Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.10.11; Pfarrer Joachim Gerhardt

Castinggesellschaft

„Es ist völlig egal, wer du bist und was du kannst – entscheidend ist, wie du dich präsentierst!“ Der Kandidat schaut etwas verzweifelt.

Er hat gerade wacker gesungen, ein wenig getanzt, dann geweint und gelacht, aber irgendwie nicht den Ton getroffen. Geblendet von den gleißenden Kameralichtern suchen seine Augen nun Halt und Zuspruch. Er bekommt sie nicht. Das Urteil der Jury ist gnadenlos: Raus! Präsentation mangelhaft. Der nächste bitte!

Wir leben in einer Casting-Welt. Ich glaube zumindest, dass die unzähligen Sendungen dieser Art ein Spiegel unserer Gesellschaft sind. Da muss jeder zeigen, was er hat – und am besten sogar noch mehr als er hat, nur darf das keiner merken.

So entsteht der Eindruck: Das Leben entscheide sich im dauerhaften Kampf gegeneinander. Und das höchste Ziel im Leben sei es, ganz alleine, ganz oben zu stehen: als der Gewinner, der Schönste, der Superstar. Hunderte stellen sich dem Druck, Millionen schauen gebannt zu. Das Gegenprogramm zu dieser Castingkultur hören wir beim Propheten Jeremia im Alten Testament:

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern, wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“ (Jeremia Kap. 9, 22+23)

Heute– 2500 Jahre später – klingt das etwas gestelzt. Aber der tiefe Sinn dieser Worte ist für mich top-aktuell: Am Ende gefällt der, der sich am besten zurücknehmen kann, der sich nicht gegen andere und noch weniger auf Kosten anderer profiliert. Der, der andere mit Freuden an seinem Reichtum maximal teilhaben lässt.

Es gewinnt der, der am meisten gönnt. Vielleicht mag der Tag kommen, wo es eine Castingshow gibt, die genau dieses Konzept fährt. Ich vermute jedoch, wir werden darauf im Fernsehen noch ein wenig warten müssen. Denn da zählt nur eins: die Einschaltquote. Daher sind wir, jeder von uns, aufgerufen, dieses Programm ins eigene Leben einzuspeisen.

Denn die Weichen im Leben werden nicht in einer TV-Inszenierung gestellt. Die Weichen des Lebens werden daheim gestellt: wenn sich die Familie am Küchentisch versammelt, am Arbeitsplatz im Gespräch mit Kollegen, mit Mitarbeitern, auf dem Pausenhof in der Schule.

Der wahrhaft Weise, "Der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne", spricht Gott. Wirklich klug und weise sind in Gottes Augen also die Menschen, die ihr Recht nicht auf Teufel komm raus durchsetzen, sondern sich für Gottes Gerechtigkeit einsetzen.  Die sogar in dem Menschen, mit dem sie eigentlich nichts zu tun haben wollen, noch einen Menschen aus Gottes Schöpfung erkennen können. Die Frieden stiften, wo andere Konkurrenz, Neid und Missgunst säen.

Das ist kein frommer Wunsch. Denn ich glaube fest, dass nur diese Haltung auf Dauer Bestand hat. Glauben Sie es nicht? Doch. Gehen Sie einmal Ihren Lebensweg durch und denken Sie an Menschen, die Sie persönlich beeindruckt haben. Oder denken Sie an Situationen, in denen Sie selbst friedlich und versöhnlich in Ihrem Umfeld gewirkt haben. Diese Augenblicke, diese Menschen sind es, die – mit dem Propheten Jeremia gesprochen – wirklich wertvoll sind und die darum auch in Erinnerung bleiben. Sie machen uns zu den wahren Gewinnern von Morgen.

Audiobeitrag Castinggesellschaft


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