Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.10.11; Pfarrerin Susanne Wolf-Withöft

Gottes Taktgefühl

Sprecher: Mich brennt´s in meinen Reiseschuhn,fort mit der Zeit zu schreiten, was wollen wir agieren nunvor so viel klugen Leuten?

Autorin: Er kannte die Sehnsucht nach der Ferne.  Er kannte sie so sehr, dass es brannte in seiner Seele, in seinen Reiseschuhn. Der Dichter Joseph von Eichendorff  ist geradezu belebt von nie versiegender Reiselust. Der Reiz ist immer neu und unwiderstehlich, weckt die Erwartung nach dem lockenden Unbekannten. So wie wir uns sehnen nach dem Neuen; nach dem fremden Ort und unbekannten Menschen. Immer wieder brechen wir mit dem Auto auf, fliegen über alle Hindernisse hinweg in entlegene Winkel oder auf vertraute Inseln, gleiten mit der Bahn durch die Landschaft. Beseelt von der  inneren Hoffnung auf Neuentdeckung.


Musik: Mich brennt’s in meinen Reiseschuhn, 1. Strophe
Mich brennt´s in meinen Reiseschuhn,
fort mit der Zeit zu schreiten,
was wollen wir agieren nun
vor so viel klugen Leuten?

Autorin: Joseph von Eichendorff kleidet diese Sehnsucht in Worte und findet blühende Bilder. Das gilt schon für das Ereignis seiner Geburt:

Sprecher 1: Der Winter des Jahres 1788 war so streng, dass die Schindelnägel auf den Dächern krachten, die armen Vögel im Schlaf von den Bäumen fielen und Rehe, Hasen und Wölfe ganz verwirrt bis in die Dörfer flüchteten… Die Konstellation war überaus günstig. Jupiter und Venus blickten freundlich auf die weißen Dächer, der Mond stand im Zeichen der Jungfrau und musste jeden Augenblick kulminieren.

Autorin: Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff, wie der Dichter mit vollem Namen heißt, begann früh Tagebuch zu schreiben. Mit 12 Jahren reisten er und sein Bruder Wilhelm mit den Eltern nach Prag. Aus dem Erlebten ließ der Dichter Landschaften des Wortes entstehen. Er ist der meistvertonte deutschsprachige Lyriker. Über 5000 seiner Gedichte verbreiteten sich durch ihre Melodien.

Sprecher 1: Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.

Autorin: Fasziniert bin ich von Eichendorffs Zauberwörtern. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich bin Susanne Wolf-Withöft. Ich bin evangelische Pfarrerin und lebe in Wuppertal. Eichendorff, dieser Dichter der Spätromantik überzeugt mich durch seine Deutung von Werk und Natur in einfachen Formen und begrenzten Bildern und Wörtern. Sein frisches Verständnis und sein feiner Sinn für Landschaften begeistern mich. Als hätte Eichendorff allen Zauber der Natur in sich hinein getrunken treibt er von Ort zu Ort. Treibt der Dichter durch die Zeit.

Musik: Mich brennt’s in meinen Reiseschuhn, 1. Strophe
Mich brennt´s in meinen Reiseschuhn,
fort mit der Zeit zu schreiten,
was wollen wir agieren nun
vor so viel klugen Leuten?

Autorin: Die Reise wird zur Lebensreise. Eichendorff studiert 1805 als junger Mann zunächst Jura und Geisteswissenschaften in Halle, später dann in Wien. Je älter Josef wird, desto feiner entwickelt sich sein Sprachgefühl. Immer zarter wird seine Einstimmung auf die Natur, immer ausgeprägter seine lyrische Begabung. Doch der Verlust der elterlichen Güter in Schlesien zwingt ihn zur Ausübung eines Brotberufs. So nimmt Eichendorff 1815 eine Stelle als Sekretär im preußischen Staatsdienst an. Es folgt eine Karriere im Beamtendasein. Gegen den Willen seiner Eltern heiratet er 1815 seine Liebe Louise von Larisch. Sie hatten sich eine reichere Verbindung gewünscht zur Sanierung der prekären Verhältnisse. Die Eltern bleiben der Hochzeit fern.

Eichendorff zahlt seinen Preis. Zwei Seelen schlagen in seiner Brust. Er lebt zwischen Dichtkunst und bürgerlicher Existenz. Zu den Wundern, die er dem Alltag abzaubert gehört die Figur des Taugenichts. Ihn lässt Eichendorff in seiner Novelle auf der Wanderung nach Italien sagen:

Sprecher 1: Ja, dachte ich bei mir, wer es so gut hätte, wie so ein Faullenzer! Unser einer muss sich in der Fremde herumschlagen und immer attent sein.

