Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.10.11; Pfarrer Joachim Gerhardt

Schuldbekenntnis

Tag heute hat sich in die Geschichtsbücher der Kirche eingeschrieben. Es war der 19. Oktober 1945. Der Krieg war gerade vorbei. Europa lag in Trümmern.

In Stuttgart versammelten sich die wichtigsten Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland und legten gemeinsam und öffentlich ein Schuldbekenntnis ab: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben“, heißt es dort. Das Bekenntnis ist ein Schuldeingeständnis des Versagens weiter Teile der evangelischen Kirche und vor allem ihrer Leitungen in der Zeit des Nationalsozialismus.

So rasch nach Kriegsende war das nicht selbstverständlich. Viele Mitläufer aus der Nazizeit hätten am liebsten auf diese Worte verzichtet. Der Text, der am Ende der Beratungen verfasst wurde, war dann ein Kompromiss aus persönlichen Schulderklärungen und Vorentwürfen. Vor allem die Theologen, die schon in der Bekennenden Kirche Widerstand gegen die Nazidiktatur geleistet hatten, sorgten dafür, dass dieses „Stuttgarter Schuldbekenntniss“ wirklich zu Stande kam.

Menschen können versagen, sehr versagen. Aber es kann eine Zukunft geben – und das ist auch eine Botschaft für uns heute – wenn man bereit ist, aus Fehlern und Irrwegen Konsequenzen zu ziehen. „Umkehr“ heißt das in Bibel. Und Umkehr setzt voraus: Ich muss bereit sein, mein Versagen einzugestehen.

66 Jahre ist das her. Das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ hat das protestantische Leben in Deutschland verändert. Die so verhängnisvolle Nähe von Thron und Altar, von Nation und Glauben ist abgelöst worden durch eine kritische Haltung der Kirche zum Staat.

Damals hieß es: „Wir wissen uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leiden, sondern auch in einer Solidarität der Schuld. Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“ – Es gibt eine Schuld der Gemeinschaft, der Kirche, aber auch jeder Einzelne trägt Verantwortung. Auch diese Botschaft ging damals von Stuttgart aus.

Das Wichtigste aus Stuttgart ist aber die Einsicht: Wer seine Schuld bekennt, der ermöglicht neue Zukunft. Und das ist für mich ein Grundsatz für das Zusammenleben der Menschen bis hinein in die Familien, in die engsten Beziehungen.

Wer die Quellen nachliest, kann erleben, wie mühsam das „Stuttgarter Schuldbekenntniss“ zustande kam, wie stundenlang um Worte und Formulierungen gerungen wurde. Das mag heute mit Abstand gesehen, Kopfschütteln auslösen. Aber es zeigt zumindest, wie ehrlich, wie ernst es den Kirchenvertretern damals war. Ein Schuldbekenntnis darf keine billige Entschuldigung sein, ein eben mal da hin gesagtes Es-tut-mir-leid. Wer seine Schuld bekennt, der sollte es ernst meinen. Vor Gott und den Menschen. Denn nur dann darf er auch darauf vertrauen, dass es einen Neuanfang geben kann.

Die Evangelische Kirche hat diese Erfahrung machen dürfen. Es gab einen Neuanfang. Die Kirchen in Europa waren bereit, obwohl der Staub der Kriegstrümmer noch über dem Kontinent lag, die Worte aus Stuttgart zu hören und anzunehmen. Sie verständigten sich in Folge sogar auf Hilfen für die notleidende deutsche Bevölkerung. Der 19. Oktober ist ein guter, ein beispielhafter Tag der Kirchengeschichte.

Audiobeitrag Schuldbekenntnis


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