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Wo ist mein Kind?
Liebe Hörerin, lieber Hörer,es ist schon eine Weile her. Mein Kollege fragte mich: Sag mal, wie ist das eigentlich bei euch zu Hause?
Geht es da auch so heftig zu mit patzigen Antworten, Türen knallen, unmöglichen Klamotten und diesen ständigen Diskussionen? Wunderbar ist das, wenn die heranwachsenden Jugendlichen das Leben entdecken. Aber in diesem Alter ist mit dem hoffnungsvollen Nachwuchs nicht immer gut Kirschen essen. Sie ahnen schon, worum es geht. Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden. Und, nicht zu vergessen: Peinlich!
Es gibt eine Geschichte von Jesus, bei der ich vermute: Die Eltern Maria und Josef waren Jesus peinlich. Die Familie geht nach Jerusalem zum Passahfest, zusammen mit vielen anderen Verwandten und Bekannten. Jesus ist dabei, zwölf Jahre alt. Nach dem Fest bricht die ganze Gesellschaft wieder auf, und jeder denkt: Irgendwo wird der Junge schon sein. Der Junge war auch irgendwo, nur nicht dort, wo er hingehörte. Er hatte sich selbstständig gemacht, drei Tage lang.
Die Eltern, ganz aufgelöst vor Sorge, finden ihn schließlich. Was regt ihr euch denn so auf? Ich muss jetzt unbedingt hier sein. Jesus war im Tempel, unterhielt sich mit jüdischen Gelehrten. In der Bibel kann man im Anschluss über die Eltern lesen: Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.
Was mich an dieser Geschichte aufhorchen lässt ist dies: Aus dem gewohnten Gang der Dinge kann im Handumdrehen ein Drama werden: Maria und Josef kehren sofort um von ihrem Heimweg. Sie lassen alles stehen und liegen. Jetzt zählt nur noch eins: Wo ist unser Kind? Welche Eltern würden nicht genau so reagieren wie Maria und Josef?
Mit Schrecken denke ich daran, wie wir eines unserer Kinder (es war noch klein) einmal in einem großen Einkaufszentrum verloren haben. Schockstarre, angsterfülltes Suchen, Ausrufen durch den Lautsprecher, und dann Gott sei Dank saß es seelenruhig und selbstvergessen auf dem Packtisch einer Kundenkasse und spielte dort, als sei nichts geschehen. Etwa eine Stunde hat der Spuk gedauert, für uns eine Ewigkeit.
Jesus war immerhin zwölf Jahre alt, aber dafür auch schon drei Tage überfällig. Es waren die gelehrten und klugen Lehrer im Tempel, die ihn faszinierten und die von ihm fasziniert waren. Offensichtlich hat Jesus um sich herum alles vergessen, als er die Lehrer im Tempel in Diskussionen verwickelte. Und alle, die ihm zuhörten, wunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Jesus hat sich wohl richtig zu Hause gefühlt.
Die Geschichte geht gut aus. Nach einem ersten Wortwechsel geht Jesus mit seinen Eltern, und die Familie kommt heil wieder nach Hause.
Nicht immer gehen solche Geschichten gut aus. Viele Großeltern und Eltern machen sich Sorgen, wenn ihre Enkelkinder und Kinder eigenständig nach Vorbildern und Orientierung suchen und sich ausprobieren: Junge Menschen wollen etwas erleben, etwas riskieren, an die eigenen Grenzen gehen. Sie wollen Leute kennenlernen, auch solche, von denen die Eltern nichts wissen und wissen sollen. Das ist durchaus riskant und mit Gefahren verbunden. Und wir sind froh und erleichtert, wenn die jungen Leute an Menschen geraten, die ihnen gut tun. Und wir sind froh, wenn sie bei allem Ausprobieren - wissen, wo sie hingehören. Jesus und die Schriftgelehrten im Tempel haben einander gut getan. Die Gelehrten hörten auf den Jungen, und Jesus wusste: Hier gehöre ich hin. Weiß ich, wohin ich gehöre? Und: An wen geraten eigentlich junge Menschen, wenn sie an mich geraten? Es wäre doch toll, wenn auch wir uns gegenseitig gut tun könnten!
Gute Begegnungen, gleich ob jung oder alt, wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Münster.
Wo ist mein Kind?
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