Autorin:  Den Taugenichts entwirft Eichendorff das Gegenstück zum Spießer. Philister nennt er die Angepassten, die Bürgerlichen, die den Studenten gegenüber stehen. Alle, die fertig ausgebildet sind, die, die nicht mehr reisen,sind die Philister. Sie verkörpern Routine und Alltag, wenn möglich mit Pensionsanspruch.

Sprecher 1: Ein Philister ist, wer mit Nichts geheimnisvoll und wichtig tut, wer die hohen Dinge materialistisch und also gemein ansieht, wer sich selbst als goldenes Kalb in die Mitte der Welt setzt und es ehrfurchtsvoll anbetend umtanzt.

Autorin: Es ist der sozialpolitische Eichendorff, der sich hier Gehör verschafft. Seine Romantik ist nicht harmlos. Es ist sein Weg sich über kritische Themen der damaligen Zeit, wie Waisenkinder oder Auswanderer, zu äußern. Doch mit seiner Lyrik setzt er auch Gegenakzente.Mit ihr flüchtet er aus seiner Welt in die Welt der Worte. In Landschaftsreisen lässt er die Staatsdienstpflichten hinter sich und strebt nach harmonischer Natur. Sein Blick schweift weit, öffnet den Himmel.

Sprecher 1:
Der Morgen
Fliegt der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!

Und sein Hütlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun, so will ich fröhlich singen!

Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,
Bangt dir das Herz in krankem Mut;
Nichts ist so trüb in Nacht gestellt,
Der Morgen leicht macht´s wieder gut.

Autorin: So erlebt Eichendorff die Morgendämmerung nach dem Aufstieg auf den Zobtenberg im Landeseck. Seine Liebe zum Gipfel strömt aus vielen Versen. Oben angekommen überwältigt den jungen Dichter der Anblick des Panoramas. Er liebte die Höhe bereits als Kind.

Sprecher 1: „Am liebsten wählte ich meinen Sitz in dem Wipfel eines hohen Birnbaumes, der am Abhange des Gartens stand, von wo ich dann über das Blütenmeer der niederen Bäume weit ins Land schauen konnte.“

Autorin: Aus der Höhe verschwimmen die einzelnen Linien hinein in eine Komposition von Licht, Luft und Farbe. Er fühlt sich mit dem Himmel verbunden. Seine Gedichte wollen uns nicht nur erden, sie wollen uns auch himmeln. Sie weiten den Blick für den Himmel, und lassen ahnen, dass der Himmel mehr ist, als wir mit unserem Auge sehen können. So hebt sich das Dach von unserer begrenzten Wahrnehmung.
 
Musik: Mich brennt’s in meinen Reiseschuhn, 2. Strophe
Es hebt das Dach sich von dem Haus
Und die Kulissen rühren
Und strecken sich zum Himmel raus,
Strom, Wälder musizieren.

Autorin: Eichendorff ist geprägt von seinem katholischen Elternhaus. Mit seinem älteren Bruder Wilhelm wird er in frühen Jahren von Pfarrer Bernhard Heinke zuhause unterrichtet. Später besuchen die Brüder das katholische Gymnasium in Breslau. Zu seinem Alltag gehört es die Bibel zu lesen. So entwickelt er in seiner Lyrik das, was der Bonner Theologe Henning Schröer viele Jahre später „Theo-Poesie“ nennt. Lyrik verbindet sich mit Theologie, Wort mit Glaube. Eichendorffs Gedichte sind Warnung vor der Abnabelung vom Glauben, vor zunehmenden Subjektivismus und Nützlichkeitsdenken. 

Sprecher 1: „Und keiner kennt den letzten Akt von allen, die da spielen, nur der da droben schlägt den Takt, weiß, wo das hin will zielen.“

Autorin: Nur der da droben schlägt den Takt. Für Eichendorff ist sebstverständlich, dass nicht wir ausschließlich unsere Lebensreise gestalten. Es ist Gottes Taktgefühl aus dem wir leben. Gottes Takt?!

