Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.10.11; Pfarrer Michael Nitzke

Katastrophen

Überflutungen, Erdbeben, Bürgerkriege, schwere Krankheiten. Da fragen sich viele Menschen: „Wenn es denn einen Gott gibt, wie kann er das dann alles zulassen?“

Pfarrer Martin Domke will sich beim Empfang der Evangelischen Männerarbeit in Dortmund dieser Frage nähern, doch er stößt da an Grenzen.

O-Ton: Rein gefühlsmäßig sind mir im Umgang mit dieser Frage die Menschen sehr viel näher, die frei heraus sagen, ich kann angesichts so viel Elends und so vieler Katastrophen nicht mehr an einen gütigen Gott glauben.

Autor: Doch wie kann man dennoch an Gott glauben, wenn man so viel Leid sieht?

O-Ton: Gott will nicht das Elend und nicht die Verzweiflung. Er ist da, will heilen und die Tränen trocknen, er ist an der Seite derer, die auch in diesen Tagen verzweifelt und am Ende sind in Australien, in Chile, in Tunesien, in Ägypten, in Sudan, oder im Kongo.

Autor: Gott leidet mit den Menschen, aber wer Schmerzen hat und Verluste erlebt, spürt das oft nicht. Er klagt und fühlt sich von Gott verlassen.

O-Ton: Wir können Gott erfahren, wenn wir in eine Katstrophe geraten, oder wir können ihn auch mehr als schmerzlich vermissen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ In diesen letzten Worten Jesu spiegelt sich das alles wieder. Und darum sollten wir im Ernstfall auch nicht frommer sein und frommer tun als Jesus selbst.

Autor: Das heißt, wir sollen Gott nicht Antworten in den Mund legen, die er selbst nicht gibt. Manche Katastrophen sind hausgemacht, an manchen kann man nichts ändern. Es kommt aber darauf an, wie man als Christ mit solchen Katastrophen umgeht. Martin Domke hat selbst jahrelang in Afrika gearbeitet und nennt aus dieser Erfahrung Beispiele. Da ist zunächst die politische Katastrophe des Völkermordes in Ruanda zu nennen.

O-Ton: Die UNO hat sechs Wochen lang darüber debattiert, ob man ein solches Vorgehen überhaupt Völkermord nennen durfte.

Autor: Von Menschen gemachtes Unrecht, muss beim Namen genannt werden. Und der Glaube an Gott gibt den Mut das zu tun und nicht zu schweigen. Dennoch bleibt auch für den Glaubenden ein Gefühl der Ohnmacht. Martin Domke beschreibt es:

O-Ton: dass Gott nicht einfach nur ein lieber Gott ist, sondern grausam und schweigsam, verborgen und nicht greifbar.

Autor: Ganz anders hat er die Zeit nach dem Vulkanausbruch in der Stadt Goma im Kongo erlebt.

O-Ton: Für die nächsten sechs Monate versuchen wir dort präsent zu sein, haben die Menschen besucht, sind in die Gemeinden gegangen, haben mit ihnen geredet und getrauert und wir haben versucht einfach deutlich zu machen, es geht uns etwas an, was da mit euch passiert ist. Es ist auch uns passiert.

Autor: Der Glaube an Gott verhindert nicht solches Leid, aber dieser Glaube trägt, wenn Christen das Leid miteinander teilen, und sich gegenseitig Trost geben. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, sagt man, und in diesem Sprichwort liegt Wahrheit.

O-Ton: Und bis heute, das ist jetzt acht Jahre her, reden die Menschen nicht über das Geld, was wir geschickt haben, sondern über jene Momente, die wir miteinander erlebt haben in den Gesprächen, bei den Besuchen und beim gemeinsamen Wiederaufbauen.

Autor: Das Leid nicht verschweigen und es miteinander tragen, so können Christen bezeugen, dass Gott auch im größten Unheil da ist. Er lässt das Leid nicht teilnahmslos zu, sondern er teilt es mit den Menschen.

Audiobeitrag Katastrophen


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