuppertal-Barmen
Dirigent/Leitung: Balke-Röder, Irmgard

 


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