Sprecher 2: Der Begriff Takt stammt von dem lateinischen Wort tactus und bedeutet „Berührung, Stoߓ. Takt ist Beziehung. Wenn wir taktvoll miteinander umgehen, rühren wir uns an, geben uns einen Ruck, motivieren, bringen in Bewegung

Autorin: So können wir Eichendorff hören. Nur der da droben schlägt den Takt heißt: unser Leben wird berührt, angestoßen. Der Ursprung des Lebenstaktes wird offenbar. Gott berührt. Nach seinem Ebenbild hat er uns geschaffen. Gottes Atem ist dem Menschen eingehaucht. So erzählt es die Schöpfungsgeschichte. Der Dreierrhythmus unseres Lebens – das Einatmen, Ausatmen, nicht Atmen – dieser Dreierrhythmus ist uns geschenkt.

Musik: Mich brennt’s in meinen Reiseschuhn,4. Strophe
Und keiner kennt den letzten Akt von allen,
die da spielen, nur der da droben schlägt den Takt,
weiß, wo das hin will zielen.“

Autorin: Der Takt, den Gott für uns schläg: Ich stelle mir das wie zwei Melodien vor. Eine Grundmelodie Gottes, die liebevoll hartnäckig den Takt schlägt und unsere Melodie der Lebensreise, die wir intonieren und mitbestimmen.

Musik: Mich brennt’s in meinen Reiseschuhn, Instrumental

Autorin: Der vorgegebene Takt ist aber nicht immer harmonisch auf die Lebensmelodie abgestimmt. Gott durchkreuzt den eingespielten Takt seiner Menschen. Konfrontiert ihn mit seinem eigenen. Und der mag für alle ein anderer sein. Gleichtakterei gehört an das Dirigentenpult und auf die Galeeren, aber nicht in Gottes Hand.
Den Takt wörtlich genommen, heißt das: Gott mutet uns, seinen Menschen, seine Berührung, seinen Stoß zu. Und dieser Stoß entspricht nicht immer unserer Vorstellung. Es ist die tiefe Einsicht des christlichen Glaubens, dass Gottes Takt nicht immer die Lebensmelodie ergibt, die wir uns wünschen. Allein Gott weiß, „wo das hin will zielen“ dichtet Eichendorff. Da klingt sein biblischer Glaube nach. Einer, den er beim Propheten Jesaja kennengelernt hat.

Sprecher 2: Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. 
(Jes 55, 8)

Autorin: Auch für Joseph von Eichendorff hinterlässt Gottes Takt Wunden. Der Klang seiner Lebensmelodie war dissonant und brüchig. Im jungen Alter verliert er seinen zweijährigen Bruder Gustav. Das furchtbare Erlebnis, die verstörende Intonation führt zu seinem ersten mit seinem Bruder Wilhelm veröffentlichten Gedicht:

Sprecher 1:
Am frühen Grabe unseres Bruders Gustav

So steht beim jungen Baume,
Den wild der Nachtsturm brach
Der noch im Abendtraume
Ihm Blüt’ und Frucht versprach,

Ein Pflanzer starren Blickes
Stumm und in sich gekehrt;
Die Hoffnung seines Glückes,
Denn ach, die ist zerstört!

Autorin: Und -  Eichendorff kennt die Harmonien des Lebens. Seine Liebe zu Louise und seine Kinder Hermann, Rudolf und Therese sind sein Glück. Nur der da droben schlägt den Takt.

Eichendorffs Lyrik und sein Gottvertrauen wirken bis heute nach. So formulierte die Theologin Dorothee Sölle in ihrem Text „Genauer wünschen lernen“ ähnlich und doch eigen: 

Sprecherin 1:
In einem rhythmus leben mit dir
über die gleichen vögel lachen
zusammen aufstehen murren arbeiten gehen
hungrig werden und mit dir kochen

In einem rhythmus leben gegen dich
lieben wollen wenn du lesen willst
diskutieren wenn du weinst
nüchtern sein wenn du dich betrinkst

Wünschen möchte ich lernen
mit dir und gegen dich
dasein möchte ich für dich
ohne mich aufzulösen

Dein bin ich und nicht dein
aber immer noch vielmehr dein
als ich je mein war
was man genau genommen
für einen gottesbeweis halten kann

Autorin: Der romantische Dichter Joseph von Eichendorff erinnert wohltuend an den Rhythmus unseres Lebens. Und er schickt uns auf die Reise in die Welt, die weit mehr ist, als das was wir sehen. Gute Reise, wohin es Sie auch immer zieht, wünscht Ihnen Susanne Wolf-Withöft von der evangelischen Kirche.

Musik: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.“

Literatur: Joseph von Eichendorff. GW
Dorothee Sölle, Erinnert euch an den Regenbogen. Texte, die den Himmel auf Erden suchen, Freiburg i.B., 5. Auflage 1999, 162.

Audiobeitrag Gottes Taktgefühl


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