Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.10.11; Superintendent Dr. Dieter Beese

Wann fängt das Leben an?

Liebe Hörerin, lieber Hörer, „Seit ich im Ruhestand bin, habe ich überhaupt keine Zeit mehr!“ Diesen Satz höre ich immer wieder.

Wie oft im Leben macht auch hier der Ton die Musik. Meistens ist dieser Satz mit einem Lachen verbunden. Dieses Lachen sagt mir: Ich bin doch erleichtert und erfreulich überrascht. Ich hatte schon die Sorge, ich könnte, wenn ich älter werde und aus dem Beruf ausscheide, aufs Abstellgleis gestellt sein. Gott sei Dank – es ist ganz anders.

Udo Jürgens hat das Lebensgefühl dieser Jungen Alten genau getroffen:

Musik: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an… 

Mit 66 Jahren… Die Botschaft ist klar: Wenn die Kinder aus dem Haus sind, wenn die Berufstätigkeit aufhört, dann beginnt das wahre, echte Leben. Man ist eben noch zu jung, um sich zurück zu ziehen. Wir nutzen die Zeit, die uns bleibt. Wir sind aktiv und unternehmungslustig. Wir tun alles, wozu wir zuvor keine Zeit hatten.

Natürlich, so schön und bunt und heiter ist das nicht immer, und auch nicht bei jedem. „Ich hatte mich so auf die Zeit danach gefreut, und jetzt…“ Ich will nicht ausmalen, was da alles unsere Pläne durchkreuzen kann. Stattdessen möchte ich an eine sehr erstaunliche, zunächst befremdliche biblische Geschichte erinnern.

Abraham und seine Frau Sara sind miteinander alt geworden. Jetzt bekommen sie unerwarteten Besuch. Drei Männer, drei Gottesboten haben eine Nachricht von Gott für sie:

Sprecher: „Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben.“

Sara ist im Zelt, hört mit und lacht. Es ist nicht das Lachen unternehmungslustiger Senioren. Ihr Lachen ist anders, spöttisch vielleicht. Da ergreift Gott selbst das Wort und schreibt den beiden ins Stammbuch:

Sprecher: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“

Dann passiert etwas Unglaubliches. Es wird erzählt, Abraham sei 100 Jahre alt gewesen, und Sara nicht wesentlich jünger, als sie tatsächlich ihren Sohn Isaak zur Welt bringt.
Wofür steht eigentlich diese merkwürdige Geschichte? Die beiden sind nun wirklich alt gewesen. Die Einschränkungen und Beschwernisse des Alters waren ihnen gewiss vertraut. Und es hat da auch große Enttäuschungen in ihrer Ehe gegeben. Das Thema der beiden war also nicht der Wunschtraum ewiger Jugend oder ewigen Glücks. Aber Gottes Thema ist das Unvorhergesehene, das nicht erwartete neue Leben. Auch in das alt gewordene Leben kann etwas Neues kommen.

Die jungen, aktiven und lebensfrohen Senioren haben gut lachen, und das ist gut so. Aber warum soll nicht auch denen, die es im Alter schwer haben, unverhofftes Glück zufallen, so lächerlich es scheinen mag? Dass ich so etwas noch erleben darf! Das hätte ich nicht gedacht! Dann gibt es trotz allem, was war, und trotz allem was ist, dennoch Grund zum Lachen, zumindest so viel, dass es für den heutigen Tag reicht. 

Das wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Münster.

Audiobeitrag Wann fängt das Leben an?


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