Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.10.11; Pastor Christof Lenzen

Ich und die Leistung...

Ich oute mich an dieser Stelle: Ja, ich habe es getan. Ich bin als Jugendlicher - sitzen geblieben. Ich bin nicht stolz darauf, es ist passiert.

Aber die Geschichte dahinter ist länger; ich erzähle sie stellvertretend für viele Menschen, denn sie findet sich so oder ähnlich häufiger als man denkt.

Ich kann mich gut erinnern: Ich bin in einen sehr schönen Kindergarten gegangen. Ein vielfältiges Spielgelände, moderne Erziehungsmethoden und doch ist mir ein Tag tief im Herzen hängen geblieben. Das war der Tag, an dem ich keine Schuhe anhatte. Sondern Schlappen. Hausschuhe. Ich weiß nicht mehr warum - vielleicht war es eine berechtigte erzieherische Maßnahme meiner Mutter, weil ich morgens im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus den Puschen kam. Kennt man ja - Kinder trödeln… auf jeden Fall sehe ich mich selbst am Rand des Spielgeländes sitzen. Mit hässlichen Hausschuhen. Unfähig mitzuspielen. Ich schämte mich zutiefst, fühlte mich abgewertet und ausge-lacht. Ich passte nicht rein, funktionierte nicht, war nicht richtig.

Dann die Grundschule. Alles lief glatt, zu glatt, ich war ein guter Schüler, aber schnell gelangweilt. Unterfordert. Zudem piesackte mich eine klassische alte Grundschullehrerin Modell alternde Jungfer. Mit einem Hass auf Jungs – zumindest habe ich das damals so empfunden. Irgendwann hatte ich Hausaufgaben nicht gemacht. Dritte Klasse, ich war zu früh eingeschult worden, war also acht Jahre alt. Ich sollte die nicht erbrachte Leistung durch eine Unterschrift meiner Eltern besiegeln las-sen. Ich hatte Angst, mein Versagen einzugestehen; ein kleiner Junge wie ich war, schlich ich nachts in das Wohnzimmer, holte ein Zeugnis von mir aus dem Dokumentenschrank und fälschte nun unbeholfen und zitternd die komplizierte Unterschrift meines Vaters. Natürlich flog die Sache auf und ich wurde mit meinen Eltern zum Direktor zitiert…

Leistungsdenken machte sich breit. Und auf dem Gymnasium ging es ähnlich weiter. Alles lief gut, bis ich einmal versagte. Ab diesem Zeitpunkt blockierte ich - ich weiß nicht mehr warum. Blaumachen, schlechte Noten verschweigen, Faulheit, blaue Briefe abfangen. Wieder flog es auf, wieder peinliche Gespräche, schmerzende Sätze: „Der packt es nie. Der ist faul. Wer einmal sitzen bleibt, der ist unten durch.“

Es kam genau so. Ich blieb sitzen - und das war wie ein Befreiungsschlag. Ich startete durch und machte ein gutes Abitur. Und auch das Studium, das nun folgen sollte, war zwar anstrengend, aber ich biss mich durch. Doch in meinem Herzen war ein Schmerz: Du bist nicht gut genug! Du musst besser werden! Leistung, Versagen, Angst - das waren meine Kategorien und noch immer war ich ein schüchterner junger Mann. Ich suchte nach Glaubenswegen, um mich besser zu machen und war schon einige Jahre im Buddhismus unterwegs. Mich faszinierte der Gedanke, durch eigene Leistung falsche Antriebe und Leidenschaften loswerden zu können! Also meditierte ich… und wurde immer einsamer und trauriger. Ich funktionierte, doch mein Herz, meine Seele leerte sich und füllte sich mit dunklem Nebel.

Die Lebenswende kam plötzlich. Etwas kam in mein Leben, das alles auf den Kopf stellte, vollkommen gegen jedes Leistungsdenken gerichtet war, mich aufrichtete und mit ein neues Ziel zeigte. Gott. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und eine Zusage. Sie steht im Brief des Apostels Pau-lus an die Gemeinde in Ephesus:: Durch Gottes Gnade bist du gerettet, und zwar aufgrund des Glaubens. Du verdankst deine Rettung also nicht dir selbst; nein, sie ist Gottes Geschenk an dich. Sie gründet sich nicht auf deine menschlichen Leistungen! (…) (Epheser 2, 8.9)

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und die Entdeckung im Kleinen wie im Großen: Gott ist da! Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

Audiobeitrag Ich und die Leistung...


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